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Anonyme Organspende: Die fremden Lebensretter

Die Kroatin Slavenka Drakulić hat ein Buch über selbstlose Menschen geschrieben: Sie spenden Organe, anonym und ohne Gegenleistung. Eine dieser Freiwilligen rettete auch Drakulić vor dem Tod. Im Interview erzählt sie von ihrer Begegnung mit der Spenderin.

Die kroatische Schriftstellerin Slavenka Drakulić, 59, hat extrem Schlechtes und extrem Gutes erlebt: Vor Gericht hörte sie, wie Mörder und Vergewaltiger aus dem Jugoslawienkrieg von ihren grauenvollen Taten berichteten. Unmittelbar darauf rettete ihr eine anonyme Nierenspenderin das Leben. Drei Bücher hat sie über das Böse des Krieges geschrieben. Nun erscheint ihr neues Buch "Leben spenden" auf Deutsch - über außergewöhnlich gute Menschen, die freiwillig ein Organ gespendet haben.

Frau Drakulić, vor vier Jahren erfuhren Sie, dass Ihnen ein fremder Mensch eine Niere spenden würde. Was bedeutete die Nachricht für Sie?

Damals ging ich schon seit vier Jahren zur Blutwäsche; dreimal in der Woche war ich vier bis fünf Stunden lang gefesselt an ein Gerät, das anstelle meiner kaputten Nieren mein Blut reinigte. Ich war erschöpft und machte keine Pläne für die Zukunft mehr. Und dann kam plötzlich die Nachricht, dass ein mir völlig unbekannter Mensch, dem ich nichts versprochen, den ich nie getroffen hatte, mir eine Niere spenden würde! Ich war furchtbar verwirrt. Was erwartete mein Spender von mir? Was trieb ihn an? Wie konnte ich ihm meine Dankbarkeit zeigen? Diese Fragen haben mich sehr gequält.

Sie wollten Ihren Spender kennenlernen.

Ich musste einfach wissen, was für ein Mensch er war, wollte seine Motivation für eine solche Tat verstehen. Ich fürchtete aber auch, dass er mich vielleicht nicht mögen würde. Drei Tage nach der Transplantation durfte ich Christine Swenson dann zum ersten Mal begegnen - weil es nicht nur mein Wunsch war, sondern auch der ihre. Wir trafen uns im Rhode Island Hospital in Providence, USA, in dem ich ein Jahr lang auf der Warteliste gestanden und die Niere bekommen hatte.

Was für einen Eindruck machte Christine auf Sie?

Zunächst fiel mir auf, wie jung sie war. Erst 37 Jahre alt, nur ein Jahr älter als meine Tochter! Dass sie verheiratet war und zwei Kinder hatte, ließ mir ihre Spende noch erstaunlicher erscheinen.

Worüber haben Sie gesprochen?

Ich war so nervös, dass ich kaum ein Wort herausbrachte. Schließlich fragte ich sie, warum sie freiwillig eine Niere gespendet habe. Ich hoffte auf eine Erklärung, die meine Verwirrung lösen würde. Aber sie sagte nur: "Einfach so. Weil ich es für richtig hielt."

Das klingt ziemlich verrückt.

Das haben meine Freunde auch gesagt, als ich ihnen davon erzählte. "Die Frau ist verrückt! Erwartet sie etwa Geld von dir? Ist sie vielleicht religiös?" Das wären Gründe gewesen, die wir alle hätten nachvollziehen können. Aber Christine ist einfach eine normale, gesunde Frau, die sich entschied, etwas außerordentlich Gutes zu tun. Das zu akzeptieren fällt schwer.

Warum?

Weil es unsere eigene Lebenseinstellung infrage stellt. Eine sehr gute Freundin sagte mir, dass sie sich schreckliche Vorwürfe mache, seit sie von der Spende erfahren habe. Sie sei fassungslos, dass es ihr in all den Jahren nicht in den Sinn gekommen sei, mir eine ihrer Nieren anzubieten.

Stattdessen hat eine völlig Fremde Ihr Leben gerettet.

Das ließ mir keine Ruhe mehr. Vor allem als ich später erfuhr, dass in den USA bereits mehr als 300 Menschen eine Niere oder einen Teil ihrer Leber anonym gespendet haben, dass es inzwischen auch in Schweden acht Fälle gibt und zwei in Kroatien. Da wusste ich: Ich will noch mehr Spender kennenlernen.

Weshalb war Ihnen das wichtig?

