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Doping-Historie: Berauschte Krieger und aufgeputschte Sennerinnen

Menschen dopten sich schon immer. Ging es jedoch früher darum mit Drogen Hungersnöte und Kriege auszuhalten, wurde Doping erst mit der Ausbildung der gnadenlosen Leistungsgesellschaft zum Massenphänomen.

Von Eva-Maria Schnurr

Ein letzter Schluck Kaffee, einen Energieriegel in der Hosentasche verstaut, dann fällt die Eingangsluke der Zeitmaschine zu. Die Reise in die Vergangenheit beginnt, die Suche nach den Mitteln, die den Menschen vor Jahrhunderten schon halfen, ihre Fähigkeiten, ihre Leistung, ihr Können zu steigern. Die Elektromotoren surren schon, da knattert noch einmal das Funkgerät, die Gegenwart ist dran: "Es wird schwierig", meldet sich Jakob Tanner, Professor für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte an der Universität Zürich. "Denn die Idee von Leistung, wie wir sie heute haben - möglichst effizient immer mehr zu schaffen, immer besser zu sein - setzte sich erst im 19. Jahrhundert in breiten Bevölkerungsschichten durch. Erst mit der Industrialisierung, dem Aufstieg des Bürgertums, wurde Leistung zum Wert an sich."

"Früher ging es darum, den Alltag erträglich zu machen"

Die letzten Worte klingen bereits verrauscht, die Zeitmaschine hat abgehoben. Eine aussichtlose Reise? "Nein. Historisch gesehen haben sich die Menschen in allen Bevölkerungsschichten und wohl auch in allen Kulturen immer gedopt. Aber bis in die jüngere Zeit ging es dabei nicht um Leistungssteigerung. Es ging darum, den Alltag erträglich zu machen und überhaupt die Leistung zu bringen, die zum unmittelbaren Überleben notwendig war", funkt Birgit Bolognese-Leuchtenmüller, Professorin am Institut für Sozial-und Wirtschaftsgeschichte der Universität Wien und Spezialistin für Drogengeschichte.

Im Mittelalter ernten Menschen bei Hungersnöten auch solche Felder ab, die mit dem halluzinogenen Mutterkornpilz verseucht waren. Außerdem verlängern sie das Getreide mit Hanfsamen. Diese Kost verursacht Halluzinationen - und das lässt die Krise weniger schlimm erscheinen.

Im 16. Jahrhundert mischt der Arzt und Naturkundler Paracelsus sein Geheimmittel Laudanum, eine Mixtur aus 90 Prozent Alkohol und 10 Prozent Opium. Es wirkt schmerzstillend, stimmungsaufhellend und leicht euphorisierend. Im 18. und 19. Jahrhundert ist es quer durch alle Bevölkerungsschichten verbreitet wie heute Aspirin, selbst Kindern wird das Mittel zur Beruhigung gegeben.

Im 18. und 19. Jahrhundert nehmen Sennerinnen, Bergbauern, Hüttenarbeiter und Jäger in den österreichischen Ostalpen das aufputschende Arsenik, ein Abfallprodukt des Erzabbaus: Damit verkraften sie tagelange Touren und die harte Arbeit auf dem Berg.

Militär und Kriege waren die ersten Doping-Einsatzbereiche

Die Zeitmaschine piepst, sie sucht nach neuen Zielkoordinaten. Gab es vor dem 19. Jahrhundert wirklich keine Leistungssteigerung durch Drogen? "Wenn, dann nur bei Wettkämpfen wie im antiken Olympia oder in Ausbeutungsbeziehungen wie in der Sklaverei", sagt Jakob Tanner. In den Silberbergwerken Südamerikas nutzen die spanischen Kolonisten im 16. Jahrhundert das Wissen der Ureinwohner um die Wirkung der Kokablätter: Arbeiter könnten damit 36 Stunden ohne Essen und Schlaf durcharbeiten behaupteten sie. Die Kirche hatte die Droge verboten - doch in den Bergwerken wird ein Teil des Arbeitslohns in Kokablättern ausgezahlt.

