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Stern Logo Gesundheits-Mythen im Check - Tatsache oder Trugschluss?

Tatsache oder Trugschluss: Macht Cola wirklich weiche Knochen?

Dass die braune Brause nicht wirklich gesund ist, weiß jeder. Das Getränk enthält viel Zucker und viele Kalorien. Doch bekommt man tatsächlich brüchige Knochen, wenn man es trinkt?

Von Sonja Helms

Macht abends essen dick? Ist es schädlich, den Deckel des Joghurtbechers abzulecken? Gibt es süßes Blut? Der stern nimmt in loser Reihenfolge Alltagsmythen unter die Lupe.

Macht Cola die Knochen weich?

Die Auflösung

Neulich in der Kantine. Die Kollegin greift zur Cola - und rechtfertigt sich: "Eine wird schon nicht schaden." Das schlechte Gewissen hat sie nicht ohne Grund. Auch wenn der Softdrink zu den weltweit beliebtesten Getränken zählt, ist sein Ruf nicht der beste. Da ist der viele Zucker, der Übergewicht begünstigt. Doch nicht nur das: Zu viel Cola schädige auch die Knochen, heißt es oft. Die enthaltene Phosphorsäure entziehe ihnen Kalzium, jenen für den Knochenaufbau benötigten Mineralstoff. Fehlt er, werden die Knochen brüchig, es droht Osteoporose. Erschreckende Fallbeispiele von Kindern mit geradezu porösen Knochen machten vor einigen Jahren die Runde.

So plausibel der Wirkmechanismus klingt - stimmt er auch?

2006 lenkte eine Studie die Aufmerksamkeit auf einen möglichen Zusammenhang zwischen Cola-Konsum und geringer Knochendichte: Die US-Epidemiologin Katherine Tucker und ihre Kollegen von der Tufts University in Medford, Massachusetts, hatten für ihre Untersuchung mehr als 2500 Daten der Framingham Osteoporose-Studie ausgewertet. Sie fanden einen Zusammenhang - aber nur bei weiblichen Studienteilnehmern. Je mehr Cola die Probandinnen getrunken hatten, desto geringer war ihre Knochendichte. Der Effekt war unabhängig von anderen Risikofaktoren wie Alter, Kalzium- und Vitamin-D-Versorgung, Rauchen oder Alkoholgenuss. Er galt auch nur für die Hüftknochen - nicht aber für die Wirbelsäule. Bei ungezuckerter Light-Cola und entkoffeinierten Colagetränken waren die Effekte ähnlich, wenn auch schwächer ausgeprägt.

Interessant war: Bei Männern zeigte sich dieser Zusammenhang nicht, weder in der Hüfte, noch in der Wirbelsäule. Warum Frauen, nicht aber Männer eine umso geringere Knochendichte hatten, je mehr Cola sie tranken, konnten die Forscher nicht erklären. Studienleiterin Tucker betonte daher, die Ergebnisse seien mit Vorsicht zu genießen; viele Fragen seien noch offen. Für die Annahme, dass ein Glas Cola ab und zu den Knochen schade, gebe es keine Beweise.

Die Crux der Beobachtungsstudien

Knochenspezialisten Peter Nawroth, Ärztlicher Direktor der Klinik für Endokrinologie, Stoffwechsel und Klinische Chemie an der Universität Heidelberg, wundert das nicht. "Solche Zusammenhänge, die aus Daten von Beobachtungsstudien gewonnen werden, sagen nichts über eine mögliche Kausalität aus", sagt er. Ob es tatsächlich die Cola-Getränke seien, die eine geringere Knochendichte verursachten, ließe sich nur mithilfe einer sogenannten Interventionsstudie mit vergleichbaren Teilnehmergruppen beweisen. Eine würde über einen längeren Zeitraum viel Cola zu trinken bekommen, die andere wenig oder gar keine Cola, wobei Zucker- und Kaloriengehalte der Getränke jeweils identisch sein müssten, um mögliche Einflüsse dieser Faktoren auszuschließen.

"So eine Studie fehlt aber", sagt Nawroth. "Das ist der erste Punkt. Der zweite ist: Wenn nun durch Zufall entdeckt wird, dass ein Mensch mit Osteoporose viel Cola trinkt, müsste man untersuchen, ob sich die Knochendichte verbessert, wenn man ihm die Cola wegnimmt." Erst dann könne sicher gesagt werden, dass Cola die Knochen schädige.

Fraglich ist sogar, ob es die Phosphorsäure allein oder überhaupt ist, die möglicherweise den Knochen angreift. Wissenschaftler des Forschungsinstituts für Kinderernährung (FKE) in Dortmund hegen einen anderen Verdacht.

Der fehlende Effekt der Säure

Vor einigen Jahren untersuchten sie, welchen Einfluss Erfrischungsgetränke insgesamt auf die Knochendichte von Kindern und Jugendlichen haben - also nicht nur koffeinhaltige Getränke wie Cola, sondern auch koffeinfreie wie Apfelschorle oder Limonade. Die Daten hierfür stammten aus der Donald-Studie des FKE, für die seit 1985 Ernährungsgewohnheiten von Kindern und Jugendlichen erfasst werden. Auch hier handelt es sich um Daten aus einer Beobachtungsstudie.