Ich war fasziniert von diesen Menschen und beschloss, ein Buch über sie zu schreiben und es Christine zu widmen. So fiel ich von einem Extrem ins andere: Zuvor hatte ich fünf Monate in Den Haag verbracht, um Angeklagten aus dem ehemaligen Jugoslawien vor dem Kriegsverbrechertribunal ins Gesicht zu sehen und ihre persönliche Geschichte aufzuschreiben. Menschen, die furchtbarer Taten beschuldigt wurden - Vergewaltigungen etwa, Mord. Ich hatte das Schlechte im Menschen gesehen; nun wollte ich mehr über das Gute lernen.

Sie schreiben in ihrem Buch zum Beispiel über den Millionär Zell Kravinsky, dem es nicht genügte, sein gesamtes Vermögen zu spenden.

Er war sicher der außergewöhnlichste Mensch unter den Spendern. Er hatte schon etliche Millionen Dollar verschenkt, wollte aber noch mehr tun und gab deshalb eine Niere her. Am liebsten hätte er auch noch die zweite gespendet, aber das war natürlich nicht möglich. Er behauptete sogar, dass alle Menschen, die keine Niere spenden, Mörder seien. Das glaubte er wirklich! Als er damit an die Öffentlichkeit ging, war die Empörung groß. Dabei kann ich seine Argumentation nachvollziehen.

Sie glauben das also auch?

Nein, aber ich kann verstehen, was er meint. Wenn zum Beispiel ein Mensch tatenlos zusieht, wie ein anderer umgebracht wird, ist er dann unschuldig? Sicher nicht. Zell Kravinsky wollte wohl sagen, dass wir in unserem Leben viel mehr Gutes bewirken könnten, als wir tatsächlich tun. Dafür muss aber nicht jeder eine Niere spenden.

In Deutschland wäre das auch gar nicht möglich. Bei uns ist diese Art der altruistischen Organspende verboten.

Weil die Deutschen fürchten, dass ein Organhandel daraus entstehen könnte. Dabei haben die Erfahrungen in Schweden und Kroatien gezeigt, dass sich die Spenden gut kontrollieren lassen. Dort dürfen sich - im Gegensatz zu den USA - Spender und Empfänger niemals kennenlernen. Man kann sich außerdem nicht an einem Tag als Organspender melden - und am nächsten liegt man schon auf dem Operationstisch. Es vergeht vielleicht ein Jahr vom Entschluss bis zur Transplantation. In dieser Zeit kann der Spender jederzeit abspringen, wenn er es sich anders überlegen sollte. Deutschland täte gut daran, sich bald mit dem Thema auseinanderzusetzen. In den USA gibt es bereits die Internetseite matchingdonors.com, auf der sich Organspender und -empfänger finden können.

Bekommen die amerikanischen Spender Geld von den Empfängern?

Nein, das ist auch in den USA verboten. Aber wäre es denn so schlimm, die Spender für ihre Tat zu entschädigen? Kristy zum Beispiel, eine 22 Jahre alte Studentin, konnte sich zum Zeitpunkt der Transplantation nicht einmal eine Krankenversicherung leisten. Wäre es nicht fair gewesen, ihr diese zu schenken? Eine bezahlte Organspende könnte manchen Menschen helfen, ein besseres Leben zu führen.

Das beträfe aber vor allem arme Menschen. Sie würden ausgebeutet, um an mehr Organe zu kommen.

Warum ausgebeutet? Arme Leute üben ohnehin die gefährlicheren Berufe aus. Sie arbeiten bei der Feuerwehr, als Polizisten, vor allem in den USA ziehen sie als Soldaten in den Krieg. Was halten Sie für besser: in den Krieg zu ziehen oder ein Organ zu spenden?

Darum geht es doch aber nicht. Es geht darum, dass Menschen in finanzieller Not womöglich keinen anderen Ausweg sehen, als ein Organ zu spenden - trotz der Risiken der Operation. Das ist unethisch.

Ich glaube, hinter all diesen Argumenten stehen nicht so sehr ethische Bedenken. Wenn dem so wäre, dann würde die Gesellschaft mehr unternehmen, damit Menschen nicht so arm werden - so arm, dass sie zu einer Organspende "gezwungen" werden, wie Sie sagen. Dahinter steckt vielmehr die Angst, dass ein Markt für Organe entstehen könnte, der außer Kontrolle gerät.

Was wollen Sie damit sagen?

Dass wir uns auf der einen Seite abstrakte Sorgen um Leute machen, die theoretisch ihre Gesundheit gefährden könnten. Auf der anderen Seite haben wir ganz konkrete Menschen, für die sich nicht genügend Spender finden. Die Gesetzgeber sollten auch in Deutschland erlauben, einem Fremden anonym ein Organ zu spenden - wie es Christine für mich tat. Wissen Sie, bei dieser ganzen Diskussion finde ich nur eines wirklich unethisch: Dass ein Mensch stirbt, weil sich kein passendes Organ für ihn findet.

Interview: Astrid Viciano / print

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