HOME

Sprechstunde bei Dr. Google: Seriöse Quellen, echte Hilfe - wie Sie gute Gesundheitsinformationen im Internet erkennen

Zwei Drittel der Deutschen informieren sich im Internet über Gesundheit und Medizin. Wo findet man seriöse Informationen? Wie schützt man seine Daten?

Gute Gesundheitsinformationen im Internet

Im Internet gibt es zahllose Webseiten mit Gesundheitsinformationen - doch welche sind empfehlenswert?

Getty Images

Zwei Buchstaben: So klein kann der Unterschied sein zwischen gesicherter und zweifelhafter Information im Internet. Nehmen wir die Adresse "www.impfen-info.de": Sie öffnet die Internetseite der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung mit geprüften und seriösen Informationen. Gibt man dagegen "www.impf-info.de" ein, nur zwei Buchstaben weniger, landet man auf der Seite eines Münchner Arztes und findet dort Aussagen, die - vorsichtig formuliert - umstritten sind.

Beide Seiten befinden sich auf den Trefferlisten der Suchmaschine Google nah beieinander. Je nachdem, welche Suchwörter man genau eingibt (und wer sie eingibt), listet Google die Seite des Impfkritikers sogar noch vor der Seite der Bundeszentrale auf.  

Zwei Drittel der Deutschen beziehen Informationen über Gesundheit aus dem Internet, ermittelte kürzlich eine Studie der Bertelsmann-Stiftung. In medizinischen Fragen sind Google & Co als Informationsquelle laut einer aktuellen Umfrage aus Berlin inzwischen sogar beliebter als der Ratschlag von Freunden und Angehörigen.

Die Vorteile von "Dr. Google" liegen auf der Hand: Er hat rund um die Uhr Sprechstunde, berät Patienten aller Kassen, hat zu allen Symptomen und Krankheitsbildern etwas zu sagen, kennt weder Wartezeiten noch Zuzahlungen und keine Frage ist ihm zu doof.

1. Wie gut ist die schnelle Information aus dem Internet?

"Das Internet ist ein besserer Ratgeber als häufig angenommen", urteilt die Bertelsmann-Stiftung. "Die ständige Erreichbarkeit von mehr oder minder zutreffenden medizinischen Informationen im Internet führt bei vielen Patienten zu starker Verunsicherung", meint hingegen Martina Wenker, Vizepräsidentin der Bundesärztekammer.

Und beide haben Recht. Tatsächlich ist es so, dass beispielsweise eine Internetsuche nach "Kopfschmerzen" über kurz oder lang auch Artikel über Hirntumore zutage fördert. Wer ohnehin zu Ängsten oder zu Hypochondrie neigt, für den ist das Gift.

Für andere ist das Internet ein kluger Ratgeber. Zum Beispiel in Form der Seite washabich.de, wo man Hilfe bekommt, wenn man medizinischen Fachjargon nicht versteht. Hat man beispielsweise eine in Arztsprech verfasste Diagnose, die man nicht versteht, kann man das Dokument bei washabich.de einsenden und erhält kurz darauf eine von ehrenamtlich tätigen Medizinstudenten erstellte Übersetzung, die auch Laien verstehen können - kostenlos!

Auf Platz 1 der Seiten, auf denen sich die Deutschen über Gesundheitsthemen informieren, steht das Online-Lexikon Wikipedia. Daran arbeiten neben anerkannten Fachleuten bekanntlich auch zahlreiche Laien mit. Welcher Artikel wurde von wem verfasst? Was stimmt, was stimmt nicht? Skepsis ist angebracht.

2. Wie unterscheide ich wahr und falsch?

Wer ein paar Regeln beachtet, kann das Internet dennoch auch in Fragen der Gesundheit als wertvollen Tippgeber nutzen. Regel Nr. 1: Jede medizinische Recherche im Internet erfordert eine zweite Recherche - nämlich die über die Quelle der Information. Wer steckt hinter der Seite? Wer betreibt das Angebot, wer finanziert es? Handelt es sich um Werbung? Liegt eine gesicherte Erkenntnis vor oder eine Einzelmeinung?

