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Gedächtnisstörungen: Wie viel Schusseligkeit ist normal?

Häufen sich Aussetzer und Vergesslichkeiten, werden viele Leute unruhig. Die Angst vor Alzheimer ist jedoch meist unbegründet. Gedächtnisstörungen können verschiedenste Ursachen haben. Viele sind banal, viele behandelbar. Eine fachliche Diagnose schafft Klarheit.

Von Antje Brunnabend

Erwiesenermaßen lassen manche Gehirnfunktionen bereits ab Mitte oder Ende zwanzig nach

Erwiesenermaßen lassen manche Gehirnfunktionen bereits ab Mitte oder Ende zwanzig nach

Schon seit einiger Zeit hatte Cathryn Jakobson Ramin den Eindruck gehabt, dass ihr Gedächtnis nachließ. Es war vorgekommen, dass sie das Haus durch die Garagentür verlassen hatte und die Haustür sperrangelweit offen stehen blieb. Einmal rief einer ihrer Söhne sie nach oben, weil er ein wichtiges Schulbuch nicht finden konnte. Sie rätselte, warum es so verbrannt roch, bis ihr viel zu spät einfiel, dass sie gerade dabei gewesen war, Pfannkuchen zu backen. Dann kam der Abend, an dem sie mit ihrem Mann ins Kino ging. Der Film gefiel ihr, doch auf der kurzen Autofahrt nach Hause konnte sie sich weder an den Titel noch an den Namen des Hauptdarstellers erinnern. Der Zwischenfall beunruhigte die amerikanische Wissenschaftsjournalistin zutiefst - und gab ihr den Anstoß zu einer ausgedehnten Recherchereise. Sie besuchte Ärzte, Labors und Wissenschaftler, um die Ursachen ihrer Gedächtnisstörung zu ergründen. Das Ergebnis hat sie in einem unterhaltsamen Buch zusammengefasst.

Die Unsicherheit, die Cathryn Jakobson Ramin beschreibt, kennt so ziemlich jeder. Jeder hat schon mal einen Blackout erlebt: Name entfallen, Schlüssel verlegt, Zahnarzttermin vergessen, Geburtstag verbaselt oder keinen Schimmer, wo nun wieder das Auto geparkt ist. Mit zunehmendem Alter drängt sich die Frage auf: Ist diese Schusseligkeit noch normal? Oder womöglich ein Zeichen beginnender Demenz?

Erwiesenermaßen lassen manche Gehirnfunktionen bereits ab Mitte oder Ende zwanzig nach. Der Hippocampus, der fürs Erinnern und die räumliche Orientierung eine wichtige Rolle spielt, schrumpft, ebenso der präfrontale Kortex, der verantwortlich für das Kurzzeitgedächtnis ist. Zwar scheint selbst das alte Gehirn noch in der Lage zu sein, neue Nervenzellen zu bilden. Doch die Zahl der Verbindungen zwischen den Nervenzellen nimmt ab und auch die Menge an Neurotransmittern, die für das Lernen wichtig sind.

Ab den Vierzigern machen sich die Veränderungen bemerkbar. Verarbeitungstempo, Reaktionsgeschwindigkeit und Kurzzeitgedächtnis verschlechtern sich und damit die Fähigkeiten, in bestimmten Situationen angemessen zu reagieren. Es ist also normal, wenn wir mit dem Alter vergesslicher werden. Doch woher weiß man, ob die eigenen Ausfälle noch innerhalb des normalen Bereichs liegen oder bereits ein Symptom sind für eine ernstere Störung?

Einzelne Aussetzer sind kein aussagekräftiges Symptom

"Eine einfache Antwort gibt es nicht", sagt Monika Knopf, Professorin für Entwicklungspsychologie an der Universität Frankfurt. Denn der Beginn einer Demenz überschneidet sich mit den Zeichen der gewöhnlichen Gehirnalterung. Doch oftmals seien Ältere übermäßig besorgt: "Selbst bei den über 90-Jährigen ist die Mehrheit, nämlich etwa 60 Prozent, noch geistig gesund und muss nur mit leichten Schusseligkeiten leben."

Einzelne Aussetzer sind dabei kein aussagekräftiges Symptom. "Wenn Sie sich hingegen nicht an komplexe Dinge erinnern wie zum Beispiel, dass Sie gestern auf einer Geburtstagsfeier waren, ist das eher ein Warnzeichen", so Knopf. Normal ist es, ab und an die Brille zu verlegen. Nicht jedoch, verlegte Dinge an seltsamen Orten wiederzufinden, zum Beispiel ein Paar Schuhe im Kühlschrank. Forscher der Harvard-Universität haben acht Fragen entwickelt, mit deren Hilfe sie recht zuverlässig vorhersagen können, ob sich Gedächtnisprobleme verschlimmern und in eine Demenz münden werden (siehe Kasten). Viele Kliniken bieten eine "Gedächtnissprechstunde" an.

Eine fachliche Abklärung kann in vielen Fällen für Entlastung sorgen. Denn längst nicht jede kognitive Einbuße ist Zeichen einer Demenz, und nicht jede Demenz führt unheilbar zum völligen geistigen Verfall wie die Alzheimerkrankheit.

