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Adipositas Zwei Brüder im Bauche


Konstantin und Philipp Mirliauntas waren einst Leistungssportler, dann nahmen beide so extrem zu, dass nur noch eine OP Hilfe brachte. Die Geschichte eines ungewöhnlichen Zwillingspaars - mit Happy End.
Von Antje Brunnabend

Es waren einmal zwei Brüder, die waren kräftig und gesund. Sie wuchsen zu starken Burschen heran, die im sportlichen Wettstreit viele andere besiegten. Bis sie, in ihren Zwanzigern, plötzlich dick und dicker wurden. Und schließlich dreidreiviertel und vier Zentner wogen.

Vom Leistungssport zur Fettsucht - wie konnte das passieren? Konstantin Mirliauntas hebt ratlos die Schultern. "Das frage ich mich heute noch." Am 20. Januar 1967 wurde er geboren, vier Minuten nach ihm kam sein Bruder Philipp auf die Welt. Die eineiigen Zwillinge, die innig aneinander hingen, waren lebhaft, fröhlich und motorisch geschickt, ein Talent, das die Eltern nach Kräften förderten. Mit fünf gingen die Hamburger Jungs zum Judo.

Zwei Jahre später wechselten sie zum Fußball und spielten bis zur B-Jugend. Danach begannen sie mit Handball. Als Philipp 17 war, nahm ihn ein Freund mit zum Rugby-Training beim FC St. Pauli. Er war begeistert: ein Sport, der Kraft, Ausdauer und Aggression verband. Als der Trainer erfuhr, dass der begabte Neue einen Zwillingsbruder hatte, lud er den zum Training ein. Auch Kosta fand das kampfbetonte Spiel "einfach nur geil". Im vierten Jahr stiegen sie mit der Mannschaft in die erste Bundesliga auf.

Überstunden und "Kompaktnahrung"

Zu dieser Zeit wogen sie 95 Kilo, bei 1,82 und 1,87 Meter Größe - "nur Muskeln", erinnert sich Kosta. "Da war kein überflüssiges Gramm Fett." Zwei- bis dreimal in der Woche ging er zum Rugby-Training, zweimal ins Fitnessstudio, um mit Kraftaufbau Verletzungen vorzubeugen. Am Wochenende stand immer ein Spiel an, 80 anstrengende Minuten lang. Sport extrem. "Rugby ist ungeheuer hart, vor allem, wenn man im Angriff spielt", sagt Kosta.

Bei den Eltern - die Mutter Halbitalienerin, der Vater Grieche - kam gesunde Mittelmeerkost auf den Tisch: viel frisches Obst und Gemüse, Lamm und Fisch, Zaziki und reichlich Olivenöl. Doch nach ihrem Auszug gewöhnten sich die Brüder an "Kompaktnahrung", wie sie es nennen: Currywurst, Hamburger, Pommes und Pizza. Noch war das kein Problem. Der Sport glich das Fast Food aus. Allerdings fand sich immer weniger Zeit dafür. Philipp arbeitete als Groß- und Außenhandelskaufmann im Betrieb des Vaters, Kosta als Reiseverkehrskaufmann im Reisebüro der Mutter.

Das Aus für den Sport

Als Juniorchef, fand er, könne er abends nicht früh gehen, um pünktlich um 18 Uhr beim Training zu sein. Derselbe Leistungswille, der ihn auf dem Feld nach vorn stürmen ließ, hinderte ihn nun daran, eine gesunde Balance zwischen Beruf und Hobby zu finden. Er schob Überstunden, schwänzte das Training, gab die Kraftübungen auf. Sein Körper löste schließlich den Konflikt.

Bei einem Freundschaftsspiel sprang ein Mitspieler beim Tackling in ihn hinein. Kosta verdrehte das Knie, fiel - und wusste: Das war's. Kreuzbandriss. Die Quittung dafür, dass er nicht mehr auf sich achtgegeben hatte. Rugby könne er vergessen, sagte der Arzt. Kosta war es recht, einerseits. Der Beruf ging vor. Andererseits vermisste er die Spiele, den Mannschaftsgeist. Und er wurde dicker.