Ein weiteres Hausmittel gegen Fehlinformationen im Netz ist die Zweitmeinung. Was sagen andere Webseiten zum Thema? Besteht Übereinstimmung oder Dissens? Haben wir es mit einer originellen Sichtweise oder einer Verschwörungstheorie zu tun? Wird ein kommerzieller Zweck verfolgt? Denn neben Ideologie sind es vor allem geschäftliche Interessen, die zu Falschinformationen führen. Zum Beispiel dann, wenn Risiken dramatisiert werden, um den Verkauf von Medikamenten oder Therapien anzukurbeln. Nicht selten entlarvt ein Blick ins Impressum, warum eine Seite ist, wie sie ist. Zwar müssen kommerzielle Angebote nicht in jedem Fall schlecht sein. Die Seite www.igel-monitor.de beispielsweise wird von den Krankenkassen betrieben - und informiert dennoch zuverlässig über kostenpflichtige ärztliche Zusatzleistungen.

Am zuverlässigsten aber sind Informationsportale, die unabhängig sind oder von staatlichen Stellen betrieben werden, zum Beispiel von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Die zeichnet für zahlreiche Internet-Angebote mit Aufklärung über Themen von Organspende bis Online-Sucht verantwortlich. Das Bundesgesundheitsministerium und die entsprechenden Landesministerien verweisen auf ihren Internetseiten ebenfalls auf Informationsangebote, die verlässlich sind.

Dort finden sich dann auch fachspezifische Portale für Betroffene von chronischen Kranken, zum Beispiel Krebs - besonders empfehlenswert sind deren fortlaufend aktualisierte "blauen Ratgeber", die man dort als pdf-Dateien herunterladen kann. Patienten mit Herzleiden finden seriöse Informationen auf den Seiten der Herzstiftung, für Diabetiker gibt es einen eigenen Informationsdienst.

Allgemeiner, aber ebenfalls hervorragende Anlaufstellen für seriöse Informationsangebote im Internet ist die Seite www.patienten-information.de (von der Ärztekammer). Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWIG) betreibt das ebenfalls empfehlenswerte Angebot www.gesundheitsinformation.de mit Informationen über Themen von Abnehmen bis Zystitis. Übrigens: Nur 30 Prozent derjenigen, die sie kennen, halten diese Seite für vertrauenswürdig. Das zeigt, dass man es mit der Skepsis im Netz auch übertreiben kann!

In Zukunft wird die Suche nach gesicherten medizinischen Informationen deutlich leichter werden: Das Bundesgesundheitsministerium hat beschlossen, alle seriösen Online-Gesundheitsangebote künftig über ein "Nationales Gesundheitsportal" miteinander zu vernetzen. Geplant ist unter anderem eine Suchmaschine, die nur verlässliche Treffer ausspucken soll. Bis zur Realisierung wird es allerdings noch eine Weile dauern. So lange ist eigene Recherche und eine gute Portion gesunder Menschenverstand notwendig.

3. Wie gut sind Gesundheits-Apps?

Recherche und eine gute Portion gesunden Menschenverstand bedarf es auch bei der Einschätzung der mehr als 100.000 Gesundheits-Apps, die zurzeit in den Stores für Apple- und Android-Handys angeboten werden. Jeder dritte Deutsche hat inzwischen eine solche App auf dem Smartphone installiert. Aber bringen die auch was?

Wissenschaftliche Beweise stehen dafür noch aus. Doch es gibt zahlreiche Hinweise, dass solche Apps im Alltag tatsächlich helfen können. Der Bundesgesundheitsminister plant sogar, Gesundheits-Apps künftig als Kassenleistung bezahlen zu lassen!

Ihre Stärken haben Apps dabei weniger bei Diagnostik und Therapie, sondern als Helfer bei Prävention und Gesundheitsförderung im Alltag. Sie schlagen Alarm, wenn beim Intervallfasten die nächste Essenspause beginnt (z.B. "Bodyfast"). Sie sagen Bescheid, wenn die nächste Yoga- oder Fitness-Übung (z.B. "Runtastic") ansteht - und erklären gleich, wie sie durchgeführt wird. Sie helfen, die eigene Ernährung im Blick zu behalten, die Bewegung, den Schlaf, Menstruation, Blutzucker, die UV-Belastung. Sie erinnern an Impfungen und Zahnarztbesuche, ans Rückentraining und die Darmkrebs-Vorsorge.

