Als Reaktor vier explodierte
40 Jahre Tschernobyl: Warum die Katastrophe spürbar bleibt

Eine Drohne beschädigte die 2016 von einem Koblenzer Unternehmen gelieferte Schutzhülle. (Archivfoto) Foto: Efrem Lukatsky/AP/dp
Eine Drohne beschädigte die 2016 von einem Koblenzer Unternehmen gelieferte Schutzhülle. (Archivfoto) Foto
© Efrem Lukatsky/AP/dpa

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Nach einem verheerenden Atomunfall in der Ukraine zieht eine radioaktive Wolke bis nach Westeuropa. Vier Jahrzehnte ist das her. Der Super-GAU hat Folgen bis heute.

Düster ragt das stillgelegte Atomkraftwerk Tschernobyl mehr als 100 Meter hoch in den Himmel der Ukraine. Im Innern lodert seit der Katastrophe vom 26. April 1986 ein "Höllenfeuer": etwa 200 Tonnen Uran und weitere radioaktive Stoffe. Am Sonntag jährt sich der verheerende Atom-Unfall am Rande Europas zum 40. Mal. Ein Sarkophag aus Edelstahl schützt seit 2016 vor dem Austreten kontaminierter Partikel.

Ein Projekt wie kein anderes

Auch zehn Jahre nach der spektakulären Montage ist der damalige Auftrag für Christoph Schmidt von herausragender Bedeutung. "Für mich war es das Projekt meines Berufslebens", sagt der Sales Director der Kalzip GmbH. Die Firma aus Koblenz, die damals zur indischen Tata-Gruppe gehörte, hatte die riesige Hülle geliefert. "Ein Projekt, das wirklich einen Unterschied für die Sicherheit einer Region darstellt, gewinnt man vermutlich nur einmal im Leben."

Kontrollbesuche nach Fertigstellung gab es nicht. "Da unsere Konstruktion wartungsfrei ist und auf eine Lebensdauer von 100 Jahren geplant wurde, bestand keine Notwendigkeit." Schon in der Planungsphase seien extreme Szenarien berücksichtigt worden. "Es musste per Tests nachgewiesen werden, dass unsere Konstruktion einen Tornado der Klasse 3 überstehen wird."

An alles gedacht - außer an Krieg

Auch außergewöhnliche Belastungen seien einkalkuliert worden. "Ein Hagelkorn von zehn Kilogramm würde die Dachkonstruktion zwar beschädigen, aber die Funktion des Daches würde weiter bestehen." Rückblickend ergänzt Schmidt: "Zu diesem Zeitpunkt dachte man, dass man an alle Eventualitäten der kommenden 100 Jahre gedacht hatte."

Doch dann begann 2022 der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine, mit Folgen auch für Tschernobyl. "Leider konnte keiner damit rechnen, dass jemand eine Explosivdrohne auf den New Safe Confinement steuern würde", sagt Schmidt. "Diese Drohne hat ein etwa zwei Meter großes Loch in die Dachkonstruktion gesprengt. Dabei sind große Teile der radioaktiv beständigen Membran verbrannt." Das habe Auswirkungen auf die Sicherheit. "Derzeit werden Lösungsmöglichkeiten einer temporären Wiederherstellung diskutiert."

Als das "Höllenfeuer" ausbrach

Um 1.23 Uhr Ortszeit war vor 40 Jahren ein Test außer Kontrolle geraten, Reaktor vier explodierte: der Super-GAU, der größte anzunehmende Unfall. Die Detonation wirbelte tagelang radioaktive Teilchen in die Luft, von der damaligen Sowjetrepublik breitete sich die abgeschwächte Wolke über Westeuropa aus.

Zehntausende mussten die Region verlassen. Mit ihrem rostenden Riesenrad wirkt die Geisterkulisse der eilig evakuierten Stadt Prypjat bei Tschernobyl heute wie ein Pompeji der atomaren Ära.

Immer noch in Rheinland-Pfalz messbar

Auch 40 Jahre nach dem Unfall zeigen sich in Rheinland-Pfalz noch Spätfolgen der Katastrophe. "Auch wenn bis heute etwa 60 Prozent des Cäsium-137 zerfallen sind und die überwachte radioaktive Belastung von Lebensmitteln insgesamt zurückgegangen ist, werden auch in Jahrzehnten die Auswirkungen des Reaktorunglücks von Tschernobyl noch messbar sein", teilte das Landesuntersuchungsamt (LUA) mit.

Besonders deutlich seien die Spätfolgen bei Wildschweinen und Pilzen zu sehen. "Auf den sauren Waldböden ist das dort gebundene radioaktive Cäsium insbesondere für Pilze verfügbar", heißt es vom LUA. Wildschweine wühlten einen Teil der Nahrung aus dem Boden und würden neben anderen Pilzen auch Hirschtrüffel fressen. "Dieser unterirdisch wachsende Pilz reichert Cäsium besonders gut an. Dadurch ist die Belastung von Wildschweinfleisch in einigen Regionen in Rheinland-Pfalz immer noch deutlich erhöht."

Konsum von Wildschweinfleisch unbedenklich

Grundsätzlich könne jedoch Entwarnung gegeben werden. "Dies zeigt die Auswertung des LUA von mehr als 24.000 Datensätzen zu erlegten Wildschweinen in Rheinland-Pfalz. Danach ist auch der reichliche Konsum von Wildschweinfleisch aus allen rheinland-pfälzischen Gemarkungen im Hinblick auf die radioaktive Belastung unbedenklich."

Bei Stichproben sei es in den vergangenen Jahren zu keiner Überschreitung des Höchstwerts von 600 Becquerel pro Kilogramm gekommen. "Zu wild gesammelten Pilzen gab es im LUA 2022 bis 2025 Untersuchungen in 70 verschiedenen Speisepilzproben. Auch hier lagen alle Messwerte deutlich unter dem Höchstwert."

Die Behörde in Koblenz messe aber auch regelmäßig etwa Gemüse, Obst, Fleisch und Milch - ohne Feststellungen in den vergangenen Jahren. Das radioaktive Cäsium auf landwirtschaftlich genutzten Flächen, teilte das LUA mit, sei so fest im Boden gebunden, dass es nicht von Pflanzen aufgenommen werden könne - und damit nicht in die Nahrungskette gelange.

dpa