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Schweinegrippe: Virologe empfiehlt Schwangeren Impfung

Obwohl es besonders wichtig wäre, schwangere Frauen und Kinder zuerst gegen die Schweinegrippe zu impfen, weiß man gerade bei diesen Gruppen am wenigsten über mögliche Nebenwirkungen.

Von Kai Kupferschmidt

Eine Grippe-Impfung kann Leben retten. Doch in Nord- und Süddeutschland fehlt derzeit Impfstoff.

Eine Grippe-Impfung kann Leben retten. Doch in Nord- und Süddeutschland fehlt derzeit Impfstoff.

Besonders schwangere Frauen haben allen Grund, die Schweinegrippe ernst zu nehmen. Zum einen ist das Risiko bei Ihnen höher, dass die Erkrankung lebensbedrohlich verläuft. "Das Influenzavirus führt bei schwangeren Frauen eindeutig häufiger zu Komplikationen und zu Todesfällen", bestätigt der Virologe Alexander Kekulé. So war die Sterblichkeit bei vergangenen Epidemien unter schwangeren Frauen stets höher als unter dem Rest der Bevölkerung. Auch bei der saisonalen Grippe verläuft ihre Erkrankung häufig schlimmer. "Es stirbt zwar nur ein sehr kleiner Teil der Erkrankten an der Schweinegrippe und von denen hat die Hälfte schwere Grunderkrankungen. Aber bei der anderen Hälfte sind völlig gesunde junge Frauen dabei", sagt Frank von Sonnenburg von der Abteilung für Infektions- und Tropenmedizin am Klinikum der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität, wo die deutschlandweite Impfstoff-Studie an Erwachsenen koordiniert wird.

Auch für das ungeborene Kind stellt das Influenzavirus eine Gefahr dar. So gibt es Hinweise darauf, dass eine Grippeinfektion während der Schwangerschaft das Risiko des Kindes erhöht, später an einer geistigen Krankheit zu leiden. Finnische Forscher haben in Helsinki medizinische Unterlagen von einer Grippeepidemie im Jahr 1957 untersucht. Dabei kamen sie zu dem Schluss, dass das Risiko an Schizophrenie zu erkranken, für jene Kinder höher war, deren Mutter sich während der Schwangerschaft mit dem Virus infiziert hatte. Im März dieses Jahres wiesen Forscher im Fachblatt "European Neuropsychopharmacology" nach, dass eine Influenzainfektion bei schwangeren Mäusen verschiedene Gene im Gehirn der Föten an- und ausschaltet. Darunter fanden sie auch Gene, die mit einem erhöhten Risiko, für Schizophrenie und Autismus in Verbindung gebracht werden. Der Effekt, den die finnischen Forscher beobachteten, war allerdings sehr klein und die Daten, auf die sie sich bezogen, alt und nicht immer zuverlässig.

Risiko für Fehlgeburt steigt

Daher warnt Kekulé auch davor, die Untersuchungen an Mäusen eins zu eins auf den Menschen zu übertragen. "Im Tiermodell findet man häufig Erbschäden, die man dann beim Menschen nicht findet." Dennoch ist klar, dass Grippeviren für das ungeborene Kind gefährlich sind. "Schwangere mit einer Grippeinfektion haben in jedem Fall ein höheres Risiko, eine Fehlgeburt zu erleiden", sagt Kekulé.

Aus diesen Gründen gehören Schwangere zu den Menschen, die unbedingt geimpft werden sollten. In der Tat hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) in ihrer Empfehlung genau dies bestätigt. Das Problem: Impfstoffe und Medikamente werden aus ethischen Gründen nicht an schwangeren Frauen getestet. Viele Mediziner haben deswegen Bedenken, mit den neuartigen Impfstoffen direkt schwangere Frauen zu immunisieren. "Es ist ungeheuer schwierig, eine Impfempfehlung für schwangere Frauen auszusprechen, da gibt es einfach zu wenig gute Daten", sagt von Sonnenburg. Auch Johannes Löwer, Präsident des Paul-Ehrlich-Instituts, das für die Zulassung von Impfstoffen verantwortlich ist, spricht von einem Dilemma: "Schwangere standen bisher nie im Fokus einer Grippeimpfung", sagt er. Grundsätzlich spreche aber bei ihnen nichts dagegen. Sie zu impfen, sei auch bei der saisonalen Grippe üblich. Lediglich bei Lebendimpfstoffen wie gegen Mumps und Röteln werde grundsätzlich davon abgeraten. Kekulé sieht schwangere Frauen sogar in einer besonders klaren Situation. "Weil die Gefahr durch die Grippe für Schwangere höher ist, ist die Risikoabwägung einfacher: Schwangere sollten sich impfen lassen", sagt er.