Die Übersicht, zu der sie verhelfen, die Ziele, die sie setzen, die virtuellen Siegerpokale und Belohnungspunkte, die sie vergeben: All das kann tatsächlich helfen, zu mehr Fitness und zu einem gesünderen Lebensstil zu kommen. Vielfach bewährt haben sich zum Beispiel Rauch-Entwöhn-Apps. Die rechnen nebenbei stets tagesaktuell aus, wie viel Geld man durch das Nichtrauchen bereits gespart hat.

4. Daten sammeln leicht gemacht

Einige Gesundheitsfunktionen haben die beiden großen Handy-Systeme iOS und Android bereits eng an die Betriebssysteme angebunden. Bei iOS heißt der entsprechende Bereich "Health", Android hält die App "Google Fit" bereit, Samsung bietet eine "Samsung Health"-App an. Sie sammeln in erster Linie Daten: Körpergewicht, Bewegung, eingenommene und verbrauchte Kalorien. Diese Daten können die Handys nur zum Teil automatisch erheben. Man muss sie von Hand nachtragen oder das Smartphone mit einem kompatiblen Gerät verbinden, zum Beispiel einem Thermometer oder einer Bluetooth-Waage, die alle gemessenen oder errechneten Werte - Gewicht, Körperfett, BMI - umgehend ans Smartphone sendet.

Immer mehr solcher Geräte bieten Möglichkeiten der Selbstüberwachung. Fitnessarmbänder und Smartwatches erfassen neben der Anzahl der zurückgelegten Schritte in der Regel auch den Pulsschlag. Darüber hinaus gibt es Geräte auf dem Markt, die früher Ärzten vorbehalten waren: Hightech-Matratzen zur Schlafüberwachung etwa, Blutzucker- und Blutdruckmessgeräte mit Bluetooth-Anbindung. Erste Smartwatches können inzwischen sogar EKGs anfertigen. In Europa gibt es diese Funktion bislang noch nicht.

Mit all diesen Daten lassen sich, so die Hoffnung der Hersteller, Krankheiten frühzeitig erkennen und besser behandeln. Denn für Ärzte, Krankenhäuser und Therapeuten können solche - am besten über einen längeren Zeitraum gesammelten - Körperdaten durchaus hilfreich sein, hoffen die Hersteller. Wer die Datensammlung dann noch um weitere medizinische Informationen ergänzt, zum Beispiel den Röntgenpass oder andere medizinische Dokumente, kann sein Smartphone zu einer aussagekräftigen digitalen Patientenakte machen.

In Deutschland gibt es gleich mehrere Apps, die das bereits umsetzen. Die wichtigste heißt "Vivy" und wird von 21 gesetzlichen und vier privaten Kassen unterstützt, die sie exklusiv ihren 17,7 Millionen Versicherten bereitstellen. "Vivy" speichert Impfpass, Arztbriefe, Laborwerte und Röntgenbilder und stellt sie auf Wunsch dem behandelnden Arzt direkt in elektronischer Form zur Verfügung.

5. Ohne Vertrauen geht nichts

Dass dabei alle modernen Sicherheitsstandards eingehalten werden, das betonen die "Vivy"-Macher - wie die Anbieter aller anderen Online-Gesundheitsdienste - bei jeder Gelegenheit: Durch "Ende-zu-Ende Verschlüsselung", "sicherer, anonymer Datenaustausch" und "höchste Anforderungen der schon hohen Datenschutzverordnung" seien die Patientendaten in guten Händen, heißt es auf der "Vivy"-Webseite. Doch schon kurz nach dem Start der App deckten Sicherheitsforscher Mängel im "Vivy"-System auf.

Ob diese wirklich so gravierend waren wie dargestellt (der Hersteller bestreitet das) und ob sie inzwischen abgestellt wurden: Das kann der einfache Nutzer nicht beurteilen. Er muss sich entscheiden, ob er dem Anbieter so sehr vertraut, dass er ihm die Daten überlässt - was beim Besuch eines Arztes oder eines Therapeuten in der Offline-Welt aber auch nicht anders ist.

Eckart von Hirschhausen trifft die "Fridays for Future"-Aktivisten und Klimaforscher Mojib Latif.


Ulf Schönert

Wissenscommunity