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Kolumne Winnemuth: Wenig ist so befriedigend wie hingebungsvolles Putzen

Ob mit Palmenwachscreme oder chemischen Massenvernichtungswaffen: Putzen macht glücklich. Man darf das nur nicht auf Partys erzählen, dann steht man bald allein da.

Von Meike Winnemuth

Frau mit Schutzhandschuhen putzt eine Heizung

Als leidenschaftliche Hausfrau würde sich stern-Kolumnistin Meike Winnemuth nicht bezeichnen - dafür putzt sie mit Inbrunst

Mit dem Ehemann einer guten Freundin überlegte ich neulich, ob wir uns mal zum Schuhputzen treffen sollten. Wir verwarfen es, weil es uns ja doch keiner abkaufen würde. Aber wir redeten zumindest darüber, klandestin, in der Küche, am Rande einer Geburtstagsfeier. "Burgol Juchtenfett", sagte ich, "das gelbe. Mit Dorschtran." "Ehrlich?", fragte er ergriffen. "Und nimmst du auch Sattelseife zum Vorreinigen?" Die Leute um uns herum, die sich einen neuen Wein holten, guckten komisch. Wir senkten die Stimmen. Man wird leicht zur gesellschaftlichen Randgruppe, wenn man sich als libidinöser Schuhputzer outet.

Ich würde mich nicht als leidenschaftliche Hausfrau bezeichnen (ich schaffe es auch nach Jahrzehnten nicht, ein Spannbettlaken zusammenzulegen, und habe das Bügeln aus weltanschaulichen Gründen weitgehend eingestellt), aber ich putze mit Inbrunst.

Es gibt nichts Schöneres als abwaschen

Zum Beispiel Silber, weil ich da meine "Downton Abbey"-Fantasien ausleben kann. Viel zu tun habe ich nicht, weil ich nur ein einziges, auch nur versilbertes, mächtig angedengeltes kleines Teekännchen besitze. Aber wie unendlich befriedigend, das Ding von leicht angelaufen zu hochglänzend zu polieren, natürlich mit "Schmitzol's Wiener Kalk" aus Kaolinit und gemahlenem Quarz. (Daher auch der Ausdruck "wienern", gern geschehen.) Wie ebenfalls unendlich befriedigend, meinen alten dänischen Palisandertisch mit Babéra Anti-Kratzer Teakholzöl einzureiben und dabei ein weiteres Mal über die Putzanweisung auf der Flaschenrückseite zu sinnieren: "In hartnäckigen Fällen etwas Zigarrenasche für die Behandlung hinzunehmen." Ist dies ein hartnäckiger Fall? Kenne ich einen Zigarrenraucher? Könnte mal ein Leser was für mich in einen Briefumschlag aschen, bitte?

Doch mein Schönstes: abwaschen. Ich besitze keine Spülmaschine, ich habe stattdessen die Hände im warmen Wasser, einen meditativen Blick aus dem Küchenfenster sowie ein butterweiches handgewebtes Geschirrtuch aus Halbleinen mit Gerstenkornmuster von der Weberei Henni Jaensch-Zeymer aus Geltow bei Potsdam (nicht bei Manufactum erhältlich). Und ich habe eine weitere Viertelstunde sinnvoll genutzt, die ich sonst auf Nebensächliches wie Kolumnenschreiben verschwendet hätte.

Putzen ist reine Psychologie

Putzen ist reine Psychologie. Wie man putzt, ob mit Kraft oder Geduld, ob penibel, entnervt, furios, oberflächlich, hingebungsvoll, zähneknirschend oder auch schlicht gar nicht, verrät viel über einen Menschen. Wobei es selten eindeutig ist: Während ich bei nahezu allen Putzaktionen Wert auf Naturzeugs wie Orangenöl, Palmenwachscreme und Bürsten aus geschlitztem Rosshaar lege, kann es bei der Toilettenreinigung gar nicht brutal genug sein. Dort muss es eine neonfarbene Massenvernichtungswaffe wie "Bref Power 6x Effekt WC-Kraftgel Max White" sein, die man laut Aufdruck besser mit "geeigneter Schutzkleidung, Schutzhandschuhen und Schutzbrille/Gesichtsschutz" benutzt. Das klingt gut! Gefährlich! Als könnte man darin Leichen auflösen! Das klingt vor allem aber so, als ob der berühmte Sinnersche Kreis, der das Putzergebnis als komplexes Zusammenspiel von Chemie, Temperatur, Mechanik und Zeit definiert, sich in diesem Fall auf einen einzigen Faktor beschränkt: pure Chemie. Reingießen, Atmung einstellen, "selbstaktiv" wirken lassen, fertig. Genial.