Viele Gedächtnisprobleme sind behebbar

Manche Ältere entwickeln leichte kognitive Störungen (LKS). Typischerweise treten sie im Alter von etwa 60 auf. Betroffene vergessen nicht nur Unwichtiges, sondern zum Beispiel auch die Namen naher Freunde oder Geburtstage, an die sie früher immer gedacht haben. In Gedächtnistests erinnern sie sich nicht an Details von Textstellen, die ihnen soeben vorgelesen wurden. Ihren Alltag aber bewältigen sie wie Gesunde. Bei einer Minderheit der Betroffenen sind LKS eine Vorstufe von Alzheimer. "Zwei Drittel dieser Leute aber bleiben stabil oder erholen sich sogar wieder von ihrer kognitiven Beeinträchtigung", sagt Knopf.

Gedächtnisprobleme können viele Ursachen haben, einige davon sind banal - und viele behebbar:

  • Wer schlecht hört, kann sich weniger merken; ein Hörgerät hilft dem Gehirn dann auf die Sprünge.
  • Schlafmangel und Stress wirken sich negativ auf das Denk- und Erinnerungsvermögen aus. Entspannungstraining, mehr Nachtruhe oder Nickerchen zwischendurch können dann Wunder wirken.
  • Auch die emotionale Verfassung wirkt sich aus. "Viele von denen, die in unsere Klinik kommen und klagen, ich vergesse immer alles und kann mir nichts merken, haben eine Depression", sagt Tilman Fey, Chefarzt der Abteilung für Gerontopsychiatrie der LWL-Klinik Münster. Die Symptome einer Altersdepression ähneln denen einer Demenz, zugleich erhöht das Leiden das Risiko, eine Demenz zu entwickeln.
  • Ein Mangel an Vitamin B12 schädigt die Nervenzellen - ein Defizit, unter dem Raucher und Trinker besonders häufig leiden. Eine Ernährungsumstellung und gegebenenfalls Vitamingaben können es beheben.
  • Manch einer erinnert sich schlecht, weil er eine Mahlzeit ausgelassen hat und sein Hirn nicht ausreichend mit Energie versorgt ist. "Das sind Kleinigkeiten, die im mittleren und höheren Lebensalter eine größere Rolle spielen als in jungen Jahren", sagt der Psychiatrieprofessor Hans Förstl von der Technischen Universität München. Im hohen Alter nähmen viele Leute gar nicht mehr wahr, wenn sie zu wenig trinken oder essen.
  • Viele Medikamente wie zum Beispiel Beruhigungsmittel beeinträchtigen das Denkvermögen, ebenso zu hoher Alkoholkonsum.
  • Eine Schilddrüsenüberfunktion kann zu Verwirrung führen, eine Unterfunktion zu Langsamkeit.
  • Bluthochdruck kann sich negativ auswirken. Vermutlich schädigt er die weiße Substanz im Gehirn mit ihren Nervenfasern.
  • Wie Diabetes, Fettstoffwechselstörungen und Rauchen zählt Bluthochdruck zudem zu den Risikofaktoren für eine gefäßbedingte Demenz.
  • Mit modernen bildgebenden Verfahren ist es möglich, strukturelle Veränderungen zu erkennen, zum Beispiel Tumoren oder Blutansammlungen unter der harten Hirnhaut, die oft erfolgreich behandelt werden können.

Aussöhnung mit Aussetzern

Bei Cathryn Jakobson Ramin diagnostizierten die Ärzte Schlafstörungen und eine leichte Schilddrüsenunterfunktion. Nach Meinung von Jonathan Canick, dem Neuropsychologen aus San Francisco, der sie untersuchte, deuteten die Testergebnisse darauf hin, dass sie Schäden durch Gehirntraumata erlitten hatte - für die Journalistin zunächst ein abwegiger Gedanke. Erst ihr Bruder erinnerte sie daran, dass er ihr mit neun Jahren einmal versehentlich mit voller Wucht einen Besenstiel gegen den Kopf geschlagen hatte. Und was war mit ihren Stürzen vom Pferd?

Leichtere traumatische Hirnverletzungen bleiben oft undiagnostiziert. Doch schon abrupte Beschleunigung kann eine Gehirnerschütterung verursachen und Nervenzellen schädigen. Geistige Fähigkeiten wie Aufmerksamkeit, Informationsverarbeitung, Wortfindung und Multitasking können durch Kopfverletzungen dauerhaft beeinträchtigt werden - was im fortgeschrittenen Alter nicht mehr so leicht kompensiert werden kann.

Nach ihrer Ärzte-Odyssee hat sich Cathryn Jakobson Ramin mit ihren Aussetzern ausgesöhnt. Sie ließ ihre Schilddrüse behandeln und begann, sich mehr zu bewegen und ausreichend zu schlafen. Ihr Gedächtnis funktioniert mittlerweile wieder ganz gut. Statt sich darüber zu grämen, was nicht mehr so gut funktioniert, sei es besser, sich vor Augen zu halten, was man mit den Jahren gewinnt, schreibt sie. So etwas wie Weisheit zum Beispiel. Für den Rest gebe es schließlich Google.

Cathryn Jakobson Ramin: "Der Dingsda aus Dingenskirchen. Die großen und kleinen Gedächtnislücken ab 40", Kreuz Verlag, 3. Auflage 2009, 320 Seiten, 19,95 Euro

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