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Cannabis auf Kassen-Kosten: Um was es bei dem Gesetzvorstoß geht

Die Drogenbeauftrage der Regierung will Schwerkranken den Zugang zu Cannabis erleichtern. Für dieses Jahr kündigte sie eine Gesetzesinitiative an. Was diese bedeutet und wie Hanf als Medizin wirkt.

Cannabis für Schwerkranke als Kassenleistung? Die Bundesregierung plant dazu noch in diesem Jahr einen Gesetzesvorstoß

Cannabis für Schwerkranke als Kassenleistung? Die Bundesregierung plant dazu noch in diesem Jahr einen Gesetzesvorstoß

Der Würzburger Günter Weiglein wurde im vergangenen Jahr durch das "Cannabis-Urteil" bekannt. Mit vier anderen Patienten hatte er sich dafür eingesetzt, dass Schwerkranke Hanf selbst anbauen dürfen. Nun plant die Bundesregierung einen Gesetzesvorstoß, der Patienten wie ihm den Zugang zur Droge erleichtern könnte.

Bis jetzt ist es Schmerzpatienten wie Weiglein nur möglich, die Blüten aus der Apotheke zu beziehen - doch das ist teuer, die Krankenkassen übernehmen die Kosten nur selten. Das Verwaltungsgericht Köln gab ihm und seinen Mitstreitern daher im Juli 2014 Recht: In einem Aufsehen erregenden Urteil beschloss es, dass schwer kranke Patienten in eng begrenzten Ausnahmefällen die illegale Droge zu Therapiezwecken anbauen dürfen.

Das Gericht verpflichtete das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) damit in drei der verhandelten Fälle über die Genehmigung des Anbaus neu zu entscheiden. Patient Weiglein darf allerdings noch nicht anbauen, noch fehlt die Zusage des BfArM. Doch ein Gesetzesvorstoß der Bundesregierung könnte bald Rechtssicherheit schaffen.

"Mein Ziel ist, dass in Zukunft mehr Menschen als bisher Cannabis als Medizin bekommen können", sagte die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marlene Mortler, der "Welt". "Für diese Patienten müssen die Kosten von den Krankenkassen erstattet werden." Noch in diesem Jahr solle ein Gesetz durch den Bundestag gebracht werden, damit es ab nächstem Jahr greife.

Doch um was genau geht es dabei? Wer könnte von diesem Gesetz profitieren? Und was ist bis jetzt in Deutschland erlaubt? Die wichtigsten Fragen zum Thema.

Wie wirkt Cannabis als Medizin?

Der Hauptwirkstoff der Hanfpflanze THC (Tetrahydrocannabinol) wirkt krampflösend, schmerzstillend und appetitanregend - und das bereits in geringeren Dosen als für einen Rauschzustand notwendig. Medikamente mit isoliertem THC werden daher nicht nur gegen Schmerzen verwendet, sie kommen auch gegen Spastiken bei Multipler Sklerose oder zur Appetitsteigerung bei Krebserkrankungen zum Einsatz.

Das einzige in Deutschland zugelassene Fertigmedikament auf Cannabis-Basis ist - seit 2011 - Sativex, ein Spray, das in die Mundhöhle gesprüht wird und für den Einsatz gegen Multiple Sklerose zugelassen ist. Daneben produzieren Firmen wie THC Pharm (Frankfurt) eine "Rezeptursubstanz", aus der Apotheker für Patienten mit ärztlichem Rezept individuell dosierte Kapseln oder Tropfen herstellen können.

Schwer kranken Menschen ist es zudem unter engen Voraussetzungen ausnahmsweise erlaubt, getrocknete Blüten oder auch Extrakte aus Blüten und Blättern zu beziehen - allerdings bis jetzt nur über die Apotheke. Auch dafür brauchen sie eine Genehmigung der Bundesopiumstelle am BfArM. Derzeit verfügen bundesweit 358 Patienten über eine solche Ausnahmeerlaubnis.

Hinweise, dass THC-Medikamente bei verschiedenen Indikationen helfen, gibt es zwar aus kleineren Studien. Doch bis jetzt fehlen große, hochwertige und aussagekräftige klinische Studien zur therapeutischen Wirksamkeit. Die Krankenkassen erstatten daher die Behandlungskosten nur in wenigen Fällen. Bei Blüten und Extrakten aus Apotheken müssen sie sich nicht an den Kosten beteiligen.

Wen würde das neue Gesetz betreffen?

Profitieren dürften davon schwer kranke Schmerzpatienten, die Cannabis zur Linderung ihrer chronischen Erkrankungen brauchen. Der Drogenbeauftragten Mortler zufolge sollen die Krankenkassen für diese Patienten künftig die Kosten übernehmen. Mortler räumte allerdings auch ein, dass es "nicht ganz einfach" sei, abzugrenzen, wer Cannabis tatsächlich dringend als Medikament benötige.

Klar ist schon jetzt: Cannabis darf nur eingesetzt werden, wenn ärztlich nachgewiesen wurde, dass andere, zugelassene Medikamente nicht mehr helfen.

Geht es darum, Cannabis generell zu legalisieren?

Nein. Bei dem Gesetz geht es allein um den therapeutischen Einsatz von Cannabis. Der Gesetzesvorstoß bezieht sich also nur auf Ausnahmefälle, in denen der Cannabis-Konsum zu medizinischen Zwecken begründet werden kann. Es geht nicht darum, Hanf generell zu legalisieren. Schätzungen zufolge erhalten in Deutschland weniger als 4000 Patienten eine Behandlung mit Cannabisextrakten, Cannabisblüten oder einzelnen Cannabinoiden, das sind Mittel auf Cannabisbasis.

Für viele von ihnen ist die momentane Gesetzeslage alles andere als klar: So dürfen die 358 Schmerzpatienten laut BfArM zwar getrocknete Blüten oder Blätter über Apotheken beziehen - doch das kostet mehrere hundert Euro im Monat. Weil das für viele zu teuer ist, hatte das Verwaltungsgericht Köln entschieden, dass der Eigenanbau von Hanf in eng begrenzten Ausnahmefällen für Schmerzpatienten erlaubt sein müsse. Doch gegen das Urteil hat das BfArM Berufung eingelegt - mit der Begründung, dass Qualität und Dosierung bei dem selbst gezüchteten Hanf nicht nachprüfbar seien. Wer dennoch Hanf zu medizinischen Zwecken anbaut, handelt illegal.

"Die Politik muss hier schnell Klarheit schaffen", fordert Drogenbeauftragte Mortler. "Es ist gut, dass die Bundesregierung ihre harte Haltung bei Cannabis aufgibt", sagte Eugen Brysch, Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz der "Neuen Osnabrücker Zeitung". Schwerstkranke seien keine Junkies.

lea mit Agenturen

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