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Entführung überlebt 140 Tage war Marc Wallert in der Gewalt von Terroristen – heute weiß er, was man aus Krisen lernen kann

Marc Wallert im Gespräch über Lebenskrisen
Als Redner und Trainer berät Marc Wallert heute Menschen in Lebenskrisen
© Stephanie Wolff
Vor 20 Jahren wurde Marc Wallert während eines Urlaubs auf Malaysia entführt und 140 Tage festgehalten. Jahre später erlitt er im Beruf ein Burnout. Mit dem stern hat Wallert über Lebenskrisen gesprochen und erzählt, was man aus ihnen lernen kann.

An dem Tag, als ich mit Marc Wallert den ersten Telefontermin vereinbart hatte, sagt er mir ab. Er wolle den sonnigen Tag für einen spontanen Familienausflug nutzen, schreibt er. Ich bin nicht verärgert. Stattdessen denke ich, dass er vermutlich ein guter Vater ist – oder einfach ein Mensch, der gelernt hat, was ihm im Leben wichtig ist. Das passt, so scheint es, zu der Grenzerfahrung, die Wallert vor nun 20 Jahren machen musste. Ein junger Mann, der zwischen anderen Touristen in einem Gefangenenlager auf der philippinischen Insel Jolo sitzt und um sein Leben fürchtet. Gemeinsam mit seinen Eltern Renate und Werner Wallert wurde er am 23. April 2000 von Rebellen der Terrorgruppe Abu Sayyaf entführt und insgesamt 140 Tage festgehalten. Die Bilder ihres Elends gingen um die Welt. Was heute davon bleibt, sind Strategien zur Überwindung von Lebenskrisen, die Wallert mit anderen Menschen teilt und in einem Buch festgehalten hat. Was kann man von jemandem lernen, der dem Tod von der Schippe gesprungen ist?

Herr Wallert, Sie schreiben in Ihrem Buch, dass es Ihnen damals schwerfiel, während und nach der Entführung im Scheinwerferlicht zu stehen. Sie haben sich bewusst zurückgezogen, wollten keine “Sensationslust” mehr befriedigen. Warum suchen Sie die Öffentlichkeit nun doch?

Ich habe die Öffentlichkeit tatsächlich gemieden, weil ich diese Entführungsgeschichte nicht mehr erzählen wollte. Ich war froh, wieder rauszukommen aus dem Scheinwerferlicht, in das ich unfreiwillig geraten war. Heute suche ich vielleicht nicht das Scheinwerferlicht, aber zumindest die Öffentlichkeit, weil ich im Rückblick festgestellt habe, dass sehr viel Wertvolles in dieser Erfahrung steckt. Und das ist es, was ich teilen möchte. 

Wie haben Sie die Erfahrungen von damals verarbeitet?

Ich habe zum Glück nur sehr kurz so eine Art posttraumatische Belastung gehabt. Das waren Träume von Schießereien, die nach meiner Freilassung aufkamen und mich nachts aufwachen ließen. Aber sie gingen wieder weg – und seitdem spüre ich durch diese Erfahrung keine Belastung mehr. Dennoch war das Schreiben meines Buches eine Aufarbeitung. Das fing mit dem Lesen der Tagebücher an, die ich im Dschungel geschrieben habe. Das war sehr eindrücklich und bewegend, nach 18 Jahren nachzuvollziehen, was ich erlebt habe und vor allem, wie ich damit umgegangen bin – und was dabei hilfreich war und was nicht.  

Gibt es positive Dinge, die Sie aus dem Dschungel mitgenommen haben?

Ganz eindeutig. Das sind vor allem Strategien, die ich damals intuitiv genutzt habe, um stark durch diese Zeit zu kommen. Mir hat Akzeptanz wesentlich geholfen. Die Situation anzunehmen, wie sie ist, und dann mit ihr umzugehen, anstatt mit ihr zu hadern und zu versuchen, die Zeit zurückzudrehen. Das funktioniert einfach nicht und raubt einem am Ende nur Energie. Im Dschungel war es enorm wichtig, sich nach vorne auszurichten und positiv, also optimistisch zu bleiben. Wir haben als Geiseln an vielen Abenden wie in einem Ritual zusammengesessen und uns für das gedankt, was an diesem Tag, egal wie schwierig er war, auch gut war. Danke, dass die Sonne geschienen hat, danke, dass wir überlebt haben, danke für den Regen, durch den wir unsere Wasservorräte wieder auffüllen konnten. Unser Gehirn ruft dann automatisch positive Bilder auf und durchbricht diese Negativ-Schleife, in die man schnell gerät. Wir hatten dadurch mehr Zuversicht und weniger Angst. 

