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Ebola-Ausbruch in Westafrika: Ist das gefährliche Virus außer Kontrolle?

Immer mehr Menschen infizieren sich in Afrika mit Ebola, viele sterben. Warum ist es so schwer, das Virus zu bekämpfen? Und droht sich der gefährliche Erreger weltweit auszubreiten?

Eine Mitarbeiterin von Ärzte ohne Grenzen bereitet sich auf den Einsatz vor.

Eine Mitarbeiterin von Ärzte ohne Grenzen bereitet sich auf den Einsatz vor.

Es ist der weltweit schwerste Ebola-Ausbruch, den es je gab: In Westafrika kämpfen Gesundheitsexperten, Mediziner und Hilfsorganisationen gegen das gefährliche Virus, das sich weiter ausbreitet. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat in Ghanas Hauptstadt Accra ein zweitägiges Krisentreffen einberufen, an dem Gesundheitsminister der betroffenen Länder und Ebola-Experten aus aller Welt teilnehmen. Ziel ist es, einen Aktionsplan zu erstellen, um die Verbreitung des Virus einzudämmen. Bereits Ende Juni hatte die Organisation "Ärzte ohne Grenzen" gewarnt, der Ausbruch in Westafrika sei "völlig außer Kontrolle". Der stern beantwortet die wichtigsten Fragen zum Thema.

Wie ist die aktuelle Situation in Afrika?

Nachdem sich im April die Situation etwas zu beruhigen schien, wurden im Mai in Guinea, Liberia und Sierra Leone wieder vermehrt Infektionen und Todesfälle gemeldet. Auch in den vergangenen vier Wochen gab es eine deutliche Zunahme an Ebola-Fällen in diesen drei westafrikanischen Ländern, auch in Regionen, die bis jetzt noch nicht betroffen waren. Viele Menschen starben.

Bis Ende Juni sind der WHO zufolge in Guinea, Liberia und Sierra Leone 759 Infektionen mit dem Virus bestätigt worden. 467 Patienten tötete das Ebola-Virus. Am schlimmsten betroffen ist weiterhin Guinea, wo die Krankheit im März erstmals aufgetreten war.

Die Grafik zeigt das Gebiet, in dem sich der Erreger ausbreitet. Stand: 29. Juni.

Die Grafik zeigt das Gebiet, in dem sich der Erreger ausbreitet. Stand: 29. Juni.

Droht eine weltweite Verbreitung des Virus?

"Die Situation in Westafrika ist zwar beunruhigend", sagt Jakob Cramer, Leiter der Abteilung Klinische Forschung am Hamburger Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin. Am Institut kennt man sich mit dem Virus aus. Dort ist ein Labor der höchsten Sicherheitsstufe vorhanden, die Hamburger dürfen an Ebola forschen und Verdachtsfälle untersuchen. "Die Gefährdung außerhalb Afrikas hat allerdings nicht zugenommen, auch in Europa ist keine Ausbreitung des Virus zu befürchten", ist Cramer überzeugt. Denn: Um sich anzustecken, müsse man engen Kontakt mit einem Infizierten haben. Das Virus wird über Schweiß, Blut oder Exkremente übertragen.

Touristen, die in den drei betroffenen Ländern ohnehin kaum unterwegs seien, sieht Cramer nicht gefährdet. "Möglich ist es zwar, dass ein Mitarbeiter von Hilfsorganisationen sich infiziert oder dass Afrikaner, die ihre Verwandten besuchen, das Virus verschleppen", sagt der Mediziner. "Doch selbst wenn ein Infizierter nach Deutschland gelangen würde, könnte man ihn hierzulande schnell isolieren."

Warum ist das Ebola-Virus so gefährlich?

Das Ebola-Virus gehört zu den gefährlichsten Krankheitserregern der Welt. Es löst hämorrhagisches - mit Blutungen einhergehendes - Fieber aus. Je nach Ausbruch sterben der WHO zufolge 25 bis 90 Prozent der Patienten daran. Trotz intensiver Forschung gibt es bis jetzt weder eine Impfung noch ein Heilmittel.

Seinen Ursprung hat das Virus im Tierreich. Menschen können sich über den Kontakt zu erkrankten Tieren infizieren, unter anderem Affen. Woher genau der Erreger bei diesem Ausbruch stammt, ist noch unklar. Dem Robert-Koch-Institut zufolge gelten Flughunde als wahrscheinlichste Quelle. Von Mensch zu Mensch überträgt sich die Krankheit durch Blut und andere Körperflüssigkeiten. Die Inkubationszeit beträgt nach WHO-Angaben zwei Tage bis drei Wochen. Plötzlich setzen Fieber, Kopf- und Muskelschmerzen, Schwächegefühl und Halsschmerzen ein. Später gehen Nieren- und Leberfunktion zurück, es können schwere innere Blutungen auftreten.

Warum ist es so schwer, die Epidemie einzudämmen?

