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Ernährung: Billiger Zuckersirup auf dem Vormarsch: Essen wir bald noch süßer?

In Limos lauert offensichtlich Zucker. Wer genau hinschaut, findet ihn aber auch in Brot. Schon heute essen die Menschen zu viel Zucker, warnen Experten. Verbraucherschützer fürchten, es könnte bald noch mehr werden.

Isoglukose wird aus Mais- oder Weizenstärke gewonnen. Der Sirup ist billiger als Zucker aus Zuckerrüben.

Isoglukose wird aus Mais- oder Weizenstärke gewonnen. Der Sirup ist billiger als Zucker aus Zuckerrüben.

Bislang waren Produktion und Verkauf von Zucker in der EU streng reglementiert. Für die Zuckerrübe, aus der ein Großteil des Zuckers hierzulande stammt, galt ein fester Mindestpreis. Eine Quote bestimmte, wie viel Zucker insgesamt in Deutschland produziert werden durfte. Diese Regelungen sind nun weggefallen: Anfang des Monats wurde der Zuckermarkt in der EU liberalisiert. Die Mindestpreise für Zuckerrüben entfallen, ebenso wie feste Produktionsquoten. Verbraucherschützer und Mediziner sehen das kritisch. 

Die Deutsche Adipositas-Gesellschaft (DAG) und die Deutsche -Hilfe befürchten etwa einen zunehmenden Einsatz von billigem Zuckersirup in europäischen Lebensmitteln. Die Politik müsse verhindern, dass Produkte süßer würden und der Zuckerkonsum weiter zunehme, teilten die Organisationen jüngst mit. Dies könne Folgen wie Übergewicht, Diabetes Typ 2 und Herz-Kreislauf-Krankheiten haben. 

"High Fructose Corn Syrup" ist ein beliebter Süßmacher in den USA

"Es ist eine ökonomische Gesetzmäßigkeit: Gibt es einen Markt für ein Produkt und wird der Marktzugang verbessert, erhöhen sich Angebotsvolumen und Nachfrage", sagte DAG-Sprecherin Stefanie Gerlach. Als Folge der Markt-Liberalisierung erwarten Verbraucherschützer fallende Zuckerpreise. Nach Angaben von werde es für Unternehmen daher "noch lukrativer, stark gesüßte Getränke und Süßwaren zu verkaufen". Die Industrie dagegen beschwichtigt: Sie rechnet nicht mit großen Folgen für Verbraucher.

Experten des Thünen-Instituts prognostizieren auch, dass verstärkt Isoglukose auf den europäischen Markt kommen werde. Isoglukose ist ein Sirup, gewonnen oft aus Mais- oder Weizenstärke, der billiger ist als Zucker aus Zuckerrüben. US-Amerikaner verzehren im Schnitt weltweit mit Abstand am meisten Isoglukose, häufig in Form von Limo. In den USA ist der Süßmacher auch unter dem Namen "High Fructose Corn Syrup" bekannt. 

Versteckte Süße: Bis zu 29 Gramm pro Mahlzeit: Wer diese Lebensmittel isst, nascht Zucker
Ravioli aus der Dose  Wenn es mal schnell gehen muss, sind Ravioli aus der Dose ein beliebter Snack. Dass sie nicht zwingend gesund sind, ist wenig überraschend. Dass in einer Portion (400 Gramm) rund zwölf Gramm Zucker stecken, dagegen schon.

Ravioli aus der Dose

Wenn es mal schnell gehen muss, sind Ravioli aus der Dose ein beliebter Snack. Dass sie nicht zwingend gesund sind, ist wenig überraschend. Dass in einer Portion (400 Gramm) rund zwölf Gramm Zucker stecken, dagegen schon.

Isoglukose nicht schädlicher als Haushaltszucker

Der Flüssigzucker ist ein Gemisch aus Fruktose, also Fruchtzucker, die über eine relativ hohe Süßkraft verfügt, und Glukose, auch unter dem Namen Traubenzucker bekannt. Das Mischungsverhältnis variiert. Auf Lebensmittelverpackungen wird die Zutat als Glukose-Fruktose-Sirup oder Fruktose-Glukose-Sirup angegeben, wobei die erstgenannte Zutat den höheren Anteil hat.

Laut Max-Rubner-Institut, dem Bundesforschungsinstitut für Ernährung und Lebensmittel, ist Isoglukose für die Gesundheit des Menschen aber nicht schädlicher als andere zugesetzte Zucker. "Bei Verwendung identischer Mengen Isoglukose statt Saccharose [Haushaltszucker] sind die Wirkungen gleich", so das Institut. Zwar wird vor dem Zuckersirup häufig wegen seines hohen Fruktosegehalts gewarnt. In der Regel enthalten Haushaltszucker und Isoglukose jedoch ähnliche Anteile an Fruktose.

Zucker verdeckt schlechte Rohstoffqualität

Experten sehen dennoch Nachteile: "Für die Lebensmittelindustrie wird es damit profitabler denn je, auf die Produkte zu setzen, von denen wir Verbraucher weniger essen sollten", warnte Oliver Huizinga von Foodwatch kürzlich. Er sagt aber auch, dass es von vielen Faktoren abhänge, ob nun noch süßer würden. Nach seiner Erfahrung kann in vermeintlich gesunden Produkten heute schon viel Zucker stecken: in eingelegtem Gemüse wie Rotkohl und Joghurt etwa. Zucker helfe, eine schlechte Rohstoffqualität - etwa zu saures Obst - zu verdecken.

Ein Sprecher der Wirtschaftlichen Vereinigung Zucker sagte, er rechne mit "keinen großen Veränderungen für Verbraucher". Der Isoglukose-Anteil am Markt werde sich zwar vergrößern, aber wegen des niedrigen Ausgangsniveaus immer noch relativ gering bleiben. Der Zuckerpreis werde auch nicht per se sinken, vielmehr werde mit verstärkten Preisschwankungen gerechnet. Ob und in welchem Umfang sich diese überhaupt auf den Endpreis von Produkten durchschlagen, sei offen. Der Anteil des Zuckers an den Herstellungskosten sei in der Regel sehr niedrig.

Schon heute übersteigt der Zuckerkonsum laut Diabetes-Hilfe die Empfehlung für die maximale Aufnahme um das Doppelte und sei mitverantwortlich für die hohe Krankheitshäufigkeit bei Diabetes Typ 2 und Adipositas. Die Organisationen fordern die Fortführung der Nationalen Reduktionsstrategie, mit der Zucker, Salz und Fett in Lebensmitteln reduziert werden sollen. "Die Toleranz der Verbraucher gegenüber Zucker sinkt", sagte Gerlach. Bislang wird in der Strategie aber darauf gesetzt, dass Hersteller ihre Rezepturen freiwillig ändern. DAG, Diabetes-Hilfe und auch Foodwatch plädieren dafür, dass Ungesundes teurer sein müsse als Gesundes.

Nach Angaben von Foodwatch ist der Pro-Kopf-Verbrauch der Zuckerarten Saccharose, Isoglukose, Glukose und Honig zwischen 1960 und 2012 um mehr als 30 Prozent gestiegen.



 

ikr/DPA