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Kolumne Winnemuth Alles wird schlimmer!


Wovor wollen Sie sich fürchten – dem Islam, einem Rechtsruck, Trump oder Gluten? Entscheiden Sie sich! Keine Angst zu haben ist keine Option.
Von Meike Winnemuth

Kürzlich gab es diese Party, auf der aber auch wirklich alle waren. Es war die After-Show-Party zur Lesung, auf der auch schon alle waren. Am Morgen dachte ich noch: Ich muss heute Abend unbedingt in die Stadt, wenn schon nicht zur Lesung, dann wenigstens zur Party. Diesen und jenen wiedersehen, dieses und jenes bequatschen, dieses und jenes Glas trinken.

Doch je länger der Tag dauerte, desto egaler wurde das Ganze, und am Ende blieb ich vor dem Ofen, legte noch ein Scheit nach, las weiter in dem Buch, um das es ging, und fand: beste Gesellschaft, das Buch, mehr muss nicht sein.

Solche Abende nehmen zu. Vor zehn, 20 Jahren hätte es mich nicht vor meinem Ofen gehalten. Heute mischt sich der leichte Bedauernskater am Morgen danach – vielleicht wäre es ja wirklich legendär geworden – mit dem angenehm bräsigen Gefühl von JOMO, der "joy of missing out", die ab einem gewissen Alter die viel besungene FOMO ("fear of missing out") ablöst, also die Angst, etwas zu verpassen.

Die Befürchtung, zu unbesorgt zu sein

FOMO galt in den letzten Jahren als der Dauerschnupfen einer immer feinmaschiger vernetzten Welt. Je besser man wusste, was und wie es die anderen machten, desto größer die Angst, nicht auf der Höhe der Zeit zu sein, desto schmerzlicher die Erkenntnis, nur den zweitbesten Weg gefunden zu haben oder gar den siebzehntbesten, und desto quälender das Gefühl, sich immer nur irgendwie durchzustümpern, gut genug, aber selten richtig gut und nie optimal.

Das Leben der anderen, immer schien es so viel gelungener als das eigene. Ich dagegen scheine mit zunehmendem Alter nur noch an FOMOOF zu leiden, "fear of missing out on fear". Meine Angst ist, dass mir langsam die gesellschaftlich relevanten Formen von Angst abhandenkommen. Meine Befürchtung ist, dass ich zu wenige Befürchtungen habe, dass ich zu unbesorgt bin, zu geübt im Achselzucken und Abwinken. Denn das Prinzip Angst scheint nicht nur das Universalargument für jede Art von Dummheit, sondern auch das große gesellschaftliche Gleitmittel zu sein.

Jeder hat ständig nur noch Angst

Besonders in der derzeit modischen Mehrzahl: Über die Ängste bilden sich Gruppen und findet Verständigung statt. Gehört man zu denen, die Angst vor dem Islam/der Überfremdung/dem Alleswird-anders haben, oder zu denen, die Angst vor Rechtsruck und Barbarisierung haben? Man hat sich gefälligst für irgendein Genre von Angst zu entscheiden. Welches, das bestimmt die Weltanschauung.

Aber Angst muss es sein, das scheint der kleinste gemeinsame Nenner dieser Zeit zu sein. Angst vor dem IS, vor Trump, vor Putin, vor Altersarmut, vor Bedeutungsverlust, vorm Untergang des Abendlandes, vorm Ende der Jugend, vorm Ende der westlichen Demokratien, vor Gluten. Wenn jeder ständig nur noch Angst hat, ist es fast schon egal, wovor.

Da hilft nur wieder das Alter

Vielleicht ist es ein Generationenproblem. "Die Jahrgänge des Nachkriegs, die bislang das Sagen hatten, waren noch von dem Gedanken geprägt, dass das Schlimme hinter ihnen lag.Die nach 1964 Geborenen hingegen haben das dumme Gefühl, dass das Schlimme erst noch kommt", sagt der Soziologe Heinz Bude, der zum Thema das kluge Buch "Gesellschaft der Angst" geschrieben hat. 

Vielleicht ist es auch nur eine Definitionsfrage: Wenn selbst die Möglichkeit, eine Party zu verpassen, mit der Horrorvokabel Angst belegt wird und man andererseits bei Ereignissen wie Brüssel vergangene Woche per Liveticker in die Dauer-Hysterie gepeitscht wird, ist es kein Wunder, dass Angst zum Normalzustand geworden ist. Da hilft nur wieder das Alter. Und die damit verbundene Gewissheit: Auch dies geht vorbei. Da mache ich mir nicht die geringsten Sorgen.


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