Cramer sieht hierfür mehrere Gründe. Zum einen müsse die Bevölkerung vor Ort noch besser über die Bedeutung und die Gefahren des Ausbruches informiert werden. "Es braucht noch mehr Aufklärung, mehr Plakate und Meldungen in den lokalen Medien", ist der Mediziner überzeugt. Zudem ein Problem: "Manche Maßnahmen, die zur Aufklärung dienten, wurden in den vergangenen Monaten von den lokalen Behörden offenbar wieder zurückgefahren", sagt der Mediziner. Auch Grenzkontrollen seien wieder laxer geworden.

Daneben sind Cramer zufolge traditionelle und kulturelle Gründe ein nicht zu unterschätzendes Hindernis. "Die Bevölkerung vor Ort reagiert mit einer gewissen Voreingenommenheit auf die Helfer vor Ort, die in ihren Schutzanzügen kommen und ihnen die erkrankten Angehörigen wegnehmen, um sie zu isolieren." Da es sich um den ersten Ausbruch in dieser Region handele, sei die Verunsicherung unter der Bevölkerung groß. Viele würden mittlerweile Infizierte vor den Fremden verstecken. "So gelingt es allerdings nicht, den Infektionsherd einzudämmen", sagt Cramer.

Die Helfer isolieren die Infizierten, ein Großteil der Erkrankten stirbt. Die Angehörigen sehen ihre erkrankten Verwandten oftmals nicht wieder, viele verstecken daher mittlerweile Infizierte vor den Medizinern.

Die Helfer isolieren die Infizierten, ein Großteil der Erkrankten stirbt. Die Angehörigen sehen ihre erkrankten Verwandten oftmals nicht wieder, viele verstecken daher mittlerweile Infizierte vor den Medizinern.

Was unternimmt die WHO?

Auf einer zweitägigen Krisensitzung berieten die Gesundheitsminister von elf afrikanischen Staaten in Ghanas Hauptstadt Accra mit WHO-Vertretern und anderen Experten darüber, wie das gefährliche Virus gestoppt werden kann. Die Teilnehmer einigten sich am Donnerstag auf eine länderübergreifende Strategie und ein umfassendes Maßnahmenpaket. Unter anderem werde die WHO ein "subregionales Kontrollzentrum" in Guinea eröffnen, das als Koordinationsplattform im Kampf gegen die Krankheit dienen soll. Zudem sollen ab sofort Politiker, angesehene Gemeindemitglieder und religiöse Anführer in Aufklärungskampagnen miteingebunden werden.

Nach Einschätzung der WHO wird die schwere Ebola-Epidemie wahrscheinlich noch "mehrere Monate" andauern. Es sei nicht eindeutig abzusehen, wie stark sich die Epidemie noch ausbreiten werde, sagte WHO-Vertreter Keiji Fukuda. "Aber ich denke, wir werden mehrere Monate lang damit konfrontiert sein." Auch Marie-Christine Ferir von der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen sagte, sie rechne mit mehreren Wochen bis Monaten bis zu einem Ende der Epidemie.

Sollen noch nicht zugelassene Medikamente gegen Ebola eingesetzt werden?

Bis jetzt gibt es keine Impfung und keine Medikamente gegen das Virus. In Studien werden neue Medikamente zwar getestet, für den Einsatz an Menschen sind diese allerdings noch nicht zugelassen. Mediziner fordern nun genau dies. "Es ist lächerlich, dass wir diese Produkte nicht aus dem Labor und aus den Tierversuchen heraus in den Test am Menschen bringen und sie zumindest den Menschen anbieten", sagt Jeremy Farrar, Professor für Tropenmedizin und Direktor der in London ansässigen Stiftung The Wellcome Trust. Ähnlich hatte sich bereits der Virus-Experte Thomas Geisbert von der Universität von Texas geäußert.

"Das ist natürlich eine ethische Frage", sagt Cramer vom Bernhard-Nocht-Institut in Hamburg. Der Mediziner spricht sich zwar für diese Idee aus. "Allerdings muss es ausreichend Evidenz aus dem Labor geben, dass die Medikamente auch wirken." Dann, so der Mediziner, könnten sie durchaus eine Hilfe sein. Allerdings müsste zuvor eine Ethikkommission dem Einsatz zustimmen, so Cramer. Zudem müsste dieser streng überwacht werden.

Ist Deutschland vorbreitet?

"Selbst für den unwahrscheinlichen Fall, dass jemand die Erkrankung einschleppt, ist Deutschland bereits bestens ausgerüstet, sagt Lars Schaade, Vizepräsident des Robert-Koch-Instituts. Bundesweit gibt es neun Behandlungszentren. Diese Sonderisolierstationen sind auf den Umgang mit gefährlichen Infektionskrankheiten spezialisiert. Dort geht es darum, die Weiterverbreitung zu stoppen und die Patienten zu stabilisieren.

Auch am Frankfurter Flughafen sind dem Bernhard-Nocht-Institut zufolge Vorkehrungen getroffen. So gebe es dort etwa Wärmekameras, mit denen fiebernde Reisende ausfindig gemacht werden können.

lea mit Agenturen

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