"Und im Militär", meldet sich Birgit Bolognese-Leuchtenmüller wieder durch das Funkgerät. "Militär und Kriege waren wohl die ersten Bereiche, in denen leistungssteigernde Drogen eingesetzt wurden." Soldaten leben in einer rigiden Befehlshierarchie, jeder einzelne muss sich bedingungslos anpassen. Sie müssen Gewaltmärsche bewältigen, enormen psychischen Stress aushalten und auf dem Schlachtfeld um Leben und Tod kämpfen. Kein Wunder, dass die Männer auf Drogen und Aufputschmittel zurückgreifen, um den Anforderungen zu genügen und die eigene Angst zu besiegen.

Im Vietnam-Krieg diente Heroin zur Entspannung

In den Türkenkriegen im 17. Jahrhundert trinkt man Kaffee, der mit Opium versetzt ist. Im Krimkrieg (1853-56) putschen sich die Soldaten mit Zigaretten hoch. Und nachdem man Anfang des 19. Jahrhunderts entdeckt, wie man aus Opium das stärkere Morphin extrahiert, wird es im amerikanischen Sezessionskrieg (1861-65) und im Deutsch-Französischen Krieg (1870/71) gleich tonnenweise verabreicht.

Im ersten Weltkrieg dopten sich Kampfpiloten mit Kokain, um bei ihren Einsätzen ans äußerste Limit gehen zu können. Im zweiten Weltkrieg schlucken Kampfflieger das wach machende Amphetamin Pervitin, besser als "Stuka-Tablette" oder "Weckamin" bekannt. Und im Vietnam-Krieg dient Heroin als Entspannungs-, Speed dagegen als Einsatzdroge.

Doping explodierte im 19. Jahrhundert

"Kriege waren Katalysatoren für Drogen: Sie beschleunigten die allgemeine Bereitschaft, die Mittel einzunehmen", sagt Bolognese-Leuchtenmüller aus dem Bordlautsprecher. Aber auch in den Salons der feinen Häuser ist Doping seit dem 18. Jahrhundert ein Thema. Das aufstrebende Bürgertum definiert sich in der Zeit der Aufklärung über Leistung und Erfolg bei der Arbeit - und wählt Kaffee als die Droge, die das nüchterne, rationale, kalkulierende Selbstbild stützt. Künstler dagegen nehmen Opiate und andere bewusstseinserweiternde Drogen, um ihrer Kreativität auf die Sprünge zu helfen.

Doch die Explosion des allgemeinen Dopings beginnt so richtig erst im 19. Jahrhundert: Die Kultur des fleißigen Bürgertums verbindet sich mit Industrialisierung und Kapitalismus, eine Leistungsgesellschaft bildet sich heraus. Mit ihr steigt der gesellschaftliche Druck, selbst ebenfalls zu Dopingsubstanzen zu greifen. "Die Bereitschaft, die eigene Überlebensfähigkeit mit Drogen zu steigern, ist sicher eine natürliche Grundhaltung des Menschen. Aber erst Leistungsgesellschaft und Kapitalismus funktionieren die ehemals im Vordergrund stehende Lebensbewältigung zur Sucht nach ständiger Leistungssteigerung um", gibt Bolognese-Leuchtenmüller durch.

Das Angebot wächst

Auch das Angebot wächst: Amphetamine und Morphin, Heroin und Aspirin werden im 19. Jahrhundert entdeckt, die aufstrebende Wissenschaft der Physiologie erkundet die Grenzen des menschlichen Körpers und versucht sie zu verschieben. Der Körper gilt als Maschine, die künstlich optimiert werden kann - und mit Hilfe der "Psychophysik" versucht man dasselbe auch für den Geist. "Seither ist die Medikalisierung des Alltags immer weiter vorangeschritten. Auch Lebensmittel werden heute optimiert und sollen Leistung und Gesundheit steigern", sagt Jakob Tanner.

Die Zeitmaschine ruckelt, setzt zur Landung an. Willkommen in der modernen Dopinggesellschaft. Als die Luke aufschwingt krächzt das Funkgerät noch ein letztes Mal. Es ist Jakob Tanner: "Die Frage ist nur, ob sich überhaupt so viel verändert hat: Denn nimmt nicht auch heute die Mehrheit der Konsumenten leistungssteigernde Mittel, um überhaupt mit den Anforderungen standhalten und den Druck des Alltags aushalten zu können?"

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