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Von Hamburg bis München "Glühwein to go" vielerorts verboten – Behörden gehen gegen Infektionsgefahren vor

Schlange an einem "Glühwein to go"-Laden in Hamburg
Wie hier im Hamburger Schanzenviertel standen die Menschen oftmals eng an eng an, um einen "Glühwein to go" zu kaufen
© Daniel Reinhardt / DPA
"Glühwein to go", "Glühwein-Taxi", "Glühwein-Strich" – in Zeiten fehlender Weihnachtsmärkte werden Händler und Gastronomen kreativ. Doch immer mehr Kommunen wollen den Infektionsgefahren nicht mehr tatenlos zu sehen – zuletzt zog Hamburg den Stecker.

Hamburg zieht die Reißleine. Weil sich vor allem in den Szenestadtteilen Sternschanze und Ottensen sowie in Winterhude nach Angaben der Behörden in den vergangenen Tagen immer wieder große Menschenansammlungen bei Glühweinverkäufen gebildet haben, verbietet die Hansestadt ab sofort in diesen Bereichen den "Außerhausverkauf alkoholischer Heißgetränke" von 16 bis 22 Uhr, wie es in der Allgemeinverfügung heißt.

Nach der Absage der traditionellen Weihnachtsmärkte in Hamburg und anderen Städten hatten zahlreiche Bars, Restaurants, Kioske und andere Einzelhändler vielerorts "Glühwein to go" angeboten – und viele Abnehmer gefunden. Vor allem in den Abendstunden tummelten sich bei den Händlern mitunter die Menschen, wie stern-Reporter beobachteten. "Erfahrungsgemäß sinken darüber hinaus mit zunehmendem Alkoholkonsum die Bereitschaft und die Fähigkeit, Abstands- und Hygieneregeln einzuhalten", hieß es in einer Mitteilung der Hamburger Stadtverwaltung. Polizei und Bezirksämter sollen das nun verhängte Glühwein-Verkaufsverbot kontrollieren und durchsetzen.

Experten kritisieren Glühwein-Stände

Hamburg steht zwar mit einer Inzidenz von 117 Coronavirus-Neuinfektionen auf 100.000 Einwohnern in sieben Tagen verhältnismäßig gut da, ist jedoch noch weit davon entfernt, Entwarnung zu geben. Der 50er-Wert, ab dem Infektionsketten wieder zuverlässig nachvollzogen werden können sollen, ist noch in weiter Ferne.

Der "Glühwein to go" mit Menschenansammlungen an den Verkaufsstellen ist kein alleiniges Hamburger Phänomen. Bundesweit nutzen Gastronomen und Händler das Schlupfloch. Gesundheitsexperten und Politiker zeigen sich wenig begeistert von dem Modell. "Es kann ja nicht sein, dass die einen für den Glühwein zuständig sind, und die anderen für die Intensivstation", kritisierte Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) am Sonntagabend in der RTL-Sendung "2020! Menschen, Bilder, Emotionen". Während manche "mit 40, 50 Mann am Glühweinstand" stünden, arbeiteten zur selben Zeit Pflegekräfte rund um die Uhr und gäben "alles, um Menschen eben das Überleben möglich zu machen".

In Berlin nennen die Medien einige Straßen schon "Glühwein-Strich" ("Berliner Zeitung"). Die Ordnungsbehörden wollen nun auch dort vermehrt gegen zu viel Rummel vorgehen.

In Köln tat sich als prominenter Kritiker SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach hervor. "Glühweinstände unterlaufen unsere Kontaktbeschränkungen. Ich verstehe nicht, weshalb die Stadt Köln das zulässt", schrieb er auf Twitter. "Das kostet zum Schluss Neuinfizierte und Tote. Dazu ist später noch Zeit, wenn wir geimpft sind." Er berichtete auch, wie er Leute ohne Abstand und Maske, aber mit Glühwein oder Bier gesehen habe.

