Opfer rechten Terrors
20 Jahre nach NSU-Mord an Halit Yozgat bleiben Fragen offen

Der Mord an Halit Yozgat ist bis heute nicht vollständig aufgeklärt. (Archivbild) Foto: Uwe Zucchi/dpa
Der Mord an Halit Yozgat ist bis heute nicht vollständig aufgeklärt. (Archivbild) Foto
© Uwe Zucchi/dpa
Zum 20. Todestag von Halit Yozgat wird in Kassel an das Opfer des NSU erinnert. Die Ermittlungen und die Rolle der Behörden bei der Aufklärung des Mordes werfen bis heute Fragen auf.

Er war das neunte und jüngste Opfer der Terrorzelle "Nationalsozialistischer Untergrund" (NSU): Am 6. April 2006 wurde Halit Yozgat im Alter von 21 Jahren in seinem Internetcafé an der Holländischen Straße in Kassel ermordet. Die genauen Umstände der Tat sind auch 20 Jahre später noch ungeklärt. Yozgat wurde durch zwei gezielte Kopfschüsse ermordet. 

Zunächst gingen die Behörden von Drogengeschäften als Hintergrund der Tat aus. Auch seine Familie stand unter Verdacht. Seit der Selbstenttarnung des NSU 2011 ist klar: Der Mord an Halit Yozgat war Teil der Mordserie der rechtsterroristischen Terrorgruppe, die zwischen 2000 und 2007 insgesamt zehn Menschen tötete. 

NSU-Mordserie in Deutschland 

Die Opfer waren acht türkischstämmige und ein griechischstämmiger Kleinunternehmer sowie eine Polizistin: Neben Halit Yozgat tötete das rechtsterroristische Netzwerk Enver Şimşek, Abdurrahim Özüdoğru, Süleyman Taşköprü, Habil Kılıç, Mehmet Turgut, İsmail Yaşar, Theodoros Boulgarides, Mehmet Kubaşık und Michèle Kiesewetter. Zudem ist der NSU für etliche Raubüberfälle und mehrere Bombenanschläge verantwortlich.

Die Neonazi-Terrorzelle bestand aus Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt. Mundlos und Böhnhardt töteten sich 2011 in Eisenach, um ihrer Festnahme zu entgehen. Erst dann flog der NSU auf. Zschäpe wurde 2018 als Mittäterin zu lebenslanger Haft verurteilt.

Rolle von damaligem Verfassungsschützer ungeklärt

Der Mord an Halit Yozgat wirft bis heute Fragen auf. Zum Tatzeitpunkt hielten sich mehrere Kunden in den Telefonkabinen und Computerräumen des Cafés auf. Augenzeugen gab es dennoch keine. Die Täter konnten unbemerkt flüchten. 

Auch ein damaliger Verfassungsschützer aus Nordhessen war kurz vor oder während der Tat in dem Internetcafé, nach eigenen Angaben aus privaten Gründen. Von dem Mord will er nichts mitbekommen haben. Der Mann geriet vorübergehend in Verdacht. Weil ihm keine Beteiligung an der Tat nachgewiesen werden konnte, wurde das Verfahren gegen ihn eingestellt. 

Auch Volker Bouffier sagte in Ausschuss aus

Die Frage nach seiner Rolle hat auch den NSU-Untersuchungsausschuss des hessischen Landtags beschäftigt. Das Gremium sollte herausfinden, ob bei der Aufklärung des Mordes an Yozgat in hessischen Behörden Fehler gemacht wurden. 

"Die Rolle des damaligen Mitarbeiters des Verfassungsschutzes war und ist dubios", sagt der damalige stellvertretende Vorsitzende des Untersuchungsausschusses, der nordhessische SPD-Landtagsabgeordnete Günter Rudolph. "Dass er nichts mitbekommen haben soll und zufällig in dem Internetcafé war, haben wir immer in Zweifel gezogen." 

Auch Hessens ehemaliger Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) sagte in dem Untersuchungsausschuss als Zeuge aus. Als damaliger Innenminister hatte er nach dem Mord an Yozgat durch einen Sperrvermerk verhindert, dass die Polizei die Informanten des Verfassungsschützers direkt befragen durfte, etwa um dessen Alibi zu überprüfen. Ihm wurde deshalb vorgeworfen, die Ermittlungen behindert zu haben, was Bouffier stets bestritt. 

Kritik an Sicherheitsbehörden

Der Mord an Halit Yozgat sei "ein einschneidendes, schreckliches Ereignis" gewesen, sagt der SPD-Politiker Rudolph. "20 Jahre danach ist man eigentlich immer noch fassungslos, wie so etwas passieren konnte." Die Zusammenarbeit der Behörden innerhalb der Bundesländer und des Bundes sei schlecht gewesen, die Aufklärungsbereitschaft zunächst gering. "Sonst hätte es viel früher eine Aufdeckung geben müssen." 

Die Sicherheitsbehörden auf Bund- und Länderebene hätten in dieser Hinsicht versagt, kritisiert Rudolph. "Dass eine Terrorgruppe jahrelang unerkannt durch die Bundesrepublik reisen und morden konnte, das bleibt nach wie vor unglaublich für mich."

Der hessische NSU-Untersuchungsausschuss beendete seine Arbeit Mitte 2018 nach vierjähriger Tätigkeit. Über weite Teile war die Aufklärung von parteipolitischem Streit geprägt, einen gemeinsamen Abschlussbericht gab es nicht. Die im Ausschuss vertretenen Fraktionen einigten sich lediglich auf ein gemeinsames Vorwort, das auch eine Entschuldigung bei den Opferfamilien enthält.

Platz in Kassel nach Opfer benannt

In Kassel hat der Mord an Halit Yozgat sichtbare Spuren hinterlassen. In unmittelbarer Nähe des Tatortes gibt es einen Gedenkstein und den nach Yozgat benannten "Halitplatz". Die Leuchtinstallation "86° WALTER HALİT" auf dem Dach des Regierungspräsidiums Kassel erinnert an Yozgat und den 2019 von einem Rechtsextremisten erschossenen CDU-Politiker und damaligen Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke. 

Gedenkfeier zum 20. Todestag

Für den 6. April ist in Kassel eine Gedenkfeier zum 20. Todestag von Halit Yozgat geplant. Erwartet werden der frühere Bundespräsident Christian Wulff, der türkische Generalkonsul Erdinç Evirgen sowie die Ombudsfrau der Bundesregierung für die Angehörigen der Opfer des NSU, Barbara John. Neben Kassels Oberbürgermeister Sven Schoeller (Grüne) wird auch Halit Yozgats Vater Ismail Yozgat sprechen. Er hatte seinen sterbenden Sohn vor 20 Jahren gefunden. 

Im hessischen NSU-Untersuchungsausschuss schilderte er im November 2017, wie er den Kopf seines Sohnes damals in die Hand genommen habe, doch Halit habe nicht mehr reagiert. Immer wieder habe er "Halit" gerufen. Sein Sohn aber habe nicht mehr geantwortet.

dpa