Fahren im Alter - was tun?
Unfälle mit Senioren entfachen Debatte um Fahrtüchtigkeit

In Niesky (Sachsen) hatte eine 84 Jahre alte Frau einen Wagen mit mehreren Kindern an einem Zebrastreifen erfasst. (Symbolbild)
In Niesky (Sachsen) hatte eine 84 Jahre alte Frau einen Wagen mit mehreren Kindern an einem Zebrastreifen erfasst. (Symbolbild) Foto
© Julian Stratenschulte/dpa
Zwei Unfälle in Sachsen und Thüringen: Eine 84-Jährige fährt in eine Gruppe Kinder, ein 88-Jähriger überfährt beim Parken zwei Senioren. Muss die Fahrtauglichkeit älterer Menschen gecheckt werden?

Nach zwei schweren Unfällen in Sachsen und Thüringen, bei denen Senioren vermutlich Hauptverursacher waren, ist erneut eine Diskussion um die Fahrtüchtigkeit von älteren Menschen entbrannt. In der vergangenen Woche war eine 84-jährige Frau in Niesky (Sachsen) in eine Krippengruppe gefahren, ein Erzieher und ein Mädchen wurden dabei verletzt. Anfang des Monats überfuhr eine 88-Jährige beim Zurücksetzen auf einem Parkplatz zwei Menschen, ein 75 Jahre alter Mann und seine 71 Jahre alte Frau starben. 

Worum geht es in der Debatte? 

Auslöser sind oft schwere Unfälle, bei denen ältere Fahrerinnen oder Fahrer mutmaßlich Fehler gemacht haben – das sorgt regelmäßig für Forderungen nach mehr Kontrolle. Im Kern geht es um die Frage, ob und wie die Fahrtüchtigkeit älterer Autofahrer regelmäßig überprüft werden sollte. Die Diskussion geht dabei von freiwilligen Praxis-Checks bis zu verpflichtenden Rückmeldefahrten. 

Muss ich als älterer Autofahrer also bald eine erneute Überprüfung der Fahrtüchtigkeit ablegen? 

Nein, in Deutschland gibt es keine solche Pflicht - und sie ist auch nicht geplant. Die ganze Debatte ist nicht neu. Schon 2023 hatte die EU-Kommission eine Reform der Verkehrsvorschriften angestoßen, in der Folge wurde vor allem über die Aspekte medial diskutiert, in denen es um die Fahrtüchtigkeit von Senioren ging. 

Deutschlands damaliger Verkehrsminister Volker Wissing (damals FDP) positionierte sich wegen möglicher Altersdiskriminierung deutlich gegen verpflichtende Überprüfungen der Fahrtauglichkeit. Auch die EU entschied sich schließlich gegen eine regelmäßige Erneuerung des Führerscheins bei älteren Autofahrern. Vor allem von Versicherern wird die Fahrtüchtigkeit von Senioren aber immer wieder thematisiert. 

Sind ältere Menschen wirklich häufiger in Unfälle verwickelt? 

Dabei kommt es stark auf die Interpretation der Statistiken an. In den vergangenen Jahrzehnten ist der Anteil der verunglückten Personen, die älter als 65 Jahren sind, deutlich angestiegen. In Sachsen etwa nach Daten des Statistischen Landesamtes von 5,89 Prozent im Jahr 1995 auf 17,81 Prozent im vergangenen Jahr. Gleichzeitig wuchs aber auch der Anteil der älteren Menschen in der Bevölkerung insgesamt. Die größte Gruppe bei den Verunglückten machten im vergangenen Jahr Menschen zwischen 25 und 44 Jahren aus: 28,7 Prozent. 

Gemessen an ihrem Anteil an der Gesamtbevölkerung sind ältere Menschen laut Statistischem Bundesamt seltener in Autounfälle verstrickt als jüngere. Darauf weist auch der ADAC hin. 

Der über die Jahre beobachtete Anstieg von Autofahrern und -fahrerinnen ab 75 Jahren, die bei Unfällen mit Todesfolge als Hauptverursacher erfasst wurden, habe zwei Gründe: Zum einen sei die Zahl der Menschen mit Führerschein in diesem Alter gestiegen, zum anderen wachse ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung. 2023 waren laut Tüv-Verband 25 Prozent der Autofahrer 65 Jahre und älter, 2015 waren es erst 17 Prozent. 

Sind ältere Menschen häufiger schuld an Unfällen? 

Vor allem jüngere und ältere Autofahrer sind Hauptverursacher bei Unfällen, wie aus Daten des Statistischen Bundesamtes hervorgeht. So wurden im Jahr 2024 in mehr als zwei Drittel der Fälle (68,4 Prozent), in denen Senioren in Unfälle mit Personenschaden verwickelt waren, diese auch als Hauptverursacher für den Crash verantwortlich gemacht. Bei den 18- bis 24-jährigen unfallbeteiligten Autofahrer war das Bild ganz ähnlich. In der Altersgruppe der 25- bis 64-Jährigen war der Anteil der Hauptverursacher mit 52,3 Prozent deutlich geringer.