In Köln gilt von 22 bis 6 Uhr ein Konsumverbot für Alkohol im öffentlichen Raum. Auch der Verkauf ist in dieser Zeit untersagt. Die Einhaltung der Regeln liege im Interesse aller, deswegen wolle die Stadt nicht zu jeder Zeit überall sein, sondern setze auf die Einsichtsfähigkeit der Bürgerinnen und Bürger und auch auf die Verantwortung der Glühweinstand-Betreiber, sagte ein Stadtsprecher der Nachrichtenagentur DPA. Er kündigte an, dass es weitere Sanktionen geben könne.

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Mit einem Alkoholkonsumverbot reagiert auch München auf die weiterhin hohen Infektionszahlen – ab dem 9. Dezember ist dann auch dort Schluss mit "Glühwein to go". Andere Städte, darunter Leipzig, haben den Getränkeverkauf oder Alkoholausschank an Ständen schon verboten.

"Weihnachtsmärkte über die Hintertür"

In Lüneburg im Norden Niedersachsens gibt es Kritik am dortigen "Weihnachtsmarkt light". Bei dem am Wochenende gestarteten Lüneburger "Gassenzauber" hat die Polizei zahlreiche Verstöße gegen Corona-Auflagen registriert. Wie erwartet seien viele Besucher und Touristen in die Innenstadt geströmt und die Verweilzonen bereits nach kurzer Zeit überfüllt gewesen, teilte die Polizei am Sonntag mit. Vor den Buden drängten sich demnach die Menschen und Abstände wurden nicht eingehalten. Die erworbenen Nahrungsmittel wurden überall in der Innenstadt verzehrt. In Lüneburg hatten 22 Buden auf "Weihnachtsinseln" mit "Verweilzone" Glühwein, Bratwurst und Schmalzkuchen eingeladen. "Wer nicht wagt, der nicht gewinnt", hatte der Bürgermeister der Hansestadt, Ulrich Mädge, bei der Vorstellung des Konzeptes gesagt. Niedersachsens Gesundheitsministerin Carola Reimann (SPD) sagte im NDR, dass sie nicht viel von dem Experiment hält: "Allen muss klar sein, dass das Virus immer da, wo nachgelassen wird, auch wieder zuschlägt." Es könne nicht sein, dass immer wieder versucht werde, "kreativ irgendwie um die Regeln herumzukommen."

Das versuchten auch Geschäftstüchtige in Erfurt. Dort wurde laut Bericht der "Bild"-Zeitung trotz Alkoholausschankverbots Glühwein in geschlossenen und erwärmten Flaschen verkauft. Aus anderen Städten wie Nordhorn in Niedersachsen werden sogenannte "Glühwein-Taxis" gemeldet, die ihren Kunden die heißen Getränke ausliefern.

In Baden-Württemberg will Gesundheitsminister Manne Lucha (Grüne) den Alkoholausschank im Freien verbieten. Das wolle er dem Kabinett vorschlagen, sagte er dem SWR. "Wir haben jetzt gerade am Wochenende in den großen Innenstädten gesehen, dass im Prinzip die Weihnachtsmärkte über die Hintertür kommen, dass wir Riesenschlangen an Glühweinständen hatten."

Zuletzt empfahl die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina einen "harten Lockdown" ab Heiligabend mit ersten schrittweisen, weiteren Einschränkungen des öffentlichen Lebens schon ab dem 14. Dezember. Die Erfahrungen aus anderen Staaten hätten gezeigt, "dass schnell eingesetzte, strenge Maßnahmen über einen kurzen Zeitraum erheblich dazu beitrügen, die Infektionszahlen deutlich zu senken und niedrig zu halten", erklärte die Akademie am Dienstag. Doch solange die Landesregierungen diesen Vorschlägen noch nicht folgen, werden wohl noch weiter Schlupflöcher gesucht, genutzt – und gestopft.

Quellen: Mitteilung Hamburg, Corona-Zahlen Hamburg, "2020! Menschen, Bilder, Emotionen", "Berliner Zeitung", Karl LauterbachAllgemeinverfügungen München, Polizeiinspektion Lüneburg, NDR, "Bild"-Zeitung, SWR, Leopoldina, Nachrichtenagenturen DPA und AFP


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