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Axel-Springer-Preis in Bronze "Die Geschichte war deutlich komplexer": die Recherche zu "Doktor Gammel holt ein Kind"

Mit einem Stethoskop horcht Doktor Gammel Khairis Organe ab
Mit einem Stethoskop horcht Doktor Gammel Khairis Organe ab. Bei den Untersuchungen ist der Junge wie erstarrt. "Als müsste er den Horror noch einmal erdulden", sagt Gammel
© Tamina-Florentine Zuch / stern
Der stern-Reporter Jonas Breng hat für seine Geschichte "Doktor Gammel holt ein Kind" den Axel-Springer-Preis in Bronze gewonnen. Im Interview erzählt er, wie sich die Recherche entwickelt hat und welche Schwierigkeiten es gab. 

Für seine Reportage "Doktor Gammel holt ein Kind" hat stern-Autor Jonas Breng den Axel-Springer-Preis 2020 in Bronze erhalten. Der Text des 31-Jährigen erzählt die Geschichte einer besonderen Freundschaft. Auf der einen Seite steht Doktor Gammel, ein deutscher Arzt aus Mössingen, auf der anderen Seite Khairi, ein vier Jahre alter Junge aus dem Irak, der von einem IS-Kämpfer auf bestialische Art und Weise gefoltert wurde.

Als der deutsche Arzt vom Schicksal des Jungen erfährt, entscheidet er zu helfen und Khairi zusammen mit einem Teil seiner Familie nach Deutschland zu holen. Er setzt damit einen Prozess in Gang, der ihn immer wieder an seine Grenzen bringt und an dessen Ende er sich fragt, ob er die richtige Entscheidung getroffen hat. Das Reporterteam reiste dafür zwei Mal in den Irak und begleitete Khairi und seine Familie bei dem komplizierten Prozess, in Deutschland ein zu Hause zu finden. Im Interview erzählt Jonas Breng, wie die Geschichte ins Rollen kam, wie sie sich entwickelte – und was für Schwierigkeiten es gab. 

Wie sind Sie auf die Geschichte gestoßen?

In diesem Fall kam die Geschichte zu uns. Andreas Gammel, der Hauptprotagonist der Reportage, der sich aufgemacht hat, Khairi aus dem Irak zu retten, war auf der Suche nach Spendengeldern, um die Operationen für den Jungen zu finanzieren. Er hatte schon gute Erfahrungen mit dem stern gemacht und hat sich deshalb an unsere Redaktion gewandt.

Wie ging die Recherche dann los?

Mir und der wunderbaren Fotografin Tamina-Florentine Zuch war klar, dass wir Doktor Gammel auf seinem Weg in den Irak begleiten mussten. Zunächst war das Stück ja als Schicksalsgeschichte zum Ende des IS geplant, als Porträt eines Jungen, der unvorstellbare Grausamkeit erlebt hatte. Dann stellte sich im Verlauf der Recherche allerdings schnell heraus, dass die Geschichte deutlich komplexer war. Gammels Einsatz, seine Rückschläge und Zweifel, sowie die vielen Wendungen, die die Geschichte nahm, zeigten, dass die Reportage von der Schwierigkeit des Helfens insgesamt erzählen musste. Unser großes Glück war dabei, dass Gammel und Khairis Familie uns dabei so dicht herangelassen haben. Das war ein großes Privileg.

Über was für einen Zeitraum erstreckte sich die Recherche?

Insgesamt waren es knapp zwei Jahre. Es ging im Juli 2017 los und wir waren bei fast allen wichtigen Treffen und Begegnungen dabei. Das umfasste zwei Reisen in den Irak, mehrere Treffen in Nürnberg und Konstanz sowie einen Besuch bei Doktor Gammel in Mössingen. Die mehrstündigen Interviews mit Khairis Mutter fanden zu unterschiedlichen Zeitpunkten in Nürnberg und Konstanz statt und wurden wie fast jedes Treffen von einer Übersetzerin begleitet. 

Gab es Schwierigkeiten bei den Reisen in den Irak?

Zwischen den Reisen lag knapp ein Jahr. Insofern waren die Schwierigkeiten sehr unterschiedlich. Bei unserer ersten Reise war der IS noch nicht besiegt, die Kämpfe um Mossul liefen also noch. Trotzdem war es recht einfach, über Erbil in den Irak zu kommen. Die zweite Reise war komplizierter. Gammel musste Khairis Brüder nach dem Tod des Vaters irgendwie nach Deutschland holen. Das Problem war aber, dass zur Zeit unserer zweiten Reise die Kämpfe um Afrin tobten und der Flughafen in Erbil gesperrt war. Zusammen mit Gammel mussten wir deshalb über den Landweg aus dem Süden der Türkei in den Irak einreisen. Das war etwas kompliziert. Vor allem auf dem Rückweg, wo wir allein für den Grenzübertritt acht Stunden brauchten. Wir mussten dafür einen Taxifahrer anheuern, der uns zurück in die Türkei brachte. Leider ist dann eine Schlägerei zwischen zwei Taxifahrern ausgebrochen, weil jeder uns transportieren wollte. Am Ende rannte ein aufgebrachter Fahrer hinter unserem Auto her und schlug immer wieder mit einer abgebrochenen Antenne auf unser Autodach. Aber es ging alles gut.  

Wie konnten Sie Khairis Familie überzeugen, dass Sie sie begleiten konnten und Khairis Mutter, ihre Geschichte zu erzählen?

Das ist es, was mich bei der Geschichte am meisten berührt und beeindruckt hat. Das Vertrauen von Jaleela, die ja selbst schwer traumatisiert ist. Als wir sie zum ersten Mal trafen, lag die Gefangenschaft gerade einmal zwei Monate zurück. Sie war sehr schüchtern und sprach kein Englisch. Wir haben uns deshalb viele Treffen Zeit gelassen mit den ersten Gesprächen über die Gefangenschaft. Diese Gespräche waren für Jaleela natürlich eine Qual. Wir haben deshalb immer wieder unterbrochen. Die schrecklichen Schilderungen sind das Destillat der am Ende fast zehn Stunden Interviewmaterial, das wir hatten. Teilweise haben wir die gleichen Fragen zwei Mal stellen müssen, zu unterschiedlichen Zeitpunkten. Einfach weil Jaleela unsere einzige Quelle war und wir sicher gehen mussten, dass die Schilderungen stimmten. Ich bin sehr dankbar, dass sie für uns noch einmal durch diesen Horror gegangen ist. Es hat durch die Spendengelder, die der Text eingespielt hat, dazu beigetragen, dass Khairis Operationen bezahlt werden konnten. 

Die Schilderungen der Folter im Text sind sehr grausam. Was macht das mit einem?

Es war selbst für uns, die nur zuhörten, kaum zu ertragen. Aber wir haben uns zusammengerissen: Einfach aus Respekt vor der Stärke von Khairis Mutter. Doch natürlich haben mich der Text und die Recherche wahnsinnig lange beschäftigt. Ich habe deshalb auch sehr lange gebraucht, das Ganze aufzuschreiben. Wahrscheinlich gibt es viele Menschen, die sagen würden, solche Gewaltschilderungen seien überfordernd und falsch, doch obwohl ich viel mit mir gerungen habe, glaube ich, dass es richtig war. Man kommt der Wahrheit in dieser Geschichte nämlich nur näher, wenn man sich auch der Abscheulichkeit stellt, die diesem Jungen widerfahren ist. Nur so werden Andreas Gammels Entscheidungen verständlich.

Interview: Rune Weichert

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