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China: Arzt warnte vor Coronavirus und wurde zum Schweigen gebracht. Nun starb er am Virus

Ein Augenarzt aus Wuhan hatte schon im Dezember in einer Chatgruppe vor einem Ausbruch des Coronavirus gewarnt. Die Polizei beschuldigte ihn der Verbreitung von Gerüchten. Jetzt ist er selbst an dem Virus gestorben.

Trauerstätte

"Hallo an alle, hier ist Li Wenliang, ein Augenarzt im Wuhan Central Hospital", schrieb der chinesische Arzt auf seinem Weibo-Account. Der Post fängt harmlos an, enthält aber Schilderungen, die aufhorchen lassen. Demnach schickte Li Ende Dezember eine Nachricht in einem Gruppenchat an Ärzte-Kollegen, in der er vor einem Ausbruch eines Virus und einer Krankheit in Wuhan sprach, die Sars ähnele. Es habe sieben Fälle gegeben. Darüber berichteten auch die britische BBC und der US-Sender CNN. Heute ist klar: Es handelte sich um das neuartige Coronavirus, das derzeit in China und weltweit für Erkrankungsfälle sorgt und auch viele Todesfälle zur Folge hat.

Der Post des Arztes Dr. Li Wenliang bei Weibo, in dem er von seinem Chat und der Vorladung der Polizei berichtet

Der Post des Arztes Dr. Li Wenliang bei Weibo, in dem er von seinem Chat und der Vorladung der Polizei berichtet

Der 34 Jahre alte Li warnte seine Kollegen, dass sie Schutzkleidung tragen und ihre Angehörigen warnen sollten – allerdings nur privat, wie CNN berichtet. Doch dann gingen schon Screenshots seiner Nachricht viral. "Als ich sah, dass sie online im Umlauf waren, wurde mir klar, dass dies außerhalb meiner Kontrolle lag und ich wahrscheinlich bestraft werden würde", sagte Li dem US-Sender.

Prof. Dr. med. Johannes Knobloch

Polizei lädt Li wegen seines Chats vor

Er hatte recht. Am 3. Januar, vier Tage nach seiner Chatnachricht, bestellte ihn das Büro für öffentliche Sicherheit zu sich, wo er aufgefordert wurde, ein Dokument zu unterzeichnen, wie die BBC berichtet. In dem Schreiben wurde er demnach beschuldigt, "falsche Äußerungen" gemacht zu haben, welche die "gesellschaftliche Ordnung schwer gestört" hätten.

Die BBC zitiert aus dem Brief: "Wir warnen Sie ernsthaft: Wenn Sie mit solcher Unverschämtheit hartnäckig bleiben und diese illegale Aktivität fortsetzen, werden Sie vor Gericht gestellt - ist das klar?" Darunter steht handschriftlich: "Ja, das tue ich." Auf den handschriftlichen Aussagen sind Fingerabdrücke in roter Farbe. Dieses Dokument hat Li abfotografiert und bei Weibo hochgeladen. Kurz darauf durfte er die Polizeistation verlassen, so CNN.

Die Polizei ermittelte wegen "Verbreitung von Gerüchten" gegen acht Personen, so die beiden Sender.

Behörden entschuldigen sich bei Li

Am selben Tag, an dem Li seine Nachricht verschickt hatte, habe die Gesundheitskommission der Stadt Wuhan in einer Mitteilung medizinische Einrichtungen der Stadt darüber informiert, dass eine Reihe von Patienten, die den Fischmarkt der Stadt besucht hatten, an einer "unbekannten Lungenentzündung" leiden würden, berichtet CNN weiter. Der Hinweis sei mit einer Warnung versehen worden: "Organisationen oder Einzelpersonen dürfen Behandlungsinformationen nicht ohne Genehmigung der Öffentlichkeit zugänglich machen."

Li wurde kurze Zeit nach dieser Mitteilung von Beamten in sein Krankenhaus gerufen, um zu erklären, wie er von den Fällen erfahren habe, so die staatliche Zeitung "Beijing Youth Daily", die Li interviewt hatte. Der Artikel verbreitete sich schnell, wurde aber laut CNN zensiert. Der Aufruhr sei aber geblieben.

