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Wissenschaft in der Corona-Krise Ein paar Fachwörter machen noch keinen Experten – warum versuchen Laien, Virologen ihren Job zu erklären?

Virologe Christian Drosten schaut sich im Labor eine Probe an
Virologen wie Christian Drosten wurden am Anfang der Corona-Krise schnell zu Stars. Mittlerweile gibt es auch mehr und mehr Kritik.
© Christophe Gateau / Picture Alliance
Plötzlich gibt es 80 Millionen Virologen in Deutschland. In der Corona-Krise stehen die wahren Experten mehr und mehr in der Kritik – weil jeder, der sich seit zwei Monaten mit dem Thema beschäftigt, es besser zu wissen meint.

Vor einigen Monaten noch wäre wohl nur den allerwenigsten Deutschen auch nur ein Name eines Virologen geläufig gewesen. Geschweige denn Begriffe wie R-Wert oder Verdopplungszahl – und auch das exponentielle Wachstum hatten die meisten als Stoff aus dem Mathe-Unterricht aussortiert, den man im echten Leben nie wieder brauchen würde. Aber vor einigen Monaten sah die Welt auch noch anders aus.

Jetzt, mitten in der Krise, die das Coronavirus ausgelöst hat, fallen diese Fachwörter regelmäßig in Unterhaltungen im Freundes- und Familienkreis. Virologen und Epidemiologen sind gefragte Gäste in Talkshows. Dagegen ist zunächst einmal nichts einzuwenden, ganz im Gegenteil: Es war noch nie so wichtig, sich eingehend mit diesem Fachgebiet zu beschäftigen. Wenig zielführend allerdings ist, dass Virologe mittlerweile ein Beruf wie Bundestrainer oder Bundeskanzlerin geworden ist. Es gibt 80 Millionen davon und jeder meint es besser zu wissen.

Bezeichnende Szene in der ARD-Talkshow "Hart aber fair"

Das lässt sich ständig in den sozialen Netzwerken beobachten, aber auch – auf zumeist ungleich größerer Bühne – in den unzähligen Fernseh-Talkshows zum Umgang mit dem Coronavirus. Beispielhaft eine Szene aus der Sendung "Hart aber fair": Dort attackierte TV-Koch Alexander Herrmann die Virologin Melanie Brinkmann. Die Wissenschaftlerin wollte anhand der wenigen positiven Tests in der Fußball-Bundesliga noch keine Entwarnung geben. "Ihr gebt uns andauernd irgendwelche Zahlen und nur wenn sie euch passen, sind sie richtig", schimpfte der Gastronom. "Ich muss nur genügend Virologen fragen, dann kriege ich die Zahl, die ich brauche."

Nun kann man davon ausgehen, dass Melanie Brinkmann weiß, wovon sie spricht: Sie befasst sich seit vielen Jahren beruflich mit dem Thema, forscht ausgiebig darüber und lehrt als Professorin an der Technischen Universität Braunschweig. Ähnliches ist von Alexander Herrmann nicht überliefert – seine Kenntnisse liegen unumstritten in anderen Bereichen. Absolut verständlich, dass der Koch sich um sein Geschäft und seine Branche sorgt. Es ist allerdings unwahrscheinlich, dass sich Virologen dazu verschworen haben, die Gastronomie in den Abgrund zu stürzen.

Politiker beteiligen sich am Virologen-Bashing

Leider ist Herrmann nicht der einzige, der in den vergangenen Wochen die Arbeit der Wissenschaftler öffentlich diskreditierte. NRW-Ministerpräsident Armin Laschet äußerte sich ähnlich über angeblich widersprüchliche Aussagen der Experten, FDP-Chef Christian Lindner ärgerte sich darüber, dass Virologen nicht wie Kardinäle ins Konklave gehen und dann eine Patentlösung präsentieren. Und sein Parteifreund Wolfgang Kubicki – immerhin Vizepräsident des Deutschen Bundestages – empfindet die Zahlen des Robert Koch-Instituts sogar als "politisch motiviert".

Virologen und Epidemiologen sind innerhalb kurzer Zeit zu Personen öffentlichen Lebens geworden, und als solche müssen sie ihr Handeln auch kritisch hinterfragen lassen. Dieser Diskurs sollte sich aber in erster Linie unter denjenigen abspielen, die sich schon länger als zwei Monate mit diesen Themen befassen. Die Kritik, die aus Politik und Wirtschaft kommt, verkennt jedenfalls oft, wie wissenschaftlicher Erkenntnisgewinn funktioniert: Wissen ist nicht einfach da, sondern muss aufgebaut werden. Und das kann eben auch bedeuten, bisherige Ansichten zu revidieren.

Der Druck auf Politiker und Unternehmer ist nicht zu unterschätzen – Wissenschaftlern zu erklären, wie gefährlich oder ungefährlich ein Virus sei, kann aber nicht die Lösung sein. Sein gebrochenes Bein lässt man schließlich auch nicht von einem Juristen behandeln.


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