Marc Wallert
Marc Wallert im Gefangenenlager im philippinischen Dschungel (aus dem Jahr 2000)
© Privatarchiv Wallert

In Ihrem Buch schreiben Sie, dass zu viel Optimismus auch gefährlich sein kann. Weshalb?

Das war vielleicht eine der spannendsten Erkenntnisse aus meiner Entführungserfahrung. Im Dschungel gab es einen Mitgefangenen, der fest daran glaubte, wir wären in zwei Tagen frei. Das hatte man uns auch gesagt. Während dieser zwei Tage verletzte er sich am Finger, wir hatten allerdings kein Wasser, um die Wunde zu reinigen. Er beharrte darauf, dass das nicht schlimm sei, weil wir ohnehin bald wieder frei wären. Der Finger allerdings entzündete sich, wir wurden nicht freigelassen, der Mann bekam hohes Fieber. Das war potenziell tödlich.



Gemeinsam mit 20 anderen Touristen wurde Marc Wallert im April 2000 in einem malaysischen Tauchresort entführt. Die Kidnapper, Mitglieder der islamistischen Terrorgruppe Abu Sayyaf, hielten ihre Geiseln mehr als vier Monate im philippinischen Dschungel gefangen. Es gab wenig Essen, oft nicht einmal Wasser. Die Gruppe geriet mehrfach unter Beschuss des philippinischen Militärs, das den Rebellen nachstellte. Unter den Geiseln befanden sich Touristen aus Deutschland, Frankreich, Finnland, Südafrika und Libyen – das weltweite Interesse am Schicksal der Entführten war dementsprechend groß. Um ihrer Lösegeldforderung Nachdruck zu verleihen, luden die Rebellen immer wieder Journalisten aus verschiedensten Ländern ein, die das Leid der Gefangenen dokumentierten. Marc Wallert war damals 27 Jahre alt. Als eine der letzten Geiseln kam er nach 140 Tagen Gefangenschaft frei. Seine ebenfalls entführten Eltern waren zu diesem Zeitpunkt schon in ihre Heimatstadt Göttingen zurückgekehrt. Bis heute sind die Umstände der Freilassung aller Geiseln ungeklärt. Der damalige libysche Staatschef Muammar al Gaddafi soll 25 Millionen US-Dollar Lösegeld gezahlt haben, was allerdings nie offiziell bestätigt wurde.

Deshalb war es damals und ist es heute so wichtig, auch realistisch zu sein und die Krisenzeiten anzunehmen, um besser mit ihnen umgehen zu können. Auch die Coronakrise sollte man nicht abtun und sagen: "Es ist alles halb so schlimm", "Es ist eh bald vorbei". Sie ähnelt in vielerlei Hinsicht der Entführung, weil wir auch jetzt Geiseln des Virus sind und in unserer Freiheit eingeschränkt. Wir wissen nicht, wie es sich entwickelt. Wir wissen nicht, wie lange das andauert. Das war im Dschungel genauso. Und umso wichtiger ist es jetzt, positiv zu bleiben, sich aber auch auf eine lange und schwierige Zeit einzustellen.

Heute helfen Sie anderen Menschen, Lebenskrisen zu überwinden. Was macht eine Krise für Sie aus?

Erstmal ist jede Lebenskrise unterschiedlich, weil jeder Mensch unterschiedlich ist. Wenn man jemanden fragt: "Was ist eine Krise?", dann werden häufig Ereignisse aufgezählt. Das könnte zum Beispiel eine Kündigung sein oder das Ende einer Liebesbeziehung. Das sind Klassiker, die ich auch selbst erfahren habe und mit denen jeder unterschiedlich umgeht. Am Ende ist eine wirkliche Krise das, was es mit den Menschen macht. Wenn es so wie bisher im Leben nicht weitergeht. Wenn man gezwungen ist, sich zu verändern, um glücklich und gesund zu bleiben, dann ist man in einer Krise. Und Krisen gehören zwangsläufig zum Leben dazu. Die Pubertät ist zum Beispiel eine Krise, die jeder durchläuft. Sie ist nötig, um sich von der Kindheit zu lösen und erwachsen zu werden. Das geht nicht ohne Schmerz.

Sie hatten einige Jahre nach der Entführung ein Burnout. Wie kam es dazu?