Zwischenzeitlich hatten sich die Behörden BBC zufolge bei dem Arzt entschuldigt. Wie CNN berichtet, hatte der Oberste Gerichtshof Chinas am 28. Januar die Polizei in Wuhan für die Bestrafung von "Gerüchteverbreitern" kritisiert. "Es wäre besser für die Eindämmung des neuen Coronavirus gewesen, wenn die Öffentlichkeit damals auf dieses 'Gerücht' gehört und Maßnahmen wie das Tragen von Masken, die strikte Desinfektion und die Vermeidung des Besuchs des Wildtiermarktes ergriffen hätte", kommentierte der Oberste Gerichtshof den Fall. Die Polizei in Wuhan ruderte daraufhin zurück und sprach von "geringfügigen" Vergehen, weil "nicht überprüfte Informationen" verbreitet worden seien, hieß es auf Weibo. Bis auf eine Vorladung habe es keine Geld- oder Haftstrafen gegeben.

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Li steckt sich mit Coronavirus an - und erhält Zuspruch

BBC und CNN berichten, dass Li seine Arbeit wieder aufnehmen konnte. Am 10. Januar habe er eine Patientin behandelt. Was er nicht wusste: Sie hatte sich mit dem Coronavirus infiziert. Er habe Husten und Fieber bekommen und sei zwei Tage später in ein Krankenhaus eingeliefert und auf die Intensivstation gebracht worden. Am 1. Februar wurde er demnach positiv auf das Coronavirus getestet. Auf Weibo schrieb der Arzt: "Heute ist das Nukleinsäuretestergebnis positiv, der Staub legt sich und die Diagnose wurde endgültig bestätigt." Mehrere Tests zuvor hätten ein negatives Ergebnis angezeigt, so Li auf Weibo.

Auch seine Eltern seien im Krankenhaus,  wie er weiter berichtete. Er betonte in dem Weibo-Post, dass ihm seine Lizenz als Arzt nicht entzogen worden sei. Er wolle weiter aktiv an der Behandlung mitarbeiten.

Doch den Kampf gegen das Virus hat er verloren, wie unter anderem auch "People's Daily", die größte Zeitung Chinas, und der staatliche Sender CGTN berichteten. Demnach sei er in der Nacht zu Freitag (chinesischer Zeit) verstorben. Dies teilte auch das Zentralkrankenhaus der Millionenmetropole Wuhan am Freitag im Onlinedienst Weibo mit.

Die chinesische Regierung hat nach dem Tod Li Wenliangs eine Untersuchung gestartet. Mit Zustimmung des Zentralkomitees der Partei schickte die staatliche Aufsichtskommission ein Ermittlungsteam nach Wuhan, wie die Behörde am Freitag mitteilte. Bei den Ermittlungen gehe es um Fragen des Volkes zu diesem Geschehen, hieß es. 

Auf Weibo erhielt der Augenarzt viel Unterstützung. Eine Userin schrieb: "Dr. Li, Sie sind ein guter Arzt mit Gewissen. Ich wünsche Ihnen Frieden." Weitere User schreiben: "Die Menschen im ganzen Land sind solidarisch mit Ihnen" und "Diese Hunde sind dir eine Entschuldigung schuldig". Lis Posts wurden hunderttausendfach geliked und Zehntausende Male kommentiert. Sein Tod löste im ganzen Land große Anteilnahme aus. Sein Schicksal symbolisiert für viele die Folgen der Vertuschung und der langsamen Reaktion der Behörden. 

Chinas Regierung räumt Fehler ein

Trotz der weitflächigen Quarantäne-Maßnahmen in China ist die Zahl der Todesfälle durch das neuartige Coronavirus erneut deutlich gestiegen. Die offizielle Gesamtzahl der Todesopfer in Festlandchina wuchs auf mindestens 636 an. Hinzu kommt ein Verstorbener in der chinesischen Sonderverwaltungszone Hongkong. Die Zahl der Ansteckungen legte bis Freitag erneut um 3143 zu. Damit sind 31.161 Virusfälle bestätigt, so die Gesundheitskommission in Peking.

In einem ungewöhnlichen Schritt hatte Chinas Führung angesichts der immer höheren Ansteckungszahlen "Fehler" im Umgang mit der Epidemie eingeräumt. Der Ständige Ausschuss des Politbüros der regierenden Kommunistischen Partei erklärte am Montag laut der staatlichen Nachrichtenagentur Xinhua, die Reaktion auf die Epidemie habe "Fehler und Schwierigkeiten" beim nationalen Notfallmanagement offengelegt.

Hinweis der Redaktion: Zum Zeitpunkt der ersten Veröffentlichung des Artikels war Dr. Li Wenliang noch erkrankt.  Er ist in der Nacht zu Freitag (chinesischer Zeit) an den Folgen des Coronavirus gestorben. Der Artikel wurde dementsprechend angepasst.

Quellen: Weibo Li Wenliang, Weibo, CNN, BBC, CGTN, mit Material der Nachrichtenagenturen DPA, AFP

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