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Medikamente: Antibiotika richtig nutzen

Warum wirken die Bakterienkiller immer weniger? Gibt es Hoffnung auf neue Mittel? Wie lassen sich überflüssige Verordnungen vermeiden? 14 Antworten.

Von Constanze Löffler

1. Wie gefährlich sind Bakterien?

Rund 30 000 Menschen sterben in Deutschland jährlich an den Folgen einer Infektion mit Bakterien, den kleinsten selbstständigen Organismen - einige sind kleiner als ein tausendstel Millimeter. Besonders gefährlich sind die Erreger für alte Menschen, Frühgeborene, chronisch Kranke und Personen mit einer Abwehrschwäche. Ihr Immunsystem ist oft nicht nicht stark genug, um eine Bakterieninfektion abzuwehren. So können sie an Entzündungen sterben, die für andere Menschen harmlos sind.

2. Wie wirken Antibiotika?

1928 entdeckte der Engländer Alexander Fleming, dass eine seiner Bakterienkulturen nach dem Befall mit Schimmelpilzen nicht mehr wuchs. Damit erkannte er als Erster das Prinzip der Antibiotika (griechisch: "gegen das Leben"): Stoffwechselprodukte von Bakterien und Pilzen hindern andere Mikroorganismen, sich zu vermehren, oder töten sie ab. Das bewirken sie auf verschiedene Weise: Manche stören den Aufbau der Bakterienzellwand, andere bremsen deren Stoffwechsel oder hemmen die lebensnotwendige Eiweißproduktion, beispielsweise die für die Vermehrung wichtige Enzymsynthese (siehe Grafik). Kombiniert verwendet, ergänzen sich die Effekte der Antibiotika. Deshalb wird zum Beispiel Tuberkulose mit vier Wirkstoffen gleichzeitig behandelt.

3. Wie werden Bakterien resistent?

Eine sehr erfolgreiche Überlebensstrategie von Bakterienstämmen ist, dass sie ihre genetische Struktur sehr schnell verändern, indem sie hilfreiche Gene untereinander austauschen. Schon nach der ersten Dosis eines Antibiotikums gibt es Bakterien, denen das Medikament nichts anhaben kann - sie sind resistent und können diese Eigenschaft weitergeben. Seit Mitte der achtziger Jahre ist die Wirksamkeit von Antibiotika deutlich gesunken. Einige Bakterien sind mittlerweile gegen fast alle Antibiotika resistent. Professor Franz Daschner, Direktor des Freiburger Instituts für Umweltmedizin und Krankenhaushygiene, schätzt, dass hierzulande jährlich bereits einige hundert Menschen wegen solcher multiresistenter Keime sterben.

4. Warum ist die Zahl der Resistenzen gestiegen?

Das Problem hat drei wesentliche Ursachen:
> "30 bis 50 Prozent aller Antibiotika werden falsch eingesetzt", sagt Hygieneexperte Daschner. "Oftmals stimmen weder Dosis noch Dauer, oder der Wirkstoff ist der falsche." Dadurch steigt die Zahl der Keime, die die Behandlung überleben und letztlich resistent sind.
> Durch Missachtung einfachster Hygieneregeln, wie zum Beispiel die Hände zu waschen, werden vor allem in Kliniken in hoher Zahl unnötig Bakterien übertragen. Zwischen 500 000 bis 800 000 Infektionen ziehen sich Patienten jährlich in deutschen Krankenhäusern zu. Besonders ein Erreger, die Methicillin-resistenten Staphylokokken (MRSA), bereitet den Experten Kopfzerbrechen. Er verursacht bereits mehr als ein Fünftel aller gefährlichen Infektionen in Kliniken.
> Eine steigende Zahl von Patienten hat eine geschwächte Abwehr, etwa durch Chemotherapie, Organtransplantationen oder Zuckerkrankheit. Bei ihnen können sich Bakterien leichter vermehren - und den Antibiotika anpassen.

5. Können neue Arten von Antibiotika das Problem beseitigen?

Im Prinzip ja, aber die Zahl der neu auf den Markt kommenden Präparate ist in den vergangenen Jahren stark zurückgegangen. Weil die Erreger immer schneller Wege finden, gegen neue Mittel unempfindlich zu werden, sind Neuentwicklungen oft nur für einen begrenzten Zeitraum nützlich. Für die Pharmaindustrie lohnt sich das Geschäft deshalb meist kaum noch, sodass weltweit nur wenige Firmen an der Entwicklung neuer Antibiotika arbeiten.

6. Verschreiben Ärzte unnötig Antibiotika?

Ja, sogar recht häufig. Bei vier Fünfteln aller grippalen Infekte werden hierzulande Antibiotika verordnet, obwohl Viren die Erreger sind. Gegen Viren nützen Antibiotika gar nichts. Auch für eine akute Bronchitis mit trockenem Husten sind meist Viren verantwortlich, und nur etwa ein knappes Drittel der kindlichen Mittelohrentzündungen, die häufig automatisch mit Antibiotika therapiert werden, werden tatsächlich durch Bakterien ausgelöst. Mehr Zurückhaltung wäre auch bei Magen-Darm-Infektionen und unkomplizierten Harnwegsentzündungen hilfreich. Oft werden auch zu leichtfertig Breitband-Antibiotika verschrieben. Diese hemmen verschiedene Erregergruppen gleichzeitig - töten aber auch die Darmflora, sodass sich im Verdauungstrakt leichter Pilze ausbreiten. Durchfälle können die Folge sein - eine vermeidbare Nebenwirkung, denn oft reicht ein gezielt eingesetztes Mittel völlig aus.

