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Coronavirus Wer in China lebt, hat in diesen Tagen das Gefühl, in die Zukunft schauen zu können

Besucher mit Mundschutz betrachten einen Springbrunnen
Seit dem 9. März hat in Shanghai die Disneystadt wieder geöffnet – ein erster Schritt in der Phase der Wiedereröffnungen. Disneyland bleibt allerdings vorerst noch geschlossen.
© Hector Retamal / AFP
Während Europa die schlimmsten Tage der Corona-Krise noch bevorstehen, kehrt in China langsam die Normalität zurück. stern-Korrespondent Philipp Mattheis berichtet von einem veränderten Alltag.

Als der deutsche Anwalt Ralph Koppitz am vergangenen Donnerstag von Frankfurt nach Shanghai flog, hatte er eigentlich alles richtig gemacht. Nach einigen Wochen Home Office in Shanghai hatte er sich einen Ski-Urlaub in der Schweiz gegönnt. Er war gesund, und wusste, dass er sich auf dem Weg in die Normalität befand. Denn während China das Gröbste der Corona-Krise schon hinter sich hat, steht Deutschland das Schlimmste noch bevor.

Etwa fünf Stunden vergingen von der Landung bis zur Passkontrolle. Beamte in Schutzanzügen maßen Fieber und verteilten Formulare zum Ausfüllen. Dann fuhr Koppitz nach Hause zu seiner Familie und bereitete sich auf die zwei Wochen Quarantäne zu Hause vor. Eine Stunde später aber klopfte es an seiner Tür. Beamte in Schutzanzügen baten ihn mitzukommen. In seinem Flugzeug von Frankfurt hätten sich vier Corona-Verdachtsfälle befunden. Alle Passagiere müssten deswegen in ein spezielles Quarantäne-Zentrum. Jetzt muss Koppitz die kommenden zwei Wochen in einem Zimmer verbringen und ist bis auf weiteres von allen anderen Menschen isoliert.

Die neuen Erkrankungsfälle werden größtenteils eingeschleppt

Wer in China lebt, hat in diesen Tagen das Gefühl, in die Zukunft schauen zu können. Etwas mehr als sechs Wochen ist es her, da war das Coronavirus in Wuhan und anderen chinesischen Städten ausgebrochen. Viel zu spät reagierten die chinesischen Behörden auf die Bedrohung, verhängten dann aber massive Maßnahmen. Das öffentliche Leben kam völlig zum Erliegen, eine ganze Provinz mit der Einwohnerzahl Frankreichs ist nach wie vor von der Außenwelt abgeschnitten.

Jetzt scheint das Gröbste überwunden zu sein. Zwar gibt es noch immer Neuinfektionen in China. Doch der vergangene Samstag war der zweite Tag, an dem mehr Neuinfektionen aus anderen Ländern nach China gebracht wurden, als im Land selbst entstanden. Insgesamt waren das am Samstag 20 Fälle, 16 davon waren Reisende, vier in der Provinz Wuhan. Und so bemüht man sich in China jetzt, das Land gegen eingeschleppte Infektionen aus dem Ausland abzuschirmen. Deswegen konzentrieren sich die Behörden in China mittlerweile auf Passagiere, die nach China kommen.

Die Normalität kehrt zurück

Gleichzeitig kommt mit dem Frühling auch zaghaft die Normalität zurück in das Land. Schulen und Universitäten haben noch geschlossen, doch die Straßen Shanghais füllen sich langsam wieder, immer mehr Restaurants und Cafés öffnen. Apple gab am Freitag bekannt, seine 42 Geschäfte auf dem Festland wieder zu öffnen – und verkündete zeitgleich, Filialen in Europa und den USA zu schließen. Auch die Kaffeehauskette Starbucks öffnet wieder. Von offizieller Seite heißt es, 95 Prozent der großen Unternehmen außerhalb Hubeis und 60 Prozent der kleineren Firmen hätten mittlerweile ihren Betrieb wieder aufgenommen.

Am Montag eröffnen in Qinghai, einer wirtschaftlich unbedeutenden Provinz an der Grenze zu Tibet, wieder die Schulen. In Sichuan und Yunnan soll der Tourismus nach und nach wieder in Gang kommen.

Wie groß die Schäden gerade für kleine Unternehmen wie Restaurants und Einzelhändler sind, lässt sich noch nicht beziffern. Die Verluste der vergangenen Wochen werden viele Kleinbetriebe wie Restaurants und Taxi-Unternehmen nicht kompensieren können.

Die Regierung nutzt das Virus für Propaganda

Das Eis der Normalität ist dünn. Viele der rund 200 Millionen Wanderarbeiter kehren erst jetzt nach und nach an ihre Arbeitsplätze in den großen Städten der Ostküste zurück. Schätzungen zufolge befinden sich noch rund die Hälfte von ihnen in ihren Heimatdörfern. Die Massenmigration birgt allerdings Risiken auf einen erneuten Ausbruch. Gerade in den Fabriken wie der des iPhone-Zulieferers Foxconn leben und arbeiten Menschen auf engstem Raum zusammen: Oft teilen sich acht Arbeiter ein Zimmer.

Unterdessen versucht die chinesische Regierung in Peking, die Corona-Krise als Propaganda-Erfolg zu nutzen. Immer öfter heißt es nun, das Virus stamme eigentlich gar nicht aus China, sondern sei von den USA ins Land gebracht worden. Gleichzeitig will man sich als Seuchenbekämpfer feiern lassen, der nun der ganzen Welt hilft. Vom "Krieg des Volkes gegen das Virus" ist die Rede. Allerdings kursiert auch seit Tagen ein Bericht einer Ärztin aus Wuhan: Ai Fen schildert darin, wie bereits am 16. Dezember 2019 Patienten mit einer neuartigen Erkrankung auftauchten. Der Essay wurde wenige Minuten nach seinem Erscheinen von den Zensoren gelöscht – taucht aber immer wieder auf.


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