Ähnlich äußert sich auch von Sonnenburg, der Mitglied in der Ständigen Impfkommission (Stiko) ist, die Impfempfehlungen ausspricht. Es sei zwar eine schwierige Risikoabwägung. "Aber schwangere Frauen in höheren Trimestern profitieren wohl von einer Impfung." Darauf werde voraussichtlich auch die Empfehlung der Stiko hinauslaufen. Wer ganz sicher gehen will, dem rät Kekulé, nach Beginn der Impfaktion erst einmal abzuwarten und zwei Wochen zu Hause zu bleiben. "Wenn die Lebensumstände das erlauben, ohne Gefahr, sich mit dem Virus anzustecken, ist das eine gute Lösung." Denn schon die ersten zwei Wochen dürften Klarheit schaffen, ob der Impfstoff eventuell doch seltene Nebenwirkungen hervorruft, die in bisherigen Tests nicht auffielen. Wer aber aus beruflichen oder sonstigen Gründen nicht zu Hause bleiben kann oder ohnehin kleine Kinder hat, welche die Krankheit möglicherweise mit nach Hause bringen, solle sich laut Kekulé sofort impfen lassen.

Bei Kindern wenig Erfahrung mit den Impfstoffen

Wer das nicht tut und an der Schweinegrippe erkrankt, kann sich immer noch mit einem der antiviralen Medikamente behandeln lassen. Eine Gruppe japanischer Forscher hat Berichte von Influenzaerkrankungen bei schwangeren Frauen ausgewertet, um herauszufinden, wie sicher verschiedene Behandlungsmöglichkeiten sind. Ihre Schlussfolgerung: Es gebe weder beim Wirkstoff Zanamivir (Relenza) noch beim Wirkstoff Oseltamivir (Tamiflu) Hinweise auf eine Schädigung des ungeborenen Kindes. Zu Oseltamivir lägen aber mehr Daten vor, weshalb es die sicherere Variante sei. Auch könne eine Mutter, die eines der beiden Medikamente nehme, ihr Kind weiter stillen.

Neben schwangeren Frauen stehen auch Kinder ganz oben auf der Liste der Gruppen, die bei einer Pandemie geimpft werden sollten. "Kinder sind praktisch die Verbreiter der Erkrankung", sagt Markus Knuf vom Uniklinikum Mainz. Außerdem müssten Kinder bei einer Grippeinfektion überdurchschnittlich häufig ins Krankenhaus. Aber auch bei ihnen zweifeln Impfexperten noch, wie sinnvoll eine Impfung ist. Denn die Impfstoffe, die nun gegen die Schweinegrippe eingesetzt werden sollen, enthalten eine neue Substanz, die das Immunsystem stärker aktivieren soll. Bisher ist kein Impfstoff mit dieser Substanz für Kinder zugelassen. "Erste Tests haben gezeigt, dass diese Impfstoffe mehr Nebenwirkungen haben, als wir normalerweise bei Impfstoffen sehen, die für Kinder zugelassen sind", sagt Kekulé. So hätten die Kinder stärkere Reaktionen an der Einstichstelle und litten auch häufiger unter Fieber. Ernste Nebenwirkungen seien aber nicht häufiger aufgetreten als bei anderen Impfstoffen. "Man hat aber weniger Erfahrung mit diesen Impfstoffen als mit den alten", sagt Kekulé.

Eine neue Studie ist nun unterwegs. Unter der Leitung von Markus Knuf von der Uniklinik Mainz soll ein Impfstoff der Firma Novartis in den kommenden Wochen an 2000 Kindern getestet werden. Der Impfstoff sei schon vorher in kleineren Studien untersucht worden, sagt Knuf. Jetzt gehe es um die Feinabstimmung. Sowohl die Wirksamkeit wie auch die Nebenwirkungen des Impfstoffes sollen getestet werden. "Ganz seltene Nebenwirkungen können wir damit aber nicht erfassen", sagt Knuf. Dafür müssten deutlich mehr Kinder getestet werden. Es sei außerdem unwahrscheinlich, dass die Studien rechtzeitig fertig werden, um bei einer befürchteten zweiten Grippewelle im Spätherbst Grundlage einer Impfentscheidung zu sein, sagt Löwer. "Da muss man sehen, ob Kinder dann erst einmal nicht geimpft werden."

Auch Tamiflu sollte nicht zur Vorbeugung gegen das Grippevirus bei Kindern verwendet werden. Eine Studie der englischen Gesundheits-Agentur "Health Protection Agency", die im Journal "Eurosurveillance" veröffentlicht wurde, hat ergeben, dass Tamiflu bei Kindern sehr häufig Nebenwirkungen hervorruft. Dafür untersuchten die Forscher in London Schüler zwischen vier und 14 Jahren. Bei mehr als der Hälfte der 85 Kinder traten eine oder mehrere Nebenwirkungen auf. So litten 29 Prozent der Kinder unter Übelkeit und 20 Prozent an Magenkrämpfen. Inzwischen werden in England deswegen nur noch Kinder mit Tamiflu behandelt, die tatsächlich erkrankt sind. Vorher waren sie auch vorsorglich mit dem Medikament behandelt worden, wenn sie Kontakt zu einem erkrankten Kind hatten.

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