Ansonsten plädiere ich dafür, den Sinnerschen Kreis um weitere Faktoren zu erweitern, die unabdingbar für den Sauberkeitsgrad sind. Der Winnemuth-Sinnersche Kreis lautet folglich: Chemie, Temperatur, Mechanik, Zeit, Putzfimmeligkeit, Dreckresistenz, Prokrastinationsbedürfnis, bevorstehender Elternbesuch.

Oldtimer gekauft - bei Instandsetzung Unfallschäden entdeckt
Hallo, ich habe mir vor ein paar Wochen einen amerikanischen Oldtimer gekauft - ein Import aus den Staaten, bekam hier eine Vollabnahme und H-Gutachten. Aufgrund der Entfernung konnte ich den Wagen jedoch lediglich auf Fotomaterial besichtigen und auf den Fotos sah er aber sehr gut aus - hatte wenig Laufleistung und wurde auch beim Gespräch mit dem Verkäufer am Telefon mit einem guten Zustand beworben. Nach der Lieferung fielen mir dann sofort 2 Roststellen auf, wo ich mir noch sagte "Hey - das Auto ist 40 Jahre alt - darf es haben, also reparierst du es einfach". Bei der Reparatur stellen sich dann jedoch weitere Roststellen heraus, die sogar zur Demontage der Innenverkleidungen, Kotflügel und Windschutzscheibe führten. Aber Ok - altes Auto. Der Wagen ging daraufhin zum Lackierer und wurde dort weiter behandelt. Dabei kamen dann weitere Mängel zum Vorschein: Die Beifahrertüre wurde bereits im unteren Bereich dick mit Spachtel überzogen - die Unterkante wurde ausgetauscht und von innen nicht versiegelt - das Blech rostete durch. Jedoch war das gesamte untere Türdrittel komplett verbeult - dazu braucht es schon einen recht großen Hammer. Ca. 8mm dicke Spachtelbrocken musste ich abschlagen. An einer Stelle wurde das Blech der Seitenwand bereits ausgetauscht. Durch die schlechte Arbeit waren Blechteile vollständig durchrostet. Auf der anderen Seitenwand hatte der Wagen einen weiteren Treffer kassiert - das Blech war eingedrückt und wurde mit massig Spachtel übergetüncht. Von außen nur anhand sehr schlechtem Lackbildes zu sehen und von innen sind deutlich Schweißpunkte vom Blechzughammer erkennbar. Auch die Seitenscheiben waren stümperhaft montiert. Diese wurden nicht mit Scheibenkleber, sondern einer kaugummiartigen Substanz montiert und fielen bei der Demontage der Zierleisten dem Lackierer bereits entgegen. Laut Verkäufer wurden die Seitenwände zwar überlackiert (was man auch sehen konnte), ein Grund wurde jedoch nicht genannt - angeblich schlechter Lack oder Kratzer. Nun meine Frage: Im Kaufvertrag ist der Wagen wie folgt beschrieben: "Keine Unfallschäden laut Vorbesitzer" "Dem Verkäufer sind auf andere Weise keine Unfallschäden bekannt" Weitere Regelungen gibt es im Kaufvertrag nicht. Durch die Beseitigung der Durchrostungen an den unfachmännisch ausgeführten Blech- und Spachtelarbeiten ist der Preis für die Lackierung deutlich gestiegen. Kann man beim Verkäufer hierfür mitunter Schadensersatz geltend machen? Gekauft wurde das Fahrzeug Mitte Dezember 2018, geliefert in der 2ten KW im Januar. Danke im Voraus für eure Antworten.