Ich habe das selbst lange nicht verstanden, weil ich sehr erfolgreich in meinem Job war. Irgendwann bin ich aber immer an den Punkt gekommen, an dem ich extrem gestresst war. Solche Rückschläge im Leben, sei es bei der Arbeit oder im Privaten, habe ich früher als Hürden begriffen. Die mussten weggeräumt werden, dann ging es weiter. Das ist das Bild des Stehaufmännchens, das in vielen Köpfen steckt. Stehaufmännchen neigen allerdings dazu, immer an derselben Stelle wieder hinzufallen. So kam ich nicht weiter. Stattdessen musste ich mir eingestehen, dass ich in einer Krise stecke. Das ist keine Schande, es gehört zum Leben dazu. Erst dann eröffnet sich die Chance, sich einmal genau anzusehen was hakt und wie man es ändern kann. Ich habe damals festgestellt, dass ich jahrelang dem Erfolg von außen, also dem Geld und der Anerkennung hinterhergelaufen bin – ohne eine Vorstellung zu haben, was eigentlich mein inneres Ziel ist. Heute weiß ich, dass ich Menschen zu einem gesunden Leben inspirieren und im Privaten Familienvater sein möchte. 

Wie schaffe ich es, in einer Lebenskrise nicht den Mut zu verlieren?

Ein wunderbares Ritual, um in einer Krise stark zu bleiben, ist das Tagebuchschreiben. Drei Dinge, die an diesem Tag gut waren – das reicht ja schon. Es muss auch nicht geschrieben sein, man kann genauso mit seiner Familie oder seinem Partner darüber sprechen und ein tägliches Ritual etablieren. Und das habe ich ja im Dschungel erfahren: es gibt immer etwas, für das man dankbar sein kann. Die andere Sache ist, das Leben so zu akzeptieren, wie es gerade ist. Dabei hilft es, sich zu fragen: Wer weiß, wofür es gut ist? Vielleicht entsteht etwas Positives aus der Krise, das ich jetzt noch gar nicht erahnen kann. Der Paralympics-Star Heinrich Popow hat mir mal erzählt, er würde seinen Unterschenkel, den er mit neun Jahren verloren hatte, nicht wiederhaben wollen, wenn er sein jetziges Leben dagegen eintauschen müsste. 

Wie kann man aus Krisen lernen?

Der erste Schritt ist, anzuerkennen, dass man in einer Krise steckt, dass es so wie bisher nicht weitergeht. Man sollte nicht den Fehler begehen, schwierige Phasen abzutun, sondern zurückblicken und erkennen, was gerade endet. Krisen beenden immer etwas, das man loslassen muss. Das kann eine Beziehung sein, ein Job, ein Teil der eigenen Gesundheit. Erst wenn ich etwas erkenne, kann ich es loslassen. Dann bin ich bereit für den nächsten Schritt und kann nach den Chancen meiner Krise suchen. Wenn jemand gerade seinen Job verloren hat, ist das die beste Gelegenheit, sich zu fragen, was man schon immer mal machen wollte. Vielleicht ist es die Selbstständigkeit, vielleicht etwas ganz anderes. Wer diese Chancen erkennt, ist auf einem guten Weg. Der dritte und vielleicht schwierigste Schritt ist schließlich, diese Veränderung, die man in seinem Leben als Chance erkannt hat, auch wirklich in die Welt zu bringen. Das erfordert Mut, man beschreitet neue Wege, die vielleicht nicht jedem gefallen, die auch nicht immer sofort gelingen. Man fällt auch mal in alte Muster zurück. Aber wer es erst meint, der bleibt dran. Der geht nicht einfach zurück in den alten Job oder in die Beziehung, die ihn unglücklich gemacht hat.

Was tun Sie selbst, um positiv zu bleiben? 

Ich habe tatsächliche viele kleine Alltagsrituale. Um ein paar aufzuzählen: Jeden Morgen gehe ich mit meiner Familie erst einmal laufen, einfach an die frische Luft. Danach dusche ich kalt und verlasse ganz bewusst meine Komfortzone. Jeden Abend reflektiere ich meinen Tag. Ich schreibe gerade kein Tagebuch, aber ich mache mir diese Dinge gedanklich bewusst. Mir hilft auch tägliches Meditieren. 20 oder 30 Minuten, jeden Abend. Das ist für mich ein Anker, einmal zur Ruhe zu kommen und die Gedanken auszustellen. Letztlich geben mir auch mein heutiger Job und meine Vaterschaft viel positive Energie, weil ich in beidem eine große Sinnhaftigkeit gefunden habe.

Wenn Sie sich eine Sache für die Menschheit wünschen könnten, was wäre das?

Ich würde mir wünschen, dass wir die Tiefen im Leben und die Krisen nicht wegdrücken und uns dafür schämen, sondern sie anerkennen und mit anderen teilen. Dass wir aufhören, Stehaufmännchen zu sein und beginnen, einfach Menschen zu sein, die an dem, was sie erleben, wachsen können und wollen.  


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