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iPhone: Helfer für die Kitteltasche

iPhone, die Zweite: Ab dem 11. Juli liegt das neue iPhone 3G in deutschen T-Mobile-Filialen. Für das Handy bietet Apple nun auch Spezial-Software für Mediziner. Arzt und Patient sollen enger vernetzt werden.

Von Janina Behrens

Apple öffnet mit dem 3G eine iPhone-Plattform für fremde Software. Daher hätte das iPhone 3G gute Chancen als elektronischer Helfer für den mobilen Arzt, denn auf dem neuen Gerät lassen sich auch Bildanzeige-Programme für Ärzte installieren.

Bei den neuen Ärzte-Anwendungen arbeite Apple mit der US-Softwareschmiede Mimvista aus Ohio zusammen, erklärte Steve Jobs' rechte Hand Scott Forstall kürzlich bei einer Präsentation in San Francisco. Die Mimvista-Entwickler haben ein Softwarepaket für das iPhone auf den Markt gebracht, mit dem Mediziner künftig jederzeit und überall einen Blick in die Körper ihrer Patienten werfen können. Bisherige Mini-Computer für Ärzte speicherten vor allem medizinische Nachschlagewerke - etwa um dem Arzt die Berechnung der richtigen Medikamentendosis zu erleichtern. iPhone und Mimvista-Software dagegen vernetzen den Doktor im Klinikalltag mit den individuellen Kranken-Daten seiner Patienten: Ob Computertomographie (CT) oder Kernspin-Tomographie (MRT) - auf dem Touchscreen-Display kann ein Arzt sämtliche Bilder fürs Patientengespräch am Krankenbett parat haben.

Bisher eilten Mediziner zwischen Patient und PC hin und her: "Computer mit viel Rechenspeicher und guter Grafikleistung sind für die Auswertung von Patientenbildern immens wichtig, aber leider nicht an jedem Ort im Krankenhaus verfügbar. Ein Zugriff von den verschiedenen Stationen, von unterwegs oder von zu Hause aus wäre da sehr praktisch", sagt Arne-Jörn Lemke, Professor für Radiologie an der Charité zu Berlin. Mit der neuen Software könnte sich ein Radiologe schon morgens beim Frühstück die aktuellsten Kernspin-Bilder seines Patienten per WLAN nach Hause schicken lassen. Oder er kann sich auf dem Weg zur Arbeit in der U-Bahn oder an der Tankstelle einen 3D-Film vom Tumor seines Patienten wie mit einer kreisender Kamera von allen Seiten anschauen. Die Bilder dafür empfängt er über das Funknetz UMTS.

Keine Ferndiagnose per Handy

Fern-Diagnosen per iPhone sind allerdings in Deutschland undenkbar. Aus Haftungsgründen dürfen Ärzte nur an speziell dafür vorgesehenen Computern mit großem Monitor und brillanter Bildqualität entscheiden, was ihrem Patienten fehlt. Dennoch findet Lemke die neuen iPhone-Funktionen nützlich: "Am Monitor mit hoher Auflösung könnte ich zuerst die Diagnose stellen und dann schnell die wichtigsten Bilder aufs iPhone des betreuenden Arztes weiterleiten, egal ob er in einer Praxis arbeitet oder in einem anderen Krankenhaus. So bekommt ein Patient früher seine Therapie." Besitzt auch der Patient ein iPhone, kann er seine Bilder darauf mit nach Hause nehmen, hat sie bei zukünftigen Arztbesuchen immer parat und braucht in Zukunft keine großen Taschen mit Bildern mehr von Praxis zu Praxis tragen.

Natürlich berge das mobile Aufrufen vertraulicher Patientendaten, etwa in der S-Bahn, auch Gefahren, sagt Lemke: "Wie soll man verhindern, dass ein Neugieriger einen Blick auf den Tumor meines Patienten erhascht?" Auch bei der Übertragung müsse Datensicherheit gewährleistet sein. Lemke plädiert dafür, in der Öffentlichkeit verantwortungsvoll mit dem iPhone umzugehen und außerdem sichere Datenwege zu verwenden, so genannte Virtual-Private-Network-Kanäle (VPN). Diese Technologie verbindet mobile Geräte mit Netzwerken wie dem eines Krankenhauses. Über VPN können verschlüsselte Datenpakete von Patienten wie durch einen Tunnel sicher durch das offene Internet geschleust werden. Eine Art Intranet im Internet. Der Haken: Zwar hat das iPhone 3G ein eigenes VPN-System als Standardfunktion. Doch beim deutschen Exklusiv-Vertriebspartner T-Mobile ist das bisher nicht im Vertrag enthalten. Und Verträge ohne Verschlüsselungssysteme wie VPN werden Ärzte und Krankenhäuser wegen des hohen Sicherheitsanspruchs für ihre Patientendaten nicht abschließen.

15 MB Daten sind schnell zusammen

Außerdem stößt UMTS in Deutschland gerade auf dem Land an seine Grenzen, da hier das Funknetz noch nicht flächendeckend ausgebaut ist. Laut iPhone-Anbieter T-Mobile ist noch nicht absehbar, bis wann man in jedem Winkel von Deutschland Verbindung zum Netz haben kann. Ein schnelles Netz wäre aber nötig, um die großen Datenmengen medizinischer Bilder übertragen zu können. Ein Satz Computer-Tomographiebilder, zum Beispiel Aufnahmen vom Kopf, kommt schnell auf 15 Megabyte oder mehr. Das iPhone eignet sich bislang eher dazu, ausgewählte Einzelbilder zu übertragen. Selbst unter optimalen Funkverbindungen würde schon der Empfang mehrerer Aufnahmen vom Kopf eines Patienten stolze sieben Minuten oder mehr dauern.

Unterm Strich könnte das neue iPhone in einiger Zeit - UMTS-Abdeckung und Datensicherheit vorausgesetzt - den Klinikalltag effizienter machen, sagt Lemke: "Am liebsten hätte ich ein Gerät, das alles kann: in Fachbüchern nachschlagen, eine schnelle Abfrage von Laborwerten vornehmen und Bilddaten abrufen. Zusammen mit der elektronischen Patientenakte würde das iPhone meiner Vorstellung vom gut vernetzten Krankenhaus schon sehr nahe kommen."

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