"Ich fühlte mich überhaupt nicht mehr satt"

Auch Philipp fand keine Zeit mehr für den Sport. Und auch er legte zu: "Wenn Sie jahrelang Leistungssport gemacht und immer viel gegessen haben und dann mit dem Sport aufhören, hören Sie ja nicht auf zu essen. Und dann nehmen Sie im Handumdrehen 10, 20, 30 Kilo zu." Eine Erfahrung, die Sportmedizinern geläufig ist. "Zunächst war das nicht so schlimm", sagt Philipp. "Wir waren ja fit. Die 120 Kilo sah man uns nicht unbedingt an."

Doch dabei blieb es nicht. Kosta hockte täglich zehn bis zwölf Stunden im Büro und ernährte sich fast nur noch von "Kompaktnahrung". "Ich fühlte mich überhaupt nicht mehr satt", sagt er. "Nach der Arbeit ging ich mit Kollegen zu McDonald's. Auf dem Heimweg holte ich mir noch einen Burger. Und wenn ich dann zu Hause war, ließ ich mir eine Pizza kommen." Eine Freundin, mit der er vielleicht hätte kochen können, gab es nicht: Die ersten vorsichtigen Liebesbeziehungen waren so unglücklich verlaufen, dass er keinen Versuch mehr wagte.

Das Gewicht wurde zum Problem

140 Kilo. Jetzt reichte es. Kosta ging für zwei Wochen zum Fasten in eine Klinik. 20 Kilo waren rasch weg. Und ebenso schnell wieder drauf. Das Gewicht wurde zum Problem; beruflich aber lief es gut für beide. Nachdem der Vater seinen Großhandelsbetrieb und die Mutter ihr Reisebüro verkauft hatten, gründete Kosta eine Firma für Golfreisen, die bald expandierte, Philipp stieg als Angestellter in einer neuen Firma zügig auf. Irgendwann gründete Kosta, zum Spaß, mit Freunden einen "etwas anderen" Golfklub. Einen, der den Golfsport von seinem spießig-elitären Image befreien sollte. Der "St. Pauli Golfclub" zählt heute über 1800 feierfreudige Mitglieder und ist so etwas wie Kostas Familie. Und war lange Ersatz für eine Partnerschaft.

An Liebe war nicht mehr zu denken

Auch bei Philipp war an Liebe nicht mehr zu denken. Er hatte einen Führungsposten bei einem internationalen Unternehmen angenommen und damit auch Überstunden, unregelmäßige Arbeitszeiten, Jetlag. Den Stress kompensierte er durch Essen, das auf Reisen schnell verfügbar war - Fast Food. Das Gewicht stieg und stieg. "Irgendwann ist ein Punkt erreicht", sagt er, "das macht keine Frau mehr mit. Keine Chance."

Die Eltern sahen der Gewichtsexplosion mit wachsender Verzweiflung zu, redeten ihren Söhnen ins Gewissen. Die versuchten, das Problem mit Diäten in den Griff zu bekommen: "Brigitte"-Diät, Weight Watchers, Atkins, Kohlsuppendiät, BCM, Hollywood-Diät, Trennkost. Jedes Mal nahmen sie 10 oder 20 Kilo ab, hielten es nicht mehr aus, nahmen wieder zu. Schließlich gaben sie auf: Kosta pendelte sich bei 200 Kilo und einem Body-Mass-Index von 60 ein, Philipp bei 185 und einem BMI von 53.

Die Figur war ihnen peinlich

Was die Zwillinge am Ende rettete, war wohl der Anspruch an sich selbst. Sie empfanden ihr Fett zunehmend als peinlich. Kosta schwitzte wie verrückt, wenn bei Veranstaltungen mal Tische zu rücken waren. Philipp wollte im Flugzeug am liebsten im Sitz versinken, wenn ihm die Stewardess eine Verlängerung für den Gurt reichte.

Er war es, der sich schließlich nach chirurgischen Therapiemöglichkeiten erkundigte. Im Adipositaszentrum des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf riet man Philipp zu einem Magenbypass. Dabei werden Teile des Dünndarms mit einer Umleitung umgangen. Zusammen mit einer Magenverkleinerung führt das dazu, dass kleinere Mahlzeiten gegessen werden und sich die Energieausbeute verringert. Da die Nahrung nach der Operation schlechter verdaut wird, muss der Patient lebenslang Vitamine und Mineralstoffe zu sich nehmen, um Mangelerscheinungen zu vermeiden. "Aber was wäre die Alternative gewesen?", fragt Kosta. "Noch waren wir gesund, Blutdruck, Zucker- und Cholesterinwerte waren in Ordnung. Aber wie lange noch?"

Bioimbiss statt McDonald's

Im Dezember 2008 ließ sich Philipp operieren; die Krankenkasse übernahm die Kosten. Kosta tat es ihm sieben Monate später nach. Weil sich zu viel Fett um die inneren Organe herum angelagert hatte, war ein Bypass bei ihm nicht möglich. Er bekam einen Magenschlauch: Drei Viertel des Magens wurden entfernt.

Nun endlich ging es abwärts: Ein Jahr nach der Operation war Philipp wieder bei 130 Kilo angelangt und fühlte sich voller Energie. Auch bei Kosta waren fünf Monate nach dem Eingriff schon 40 Kilo weg. "Der Hunger bleibt, aber das Sättigungsgefühl ist viel schneller erreicht", beschreibt er den Unterschied. So war es möglich, das Essverhalten zu ändern. Normal große Portionen vertragen die Brüder nicht mehr, im Restaurant bleibt die Hälfte der Mahlzeit liegen. Auch fettes Essen bekommt ihnen nicht. McDonald's Angebot lässt Kosta heute kalt. Stattdessen holt er sich im Bioimbiss eine frische Gemüsesuppe. Er achtet auf magere, vitaminreiche Kost, genießt Geselligkeit beim Essen und gönnt sich auch mal was: Das Astra im Golfklub muss sein.

Lob und Anerkennung für den Abnehmerfolg

Im Mai 2010 unterschritt Kosta die 140-Kilo-Marke. Als Schüler hatten er und Philipp gern getanzt, nun war endlich wieder mehr als sachtes Wippen möglich. Beim "Abhotten" suchte eine Frau seine Nähe. "Ich konnte es erst nicht glauben. Ich war ja immer noch dick." Aber die Frau, "jung und wunderschön" war tatsächlich an ihm interessiert. Es folgten E-Mails, Telefonate. Irgendwann nahm sie ihn mit zu sich. Zum ersten Mal erlebte Kosta eine glückliche Beziehung. Die er einige Monate später wieder beendete. Er fühlte, dass er Gefahr lief, die eigenen Bedürfnisse aus den Augen zu verlieren. "Das Selbstwertgefühl musste sich erst wieder aufbauen. Ich musste erst mal herausfinden, was gut für mich ist. Ich bin ungeheuer dankbar für die Erfahrung. Egal, was passiert: Diese Frau wird für immer einen Platz in meinem Herzen behalten."

115 Kilo wiegt er jetzt, 20 sollen noch runter. Ein 7-XL-T-Shirt aus der Zeit vor der Operation hat er zur Erinnerung aufgehoben. Im Golfklub bekommt Kosta "Lob und Anerkennung ohne Ende" für seinen Abnehmerfolg. Sein Golftrainer sei hingerissen: Endlich könne er ihm den richtigen Schwung beibringen, weil nicht mehr dieser riesige Bauch im Weg sei. Frauen, für die er lange nur der lustige Kumpel war, schauen ihn mit anderen Augen an. Mit 44 steckt die Welt voller neuer Möglichkeiten. Es ist noch zu frisch, es zu beschwören, aber womöglich bahnt sich gerade eine neue Liebe an. "Ich bin jetzt auf den Geschmack gekommen", sagt Kosta, "schließlich habe ich einiges nachzuholen." Philipp, der jetzt 97 Kilo wiegt und regelmäßig laufen geht, ist ihm mal wieder einen Schritt voraus: Er hat tatsächlich seine Traumfrau gefunden und ist glücklich verlobt. "Unsere Eltern sind selig", sagt Kosta. "Die träumen jetzt von einer Doppelhochzeit."


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