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Medizin: Die Lunge

Sauerstoff ist unser Lebenselixier, wir können ihn keine fünf Minuten entbehren. Deshalb sorgen unsere Atemorgane rastlos dafür, dass uns nicht die Luft ausgeht - mit einem weit verzweigten Schlauchsystem und 400 Millionen Lungenbläschen. Die sind zart, aber robust - solange wir sie gut behandeln.

Die Indianer Nordamerikas nennen sie Wakan Taka; chinesische Taoisten Chi. Im alten Griechenland heißt sie Pneuma und in Indien Prana: die durch bewusste Atmung gewonnene Lebensenergie von Körper und Geist. Wer ruhig und fließend atmet, soll Einklang finden mit sich und seiner Umwelt - darin stimmen die verschiedensten Kulturen überein. Ein unregelmäßiger, flacher Atem hingegen gilt vielerorts als Ausdruck innerer oder äußerer Spannungen.

Auch ohne spirituelle Erleuchtung lässt sich diese Lehre nachvollziehen: Wir können notfalls tagelang auf Flüssigkeit verzichten, auf Nahrung sogar wochenlang. Wenn wir jedoch aufhören zu atmen, fehlt uns das Lebenselixier, ohne das es kein Mensch länger als fünf Minuten unbeschadet aushält: Sauerstoff. Das wertvolle Gas versorgt unser Hirn, unser Herz, unseren ganzen Körper. Lunge und Bronchien schaffen es herbei, unermüdlich - und meist völlig unauffällig. Wer indes einmal tief aus dem Bauch heraus reine Bergluft oder salzige Seeluft in seine Atemwege strömen lässt oder aus einer verrauchten Kneipe in die klare Nachtluft tritt, der erlebt die Kraft der Atmung: Bewusstes Luftholen erfrischt, macht munter, löst Blockaden. Es regt schläfrige Köpfe an, befreit den Geist und beruhigt die Seele.

Der erste Schnaufer des Lebens wird fast immer begleitet von einem lauten Schrei: Durchschnittlich sechs Sekunden nachdem ein Neugeborenes dem warmen Mutterbauch entschlüpft ist, schnappt es nach Luft und bringt so seine Atmung in Schwung. Etwa 20 bis 30 Milliliter Luft nehmen die Bronchien dabei auf, die Lungenflügel beