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Fragen und Antworten Doppelt geimpft und trotzdem mit Corona angesteckt? Was über Impfdurchbrüche bekannt ist

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Fläschchen mit Impfstoff gegen das Coronavirus
© Jessica Hill/AP / DPA
Es kann in seltenen Fällen passieren, dass sich Menschen trotz zweifacher Impfung mit dem Coronavirus infizieren. Ein Grund, am Nutzen der Impfungen zu zweifeln, ist das aber nicht.

Über die Hälfte der Bevölkerung in Deutschland – genau 52,6 Prozent – gilt als vollständig geimpft. Sie haben damit alle notwendigen Impfdosen erhalten, die für den jeweiligen Impfstoff vorgesehen sind – zwei im Falle von Biontech/Pfizer, Moderna und Astrazeneca sowie eine für den Einmalimpfstoff von Johnson&Johnson. "Alle verfügbaren Covid-19-Impfstoffe schützen gut vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus Sars-CoV-2 und sind hochwirksam gegen schwere Verläufe (...)", schreibt die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA).

Zuletzt gab es jedoch immer wieder Berichte über Personen, die sich trotz vollständiger Impfung mit dem Coronavirus angesteckt haben. Mediziner bezeichnen solche Fälle als Impfdurchbrüche. Überraschend sind sie nicht. Bereits in den Zulassungsstudien der Impfstoffe zeichnete sich ab, dass die Impfungen zwar sehr gut vor Corona-Erkrankungen schützen, aber eben nicht zu 100 Prozent. (Mehr dazu lesen Sie hier.) Auch bedeuten Impfdurchbrüche nicht, dass die Impfungen nicht wirken – oder dass Geimpfte und Ungeimpfte das gleiche Erkrankungsrisiko haben. 

Dennoch sollten Impfdurchbrüche genauestens beobachtet und untersucht werden. So lässt sich beispielsweise feststellen, bei welchen Personengruppen die Impfung möglicherweise weniger gut schützt oder ob bestimmte Virusvarianten häufiger zu Impfdurchbrüchen führen. Das ist bereits bekannt über Fälle, in denen sich Menschen trotz doppelter Impfung angesteckt haben:

Was versteht man unter einem Impfdurchbruch?

Das Robert Koch-Institut (RKI) wertet Corona-Infektionen als Impfdurchbrüche, wenn sie bei vollständig geimpften Personen auftreten und mit Symptomen einhergehen. Vollständig geimpft sind Personen rund zwei Wochen nach der zweiten Impfdosis – also am 15. Tag. Der Erreger muss zweifelsfrei nachgewiesen werden, beispielsweise mit einem PCR-Test.

Wie häufig sind Impfdurchbrüche?

Das RKI listet seit dem 1.2.2021 insgesamt 7.229 Impfdurchbrüche (Stand: 29.7.2021). Auf die einzelnen Impfstoffe entfallen davon: 5.766 nach einer abgeschlossenen Impfserie mit Biontech/Pfizer, 214 mit Moderna, 331 mit Astrazeneca und 601 mit Johnson&Johnson. Der Impfstoff von Biontech/Pfizer bildet das Rückgrat der Impfkampagne und wurde mit Abstand am häufigsten verwendet. Entsprechend häufiger werden auch Impfdurchbrüche beobachtet. 

Die Daten untermauern, wie selten Impfdurchbrüche sind. Bis zum 29.7.2021 hatten etwas mehr als 40 Millionen Menschen in Deutschland eine Zweitimpfung erhalten. Die 7229 gemeldeten Impfdurchbrüche entsprechen einem Anteil von 0,02 Prozent. Das bedeutet aber nicht, dass die Impfstoffe eine Wirksamkeit von 99,98 Prozent haben, siehe unten.  

Wie gut schützen die Impfstoffe vor Corona-Erkrankungen?

Impfstoffe reduzieren das Risiko, an Corona zu erkranken. Die Wirksamkeit der Impfstoffe wird beispielsweise in Zulassungsstudien erhoben, kann aber auch darüber hinaus kontrolliert und geschätzt werden. Dafür wird der Anteil vollständig Geimpfter unter Covid-19-Fällen mit dem Anteil vollständig Geimpfter in der Bevölkerung verglichen.

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Die Wirksamkeit wird derzeit nach Angaben des RKI auf circa 88 Prozent (Altersgruppe 18-59) beziehungsweise 87 Prozent (Altersgruppe Ü60) geschätzt. "Die Anzahl der Impfdurchbrüche sowie die nach der Screening-Methode geschätzte Wirksamkeit der eingesetzten Impfstoffe bestätigen die hohe Wirksamkeit aus den klinischen Studien", schreibt das RKI.

Allerdings verweist das Institut auch auf mögliche Verzerrungen und Daten-Lücken. Die Zahl der geimpften Covid-19-Fälle werde "wahrscheinlich" untererfasst. 

Ist es überraschend, dass es Impfdurchbrüche gibt?

Nein. Dass es Impfdurchbrüche geben wird, war bereits seit Bekanntwerden der Ergebnisse aus den Zulassungsstudien bekannt. In der finalen Studienphase III zeigte etwa der Impfstoff von Biontech/Pfizer eine Wirksamkeit von 95 Prozent gegen ursprüngliche Corona-Varianten. Der Wert besagt, dass die Wahrscheinlichkeit, an Covid-19 zu erkranken, bei Geimpften zu 95 Prozent geringer ist als bei Ungeimpften. Dennoch liegt die Wirksamkeit nicht bei 100 Prozent. Es gab also trotz hoher Effektivität Menschen, die sich ansteckten und erkrankten.

Welche Gründe für Impfdurchbrüche werden diskutiert?

