HOME

stern-Logo Alles zum Coronavirus

Coronavirus: Blutgruppe A gleich hohes Risiko? Was es mit der Corona-Blutgruppen-Studie auf sich hat

Steuern Blutgruppen das Risiko für einen schweren Verlauf mit dem Coronavirus? Eine vorläufige Studie legt das nahe. Die Statistik-Expertin Katharina Schüller hat die Ergebnisse für den stern eingeordnet.

Coronavirus als Illustration

Coronavirus als Illustration

Picture Alliance

A, B, AB oder 0? Im Leben eines Menschen gibt es meist nur wenige Momente, in denen die eigene Blutgruppe zum Thema wird. Das kann ein schwerer Unfall sein, der eine Versorgung mit Spenderblut nach sich zieht. Oder der Augenblick, in dem sich Menschen selbst dazu entscheiden, Blut zu spenden. Selten zieht die Blutgruppe eines Kindes die Frage nach der tatsächlichen Vaterschaft nach sich. Da sich die Blutgruppe des Kindes aus der von Mutter und Vater zusammensetzt, können schnell Unstimmigkeiten aufgedeckt werden.

Seit vergangener Woche dürfte für viele Menschen ein weiterer Grund hinzugekommen sein, sich mit der eigenen Blutgruppe zu befassen. Forscher um den Molekularbiologen Andre Franke von der Universität Kiel hatten eine vorläufige Studie veröffentlicht, in der sie der Frage nachgehen, ob manche Blutgruppen Menschen resistenter gegen das Coronavirus machen als andere. Die Wissenschaftler kommen zu dem Schluss: Menschen mit der Blutgruppe A haben ein höheres Risiko für einen schweren Verlauf mit Atemversagen. Menschen mit der Blutgruppe 0 dagegen das geringste. 

Zahlreiche Medien berichteten über die Studie. Der Gesundheitswissenschaftler und SPD-Bundestagsabgeordnete Karl Lauterbach fasste die Studienergebnisse in einem Twitter-Post zusammen und schrieb von einem "sehr erstaunlichen" Ergebnis: 

Bei den Ergebnissen handelt es sich bislang um eine Preprint-Studie - also um vorläufige Studienergebnisse, die erst noch von unabhängigen Wissenschaftlern begutachtet werden. Dieser Prozess nennt sich "Peer-Review". Er dient der Qualitätssicherung und entscheidet maßgeblich darüber, ob Studienergebnisse unter Wissenschaftlern anerkannt werden. Renommierte Fachmagazine unterziehen Studien stets einer solchen "Review". Gegenüber dem stern sprach der Laboratoriums- und Transfusionsmediziner Cornelius Knabbe jedoch von einer "sehr gut gemachten und aufwändigen Studie".

Wie sind die Forscher vorgegangen?

Das Team wertete genetische Daten von insgesamt 1610 Covid-19-Patienten aus Corona-Epizentren in Italien und Spanien aus. Alle Patienten waren schwer erkrankt und mussten mit Sauerstoff versorgt werden. Dem gegenüber stellten sie Daten von 2205 gesunden Patienten, die nicht an Covid-19 erkrankt waren. Insgesamt werteten die Forscher die Daten von mehr als 8,5 Millionen sogenannter SNPs aus. Dabei handelt es sich um Variationen eines einzelnen Basenpaares in der doppelsträngigen DNA. Welche Variante in der DNA eines Menschen vorliegt, wird maßgeblich durch Vererbung bestimmt.

Zwei Stellen im Genom der Schwerkranken fielen den Forschern dabei besonders ins Auge - an diesen Stellen fanden sich häufiger Auffälligkeiten als bei den Kontrollpersonen. Besonders interessant: An einer der auffälligen Stellen sitzt das Gen für die Blutgruppen-Zugehörigkeit. Auf Basis der Daten konnten die Forscher feststellen, dass Menschen mit Blutgruppe A ein 50 Prozent höheres Risiko haben, schwer an Covid-19 zu erkranken.

Auch wenn eine unabhängige Begutachtung der Studie noch aussteht, bekräftigt sie bereits bestehende Forschungsergebnisse. So hatten chinesische Wissenschaftler im März eine Studie veröffentlicht, nachdem sie mehr als 2000 Blutproben von Covid-19-Patienten aus Kliniken untersucht hatten. Das Ergebnis: Unter den bestätigten Corona-Fällen waren besonders viele Menschen mit Blutgruppe A. Menschen mit den Blutgruppen AB und B waren weniger häufig vertreten - am seltensten waren jene mit Blutgruppe 0. 

Dass die Blutgruppen Einfluss auf gesundheitliche Risiken haben, ist für Mediziner keineswegs neu: So ist bekannt, dass Menschen mit Blutgruppe 0 statistisch gesehen weniger zu Blutgerinnseln neigen. Dafür sorgt ein Gerinnungsfaktor, dessen Gehalt im Blut jener Menschen leicht vermindert ist.

Ursache für das erhöhte Risiko ist unklar

Der stern bat die Statistik-Expertin Katharina Schüller, die aktuelle Studie zu begutachten. Kritisch sieht sie die Auswahl der Kontrollgruppe. "Einerseits werden in Italien Blutspender zur Kontrolle verwendet, die keine Anzeichen von Covid-19 zeigten, aber andererseits werden auch Kontrollen aus einer Studie von 2010 verwendet", erklärte sie. "Es wäre meines Erachtens nach wesentlich aussagekräftiger, als Kontrollgruppe Personen zu wählen, die nachweislich infiziert waren (d.h. die Antikörper aufweisen), aber keine schweren Verläufe hatten." Schüller ist Gründerin des Münchner Unternehmens Stat-Up und Leiterin der Arbeitsgruppe "Statistical Literacy" der Deutschen Statistischen Gesellschaft. Zudem begutachtet sie wissenschaftliche Publikationen für die Aktion "Unstatistik des Monats".

Corona-Zahlen: Epidemiologe warnt Lockerung der Maskenpflicht – Österreich als mahnendes Beispiel

Es gebe einige potenzielle Limitationen der Studie, die auch von den Autoren angesprochen würden. "So ist ungeklärt, ob die Blutgruppen-Unterschiede direkt das Risiko für eine schwere Covid-19-Erkrankung erhöhen oder ob der Zusammenhang indirekt besteht, weil sie mit bestimmten Risikofaktoren assoziiert sind", so Schüller. Zudem hätten die Studienautoren das Vorliegen bestimmter Risikofaktoren - etwa schwerer Begleiterkrankungen - nicht kontrolliert.

Ein Beweis, dass die Blutgruppe allein das Erkrankungsrisiko steuert, ist die Studie daher nicht. Gleichwohl zeigt sie, dass es Gene gibt, die in Zusammenhang mit einem schweren Covid-19-Verlauf stehen. Sie könnte daher als ein weiteres Puzzlestück dienen, das Medizinern dabei hilft, die Ursachen für schwere Verläufe zu identifizieren.

Das Bild der Covid-19-Erkrankung hat sich durch Forschungsergebnisse zuletzt stark gewandelt - weg von einer Lungenkrankheit hin zu einer Systemerkrankung. Als Risikofaktoren gelten bislang das Lebensalter und bestimmte Grunderkrankungen wie Herz-Kreislauf-Leiden. Auch Raucher und Männer scheinen ein erhöhtes Risiko zu haben. Zudem mehren sich die Hinweise, dass eine Infektion mit dem Coronavirus die Blutgerinnung beeinflusst und zu einer überschießenden Reaktion des Immunsystems führen kann.

Wissenscommunity