Regionale Statistiken liegen nicht für alle Bundesländer vor. In Thüringen war der Anteil der Unfälle, bei denen Menschen über 65 Jahren Verursacher waren, sogar noch höher als im deutschlandweiten Vergleich. Von den 12.613 Verkehrsunfällen im Jahr 2024, an denen Verkehrsteilnehmer ab 65 Jahren beteiligt waren, wurden die Unfälle in mehr als 70 Prozent der Fälle auch von diesen verursacht. Bei den Über-75-Jährigen lag der Anteil sogar bei mehr als 75 Prozent.

Was sind Hauptursachen für Unfälle bei Senioren?

Bei Verkehrsunfällen, die durch Verkehrsteilnehmer ab 65 Jahren verursacht wurden, werden laut Unfallstatistiken immer wieder die gleichen Ursachen genannt: Vorfahrtsfehler, überhöhte Geschwindigkeit, Fehler beim Abbiegen, zu geringe Sicherheitsabstände und falsches Verhalten gegenüber Fußgängern. 

Was sind Argumente für oder gegen verpflichtende Überprüfungen? 

Interessenverbände bewerten solche verpflichtenden Maßnahmen sehr unterschiedlich. Der ADAC lehnt verpflichtende Fahrtüchtigkeitsprüfungen ab einem bestimmten Alter ab. Begründet wird das unter anderem damit, dass Alterungsprozesse individuell sehr verschieden verlaufen und entscheidend eher Gesundheitszustand und Fahrerfahrung seien. Außerdem seien Tests nur Momentaufnahmen und könnten trügerische Sicherheit erzeugen. 

Der Tüv-Verband schlägt ein Stufenmodell vor: zunächst sogenannte freiwillige Rückmeldefahrten, ab 75 Jahren sollten Rückmeldefahrten aus Sicht des Verbands regelmäßig und verpflichtend werden. 

Der Landesseniorenrat Thüringen bewertet verpflichtende Überprüfungen aufgrund des Alters wegen des Diskriminierungsrisikos kritisch. Er befürwortet freiwillige Angebote. Diskutiert werden kann aus seiner Sicht aber, ob Checks bei ärztlich festgestellter Indikation obligatorisch sein müssen.

Seniorenverbände verweisen darauf, dass die Mobilität ein entscheidender Faktor bei der Teilhabe im Alltag sei. Es wird allerdings auch betont, dass bestimmte Krankheiten wie Demenz klar mit Fahruntauglichkeit einhergehen können.

Was sind die Unterschiede zwischen Fahreignungstest, Gesundheitscheck und Rückmeldefahrten?

Verpflichtende Fahrtauglichkeits-Tests allein aufgrund des Alters gibt es in Deutschland nicht. Nach dem Entzug des Führerscheins, etwa wegen Gewalt- oder Drogendelikten oder wegen zu vieler Punkte in Flensburg, können aber medizinisch-psychologische Untersuchungen (MPU) angeordnet werden. Sie werden von Verbänden wie dem ADAC oder dem Tüv aber auch abgelehnt, weil sie nur eine Momentaufnahme seien und zu einer trügerischen Sicherheit führen könnten. 

Gesundheitschecks sind freiwillig und werden etwa vom ADAC empfohlen, etwa was das Sehvermögen betrifft. Auch Seniorenverbände sprechen sich dabei für eine gute Zusammenarbeit zwischen den Senioren und Ärzten aus. 

Sogenannte Rückmeldefahrten können Senioren etwa bei einer Fahrschule buchen - sind keine Prüfung im klassischen Sinne, sondern eine Fahrt mit Beobachtung und anschließender Rückmeldung, die helfen soll, die eigene Fahrkompetenz realistischer einzuschätzen. 

Welche Warnzeichen im Alltag sprechen dafür, dass ich Unterstützung brauche?

Seniorenvertretungen verweisen bei den Warnzeichen vor allem auf das Zusammenspiel nachlassender Fähigkeiten, nicht nur auf ein einziges Problem wie etwa die Sehstärke. Als Risikofaktoren nennt der Landesseniorenrat Thüringen insbesondere Einschränkungen beim Sehen, bei der Reaktionsgeschwindigkeit und bei der kognitiven Verarbeitungsgeschwindigkeit; relevant sei außerdem das Hören, weil Ältere auch als Fußgänger oder Radfahrende Verkehrsteilnehmer seien. 

Welche Hilfsangebote gibt es? 

Als Ansprechpartner kommen je nach Region etwa unabhängige Sachverständige für freiwillige Rückmeldefahrten in Betracht, auch Auffrischungsangebote und Fahrsicherheitstrainings werden angeboten, etwa vom ADAC, dem Tüv oder Fahrschulen. 

Weil Senioren aber nicht nur als Auto-, sondern auch als Radfahrer am Verkehr teilnehmen und bei Unfällen besonders gefährdet sind, werden regional auch hier spezielle Angebote gemacht. In Sachsen-Anhalt starten ab April unter anderem mehrere Volkshochschulen entsprechende Kurse.

dpa

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