Es gibt Hinweise, dass nicht alle Menschen gleichermaßen von dem Schutz durch eine vollständige Impfung profitieren. Bei einigen Personengruppen, vor allem Älteren, reagiert das Immunsystem wahrscheinlich schwächer auf die Impfung und bildet weniger Antikörper. Auch gibt es Medikamente, die das Immunsystem hemmen. Betroffen sind etwa Menschen mit Autoimmunerkrankungen, Krebspatientinnen und -patienten sowie Personen, die eine Organspende erhalten haben.

Ein weiterer Einflussfaktor sind Virusmutationen. So scheint die Delta-Variante dem Immunschutz etwas besser entgehen zu können als frühere Varianten. 

Zudem gibt es Hinweise, dass der Impfschutz mit der Zeit nachlassen könnte. Beispiel: Israel. Das Land hatte bereits Ende 2020 eine groß angelegte Impfkampagne gestartet. Neuere Daten des israelischen Gesundheitsministeriums zeigten, dass die Schutzwirkung unter Geimpften zuletzt deutlich nachgelassen hatte.

Bestimmte Risikogruppen und Menschen ab 60 Jahren erhalten in Israel bereits Auffrischungsimpfungen. Auch in Deutschland wird dies ab September der Fall sein: Hochbetagte, Pflegebedürftige und Personen mit geschwächter Immunabwehr können ab dann eine weitere Spritze erhalten. Eine Empfehlung seitens der Ständigen Impfkommission (Stiko) gibt es bislang allerdings nicht. 

Wie hängen Impfquote und Impfdurchbrüche zusammen?

Auch zwischen der Impfquote und der Zahl der Impfdurchbrüche gibt es einen Zusammenhang, der zunächst paradox erscheint: Steigt die Zahl der Menschen, die sich gegen Corona impfen lassen, steigt auch die Zahl der Impfdurchbrüche. Das bedeutet aber nicht, dass die Impfstoffe automatisch schlechter schützen. 

Was ist über die Krankheitsschwere bei Impfdurchbrüchen bekannt?

Von den 7229 bekannten Impfdurchbrüchen in Deutschland wurden nach Angaben des RKI 757 Patientinnen und Patienten in ein Krankenhaus eingeliefert. Das entspricht einer Hospitalisierungsrate von knapp 10,5 Prozent. (Wohlgemerkt: Bei Personen, die sich trotz vollständiger Impfung infiziert haben und erkrankt sind!) Die Mehrheit der Personen, die trotz doppelter Impfung schwer erkrankt ist, war mindestens 60 Jahre oder älter.

Schwere Verläufe bei Impfdurchbrüchen entwickeln in erster Linie Menschen mit bestehenden Vorerkrankungen, legt eine Studie aus Israel nahe. Forschende werteten dafür die Daten von 152 Patientinnen und Patienten aus, die sich trotz zweifacher Impfung mit dem Coronavirus infiziert hatten und in einem Krankenhaus behandelt werden mussten. Das mittlere Alter (Median) lag bei rund 71 Jahren – das bedeutet, dass die eine Hälfte der Patientinnen und Patienten jünger war, die andere älter.

Die große Mehrheit der Patientinnen und Patienten litt unter weiteren Erkrankungen. Am häufigsten wurde Bluthochdruck beobachtet (71 Prozent), gefolgt von Diabetes (48 Prozent), Herzschwäche (27 Prozent), chronische Nieren- und Lungen-Krankheiten (jeweils 24 Prozent), Krebs (24 Prozent) und Demenz (19 Prozent). 40 Prozent der Patientinnen und Patienten nahmen zudem Medikamente, die ihr Immunsystem unterdrückten. 

Lediglich sechs der 152 Patientinnen und Patienten waren abgesehen von ihrer akuten Corona-Erkrankung gesund. 

Eine weitere Studie aus Indien legt nahe, dass die Sterblichkeitsrate unter vollständig geimpften Personen mit Impfdurchbrüchen um etwa 50 Prozent niedriger liegt als bei ungeimpften Personen. Die Ergebnisse der Studie müssen allerdings noch geprüft werden. 

In der vergangenen Woche sorgten Berichte über einen Vortrag der US-Gesundheitsbehörde CDC für Schlagzeilen. Darin ging es um neue Erkenntnisse zur Virusvariante Delta. Es hieß unter anderem, dass Personen mit Delta-Impfdurchbrüchen möglicherweise genauso ansteckend seien wie ungeimpfte Infizierte. Stellt das den Nutzen der Impfungen infrage?

Nein. "Die Daten zeigen ganz deutlich, dass die Impfung vor Erkrankung, Krankenhausaufenthalt und Tod durch Covid-19 schützt", schreibt der Immunologe Carsten Watzl zu dem Vortrag auf Twitter. 

Zwar sei bei einem Ausbruch beobachtet worden, dass infizierte Geimpfte – also jene mit Impfdurchbrüchen – genauso viel Virus in sich trugen wie Nicht-Geimpfte. Sollte sich dies bestätigen, könnten Geimpfte, die sich mit Delta infizieren, das Virus möglicherweise genauso weitergeben wie Ungeimpfte, so Watzl. "Aber Geimpfte infizieren sich seltener und es macht natürlich noch einen Unterschied ob dann mein Gegenüber durch eine Impfung geschützt ist oder nicht."

Einen Tag nach Bekanntwerden der Informationen aus dem CDC-Vortrag erschien zudem eine Studie laut der Personen mit Impfdurchbrüchen das Virus schneller bekämpfen und dadurch möglicherweise kürzer ansteckend sind. Die Ergebnisse der Studie wurden jedoch noch nicht von unabhängigen Experten geprüft.

Quellen:Robert Koch-Institut (RKI) / Science Media Center


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