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Ehec und die Wochenmärkte: Sauregurkenzeit

Die Warnung vor Tomaten, Gurken und Salat sorgt auf zwei Hamburger Wochenmärkten für Erregung bei den Händlern. Sie schwören auf ihre Produkte - doch das Geschäft ist vorerst vermasselt.

Von Christoph Fröhlich

Eigentlich hat Gemüsehändlerin Martina von Dratel diese Woche nicht viel zu lachen. Seit das Robert-Koch-Institut am Mittwoch die Warnung für den Kauf von Gurken, Tomaten und Salaten ausgegeben hat, bleiben diese Produkte auf ihrem Marktstand liegen. Am Donnerstag auf dem Markt in Hamburg-Eimsbüttel nahe der U-Bahn-Station Schlump geht nicht viel, die Kunden sind vorsichtig. Dass sie ihre gute Laune trotzdem nicht verloren hat, zeigt das Gespräch mit einer Kundin: "Die Gurken sind alle aus der Region, ganz ohne Gülle und sonstige Sachen. Ich weiß genau, wo die herkommen, da steh ich voll und ganz dahinter." Vertrauensvoll packt die ältere Dame die Gurke in ihren Korb, zusätzlich kauft sie noch ein Bund Möhren und ein paar Paprika. Doch nicht alle Kunden reagieren so verständnisvoll.

Einige Gurken wird die Gemüsehändlerin los, die Salate und die Tomaten bleiben meist unangetastet zurück. Dabei ist der Salat frisch und sogar noch nass vom Abspülen. "Ich weiß auch nicht, warum die Leute ihn nicht kaufen. Er ist gewaschen, und alle meine Mitarbeiter waschen sich regelmäßig ihre Hände. Hygiene wird bei uns großgeschrieben." Ob sie die Salate noch los wird, ist fraglich - der Markt schließt bald.

Kundengespräche sind wichtiger denn je

Viele Händler sind mit ihren Kunden im Gespräch, selbstverständlich ist Ehec das Thema Nummer eins: "In dieser Woche spüren wir sehr viel Informationsbedarf, und wir müssen erklären, dass sie bei unseren Produkten nichts zu befürchten haben", sagt Martina von Dratel. Immer wieder beruhigen sie und ihre Kolleginnen die Kunden, dass mit ihrer Ware alles in Ordnung sei.

Nicht nur die drei Verdachtsfälle Gurke, Tomaten und Salat werden boykottiert - die Umsätze der Gemüsehändler sind in diesen Tagen allgemein eher schlecht. Die Laufkundschaft muss mühselig überzeugt werden, viele verzichten lieber ganz auf Gemüse oder wechseln auf andere Produkte. Einzig die Stammkunden halten Martina von Dratel die Treue. "Wir kaufen hier seit 1968 unser Gemüse", sagt das Ehepaar Stahl aus Hamburg. "Sicherlich macht man sich Gedanken um den Erreger. Trotzdem kaufen wir hier unsere Tomaten und vertrauen den Händlern. Schwarze Schafe gibt es leider überall".

Weniger Kundschaft

Wilfried Thal ist einer der größten Gemüsehändler auf dem Hamburger Wochenmarkt am Turmweg. Seine Auslage ist riesig: Von einzelnen Zwiebeln bis zu großen Kräuterpflanzen hat er alles im Angebot. Der Geruch von Minze vermischt sich mit dem Duft von Rhabarber. "Eigentlich ist mehr los auf dem Wochenmarkt", meint Thal. "Trotz des guten Wetters ist es etwas ruhiger als sonst." Thal muss es wissen, er handelt seit mehr als 30 Jahren mit Gemüse. Den Großteil seiner Ware baut er selber an, den Rest kauft er von Bauern aus der Umgebung.

Ihn stört vor allem die Verallgemeinerung der Institute: "Wir als Kleinunternehmer müssen jetzt darunter leiden", schimpft der Händler. "Dabei werden auf den Märkten in Hamburg seit fünf bis sechs Wochen gar keine spanischen Gurken mehr verkauft, sondern nur noch welche aus der Region." Sein einziger Trost: Die Stammkunden verzichten nicht völlig auf sein Gemüse, sondern weichen auf andere Sorten aus.

Doch nicht nur die Gemüsehändler bekommen die Unsicherheit der Leute zu spüren. Auch andere Stände leiden unter dem Ausbleiben der Käufer. Als Gemüsehändlerin Martina von Dratel eine ihrer langjährigen Kundinnen berät, mischt sich plötzlich Fleischhändler Volker Vey vom Stand gegenüber in das Gespräch ein: "Ich hab das Ganze doch auch erst hinter mir, mein Hühnerfleisch wollte wegen des Dioxinverdachts keiner mehr haben. Dabei haben meine Hühner das Zeug noch nie gesehen."

Käufer wechseln auf Obst

Am besten geht es wohl Obsthändlern wie Michael Aschauer. Er hat sich auf den Verkauf von exotischen Südfrüchten spezialisiert, und die finden seit Beginn der Woche reißenden Absatz: "Von einigen Sorten bekomme ich doppelt soviel los wie sonst. Spitzenreiter sind im Moment die Flugmangos." Besonders beliebt seien alle Früchte, die auf Bäumen wachsen, wie Mangos, Papayas oder Aprikosen. Auch Erdbeeren und Weintrauben sowie sämtliche Zitrusfrüchte werden gerne als Alternative genommen, so der Obsthändler.

Dass jetzt angeblich spanische Gurken für die gefährliche Ehec-Infektion verantwortlich sein sollen, tröstet die Gemüsebauern wenig. Der Ruf ist zunichte, die Skepsis der Bevölkerung gegen norddeutsche Produkte ist hoch. "Dass muss man erstmal aus den Köpfen kriegen, dafür müssen die Nordprodukte aus dem Fokus gezogen werden", meint Gemüsehändler Thal. Er fordert: "Der Nebel über der Branche muss aufgeklärt werden - und zwar schnell."

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