7. Können auch Fehler von Patienten zu Resistenzen führen?

Ja, wenn Patienten Antibiotika nicht regelmäßig oder in ausreichender Dosis nehmen oder zu früh absetzen. Es ist wichtig, dass die wirksame Menge im Blut während der gesamten Therapie nicht unterschritten wird. Wie lange ein Antibiotikum genommen werden muss, hängt sowohl vom jeweiligen Erreger als auch vom Wirkstoff ab - das kann zwischen einem Tag, mehreren Wochen bis zu einigen Monaten dauern.

8. Bei welchen Krankheiten müssen Antibiotika unbedingt eingesetzt werden?

Zu den bakteriologischen Notfällen, die sofort mit Antibiotika behandelt werden müssen, gehören:
> der Verdacht auf eine Hirnhautentzündung,
> eine Nabelentzündung bei Neugeborenen,
> Gelenkentzündungen Ênach einer Punktion,
> Fieber unklarer Ursache von mehr als 48 Stunden Dauer bei Kindern beziehungsweise von mehreren Wochen Dauer bei Erwachsenen.

9. Sollte vor Gabe von Antibiotika ein Labor-Check gemacht werden?

Ein Abstrich sollte immer der erste Schritt sein, sagt der Experte Franz Dasch- ner. Mit einer solchen Probe kann ein Labor feststellen, welche Art von Bakterien die Ursache der Infektion sind. Dann ist es möglich, gezielt ein wirksames Antibiotikum zu verschreiben. In der Praxis verordnen allerdings viele Ärzte ohne Laboruntersuchung ein Präparat, das sich bei dem entsprechenden Krankheitsbild bislang bewährt hat. Spätestens wenn das Mittel nach drei bis vier Tagen nicht zu einer Besserung geführt hat, sollte es mit dem Verordnen auf Verdacht vorbei sein. Ein Bluttest kann verhindern, dass bei Atemwegsinfekten unnötig Antibiotika verschrieben werden. Der Wert des Eiweißes Procalcitonin steigt bei akuten bakteriellen Entzündungen stärker an als bei viralen oder chronischen Entzündungen. Derzeit dauert die Ermittlung 24 Stunden. Spätestens 2006 soll ein Schnelltest auf den Markt kommen, mit dem der Arzt gleich in seiner Praxis ein Ergebnis erhält. Weitere Studien werden zeigen, ob man so auch Darm-, Harnwegs- und Hirnhautentzündungen genauer untersuchen kann.

10. Kann die Verfütterung von Antibiotika an Tiere zu Resistenzen bei Menschen führen?

In der Vergangenheit sind Resistenzen beispielsweise bei Erregern von Harnwegsinfekten sehr wahrscheinlich durch Antibiotika zu erklären, die auch in der Tiermast verfüttert wurden. Bei neu aufgetretenen Resistenzen ist das nach heutigem Wissensstand nicht mehr geschehen. In der EU dürfen seit Ende der neunziger Jahre nur noch wenige Antibiotika als Wachstumsförderer verfüttert werden. Ab 2006 sollen auch sie in allen EU-Staaten aus dem Futter verschwunden sein.

11. Ab wann dürfen Kinder Antibiotika bekommen?

Es gibt mittlerweile gut verträgliche Präparate, die schon direkt nach der Geburt verschrieben werden dürfen.

12. Wie sieht es in der Schwangerschaft und der Stillzeit aus?

Tritt in der Schwangerschaft eine Infektion auf, ist sie immer ernst zu nehmen - oft sind Antibiotika zwingend erforderlich. Da die Medikamente über den mütterlichen Blutkreislauf auch das Kind erreichen, werden möglichst Penicilline verschrieben, weil sie für das Ungeborene unbedenklich sind. In der Stillzeit sollten auch Penicilline nur in Ausnahmefällen genommen werden.

13. Gibt es neben Antibiotika noch andere Mittel gegen gefährliche Bakterien?

Gegen Pneumokokken, die häufigsten Erreger einer Lungenentzündung, gibt es einen Impfstoff. Die Ständige Impfkommission empfiehlt Menschen über 60, sich dadurch schützen zu lassen. Doch nur zehn bis 15 Prozent von ihnen haben das bislang genutzt. Und das, obwohl allein in Deutschland jährlich mehr als 500 000 Menschen erkranken, von denen jeder 20. stirbt. US-Forscher haben Mitte des vergangenen Jahres auch einen Impfstoff gegen A-Streptokokken entwickelt. Die ersten klinischen Ergebnisse zeigen, dass er ungefährlich ist und vor den Erregern schützt. Bis zur Marktreife werden jedoch noch Jahre vergehen.

14. Können Bakterien ihre Resistenzen auch wieder verlieren?

Zumindest im Labor ist das kürzlich gelungen: Ein Team von Chemikern in den USA hat eine Substanz gefunden, die Bakterien zwingt, ihre Resistenzen regelrecht auszuspucken. Möglich ist das, weil der Bauplan für resistent machende Enzyme oder Eiweiße fast immer auf kleinen DNS-Ringen liegt, die in der Bakterienzelle schwimmen. Diese Ringe heißen Plasmide. Bakterien können ihre Plasmide und damit auch Resistenzen untereinander austauschen - und das sogar zwischen ganz unterschiedlichen Stämmen von Bakterien. Wenn dieser Prozess der Vermehrung von Plasmiden an einer bestimmten Stelle abbricht, stößt das Bakterium den betreffenden DNS-Ring ab - samt der darauf befindlichen Gene. Wissenschaftlern gelang dieser Effekt mit dem Wirkstoff Apramycin. Zuvor resistente Bakterien konnten wieder mit einem herkömmlichen Antibiotikum getötet werden. Apramycin ist für eine Anwendung am Menschen zu giftig, deshalb suchen die Chemiker nun nach Substanzen, die verträglich sind und denselben Effekt haben.

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