Eines der Hauptergebnisse lautete: Je mehr solcher Softdrinks Jugendliche zu sich nahmen, desto weniger Mineralstoffe enthielten ihre Knochen. Nur: Die enthaltenen Säuren schienen nicht verantwortlich für diese Veränderung zu sein, das hatten sie überprüft. Vielmehr hatten die Forscher zwei andere Stoffe im Verdacht: Koffein und Eiweiß. Denn eine Auswirkung auf den Knochenstoffwechsel ließ sich überhaupt nur bei koffeinhaltigen Softdrinks wie Cola feststellen. Woran das liegt? Auch hier fehlt eine Erklärung.

Eiweiß als mögliches zusätzliches Mosaiksteinchen

"Zudem haben wir beobachtet, dass Jugendliche, die sehr viele Softdrinks konsumierten, weniger Proteine mit der Nahrung zu sich nahmen. Eiweiß ist aber ein wichtiger Nährstoff für den Knochen", sagt Ernährungswissenschaftler Lars Libuda, einer der Studienautoren. Darin sieht er eher einen möglichen Zusammenhang zu dem Knochenmineralgehalt. Denn hier könne sich ein bestimmtes Ernährungsmuster widerspiegeln, deren Auswirkung auf die Gesundheit sich nicht abschätzen lasse. Doch auch das ist eine Vermutung, die es zu be- oder widerlegen gilt.

Allerdings: Nur, weil ein Zusammenhang nicht bewiesen ist, heißt es nicht, dass es nicht doch einen gibt. Es bedeutet lediglich: Man weiß es nicht so genau. Die Vorgänge im menschlichen Körper sind sehr komplex. Der fehlende Beweis für eine knochenschädigende Wirkung macht die Brause noch lange nicht zu einem gesunden Getränk.

Weitere potenziell schädigende Wirkungen

Allein der hohe Zucker- und Kaloriengehalt des Getränks gilt als kritisch. Ein Liter Cola enthält rund 110 Gramm Zucker und 420 Kalorien - ohne brauchbare Nährstoffe zu liefern.

Problematisch ist auch die Wirkung des Zuckers und der Säuren auf die

Zähne

, bei Cola ist dies insbesondere die bereits genannte Phosphor-, aber auch die Zitronensäure. Beide greifen die Zahnoberfläche an, das ist unstrittig, und zwar unabhängig vom Zuckergehalt des Getränks. Fairerweise muss man sagen, dass es auch keine Rolle spielt, woher die Säure stammt: Bei Fruchtsäften und -schorlen verhält es sich ähnlich.

"Säuren senken den pH-Wert im Mund. Sind die Zähne der Säure nur kurz ausgesetzt, ist das kein Problem, das hält ein Zahn aus. Wirken die Säuren jedoch länger oder regelmäßig auf ihn ein, können sie Bestandteile aus dem Zahnschmelz herauslösen", sagt Zahnarzt Matthias Roggendorf, Oberarzt der Abteilung für Zahnerhaltungskunde der Universität Marburg. Es entstünden Hohlräume, in die sich Bakterien leichter einnisten können - ein Wegbereiter für Karies.

Gefäßgift Phosphat

Selbst Tierversuche mit der braunen Brause stimmen nachdenklich. In einer Studie mit Mäusen etwa entwickelten jene Tiere, die Cola statt Wasser tranken, nach kurzer Zeit eine starke Arteriosklerose, ihre Gefäße verkalkten. Auch ihre Blutzucker- und Blutfettgehalte stiegen an, die Niere wurde geschädigt. Nur lassen sich Tierversuche eben nicht so einfach auf den Menschen übertragen.

Bekannt ist, dass Colagetränke wie die meisten Fertigprodukte viel Phosphat enthalten, weil es häufig als Konservierungsmittel eingesetzt wird. Phosphate wiederum gelten als Gefäßgift. "Zumindest bei Nierenkranken tragen Phosphate sehr zur Gefäßalterung und -verkalkung bei", sagt Jan Galle, Pressesprecher der Deutschen Gesellschaft für Nephrologie und Direktor der Klinik für Nieren- und Hochdruckerkrankungen in Lüdenscheid. "Inwieweit das bei Gesunden auch schon geschieht, wird derzeit erforscht."

Fazit

Ob und inwieweit Colagetränke die Knochen schädigen, lässt sich streng wissenschaftlich nicht sagen. Den gelegentlichen Genuss von Cola halten Experten nicht für problematisch, den exzessiven schon, und zwar unabhängig davon, ob es sich um die gezuckerte oder eine Light-Variante handelt. Zu viel Cola macht dick und greift die Zähne an - und möglicherweise auch andere Organe. "Letztlich ist jede Form von extremem Verhalten schädlich", sagt Knochenspezialist Nawroth. "Wir raten den Menschen zu einer vernünftigen Mischkost und regelmäßiger Bewegung - beides ist nicht nur für die Knochen wichtig."

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