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Krankenkassenreport: Hautkrebs - die unterschätzte Gefahr?

Sorglose Sonnenbäder sind riskant: Die Hautkrebsfälle steigen rasant, das zeigt ein Barmer-Report. Die Krankenkasse fordert, das Hautkrebs-Screening auszubauen. Dabei ist umstritten, ob es hilft.

Von Lea Wolz

In Deutschland steigt die Zahl der Menschen mit der Diagnose Hautkrebs rasant an, meldet die Barmer GEK in ihrem aktuellen Arztreport. Am schwarzen Hautkrebs, dem sogenannten malignen Melanom, litten 2012 318.000 Menschen und damit 60 Prozent mehr als 2005. Noch weitaus verbreiteter ist der helle oder weiße Hautkrebs, für den 2012 insgesamt 1,3 Millionen Diagnosen dokumentiert wurden. Das entspricht einer Steigerung von 79 Prozent. Jedes Jahr erkranken mehr als 200.000 Menschen neu an Hautkrebs.

Gefährlich ist dabei besonders der schwarze Hautkrebs, der schnell im Körper streuen und tödlich enden kann. 2875 Menschen starben dem Statistischen Bundesamt zufolge 2012 daran. Der weiße Hautkrebs, zu dem der Basalzellkrebs und Stachelzellkrebs zählen, führt dagegen selten zum Tod, da das Risiko von Metastasen geringer ist.

Sonne und Solarien größte Risikofaktoren

"Hautkrebs ist wohl eine der unterschätzten Krebserkrankungen in Deutschland. Offensichtlich sind sich viele Bundesbürger der Gefahr von UV-Strahlung nicht bewusst", sagte Rolf-Ulrich Schlenker, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Krankenkasse, bei der Vorstellung des Reports in Berlin. Die UV-Strahlung der Sonne, die auf ungeschützte Haut trifft, und der Besuch von Solarien gelten als der größte Risikofaktor für Hautkrebs. Zudem steigen die Zahlen, da bei einer immer älter werdenden Bevölkerung immer mehr Krebsdiagnosen erfolgen. Für den Report wurden Daten von acht Millionen Versicherten der Barmer ausgewertet.

Die alarmierenden Zahlen zum Hautkrebs verknüpft die Barmer zugleich mit einer Forderung: Das Hautkrebs-Screening, das die gesetzlichen Krankenkassen für Versicherte ab einem Alter von 35 Jahren seit 2008 alle zwei Jahre übernehmen, soll auch für jüngere Menschen angeboten werden. Auch ihnen solle der Zugang zur Früherkennung erleichtert werden. Denn wird der Krebs früh erkannt, ist er gut zu therapieren.

Angesichts der erschreckenden Zahlen klingt die Forderung nachvollziehbar. Doch wie sinnvoll ist das Screening tatsächlich?

Zuerst einmal die Fakten, die sich aus dem Report der Barmer ablesen lassen:

  • Im Jahr 2012 waren laut Barmer 1,56 Millionen Menschen von bösartigen Neubildungen der Haut - konkret dem schwarzen und weißen Hautkrebs - betroffen. Beide Diagnosen seien in den vorhergehenden Jahren deutlich seltener erfasst worden. Die Häufigkeit der Diagnosen habe zwar nach der Einführung des Screenings im Jahr 2008 zugenommen. Doch alleine dadurch sei der Anstieg nicht zu erklären, heißt es.
  • 2012 wurden etwa 7,55 Millionen Hautkrebs-Screening-Untersuchungen bei GKV-Versicherten abgerechnet. Die Untersuchungen fanden zum größeren Teil beim Hausarzt statt: 4,18 Millionen wurden von Hausärzten durchgeführt, 3,37 Millionen von Fachärzten (Dermatologen). Um das Screening anbieten zu können, können Hausärzte sich in einer achtstündigen Fortbildung qualifizieren.
  • Doch reicht diese kurze Fortbildung für ein qualifiziertes Screening? Diese Frage wirft auch die Barmer auf. Beim Dermatologen führen die Screenings jedenfalls häufiger zur Diagnose "Hautkrebs", wobei dies auch daran liegen könnte, dass Hausärzte Patienten zur Abklärung an den Hautarzt überweisen.
  • Frauen nutzen die Frühuntersuchung etwas häufiger als Männer (32 gegenüber 30 Prozent). Insgesamt nahm allerdings nur knapp ein Drittel derjenigen, die einen Anspruch auf die Untersuchung hatten, auch daran teil. Die Nutzung des Screening-Angebots sei noch steigerungsfähig, so ein Fazit der Kasse.
  • Ist eine Hautveränderung auffällig, erfolgt eine Gewebeentnahme. Bei fünf Prozent der Screening-Teilnehmer war das dem Barmer-Report zufolge der Fall.
  • Hautkrebs zählt zu den häufigsten Krebsarten in Deutschland. Die Überlebenschancen beim schwarzen Hautkrebs sind jedoch gut: Dem Robert-Koch-Institut (RKI) zufolge leben fünf Jahre nach der Diagnose 94 Prozent aller am schwarzen Hautkrebs erkrankten Männer, bei den Frauen sind es 89 Prozent. Der Barmer-Report kommt zu ähnlichen Werten. Beim weißen Hautkrebs ist die Prognose noch günstiger.
  • Laut Report der Krankenkasse erhielten 2012 rund 48.000 Menschen die Diagnose Hautkrebs, die aufgrund des Alters nicht am Screening teilnehmen durften. Die Barmer fordert daher, die Altersgrenze von 35 Jahren für das Screening aufzuheben.

"Ich halte das für nicht sinnvoll", kritisiert die Gesundheitswissenschaftlerin Ingrid Mühlhauser vom Deutschen Netzwerk Evidenzbasierte Medizin. "Bis jetzt gibt es keine Studien, die zeigen, dass der Nutzen den Schaden beim Screening überwiegt."

Denn auf die wichtigste Frage gibt auch der Barmer-Report keine Antwort: Rettet das Screening tatsächlich Leben und führt dazu, dass weniger Menschen an Hautkrebs sterben?

Schwarzer Hautkrebs sehr selten

"Man muss sich klarmachen, dass der gefährliche schwarze Hautkrebs eine sehr seltene Erkrankung ist und bei jungen Menschen eine seltene Todesursache", sagt Mühlhauser. 38 Menschen unter 35 Jahren starben dem Statistischen Bundesamt zufolge 2012 daran. "Jeder Einzelne ist zu viel, aber verglichen mit anderen Todesursachen ist das minimal", sagt die Gesundheitswissenschaftlerin. "Zudem bleibt die Frage: Hätte ich die Todesfälle durch ein Screening verhindern können?"

Die Krankenkasse feiert hingegen bereits den Anstieg der Diagnosezahlen und die höhere Sensibilität für das Thema. Unbestritten ist: Jedes gerettete Leben, und seien es auch nur wenige, ist gut. "Doch dabei darf man die Überdiagnosen nicht aus den Augen verlieren", sagt Mühlhauser." Das Problem: Beim Screening finden die Ärzte auch Hautveränderungen, die als gefährlich eingestuft und behandelt werden, die sich aber niemals zu einem lebensbedrohlichen Krebs weiterentwickelt hätten. Für Betroffene bedeutet dies eine Verschlechterung ihrer Lebensqualität: "Sie werden untersucht, behandelt und müssen zudem mit der psychischen Belastung der Diagnose leben", sagt Mühlhauser.

Und noch auf einen anderen Fakt weist die Gesundheitswissenschaftlerin hin: "Die Häufigkeit, mit der schwarzer Hautkrebs zum Tod führt, ändert sich seit Jahren kaum. Die Diagnosen steigen hingegen stark."

Dabei kann jeder Einzelne etwas tun, um Hautkrebs vorzubeugen: "Schatten statt Sonne, Freizeitaktivitäten nicht in den Mittagsstunden, UV-Schutz mit sonnengerechter Kleidung inklusive Kopfbedeckung, Sonnenschutzcreme mit hohem Lichtschutzfaktor, Sonnenbrille und Verzicht auf Solarien", rät die Barmer.

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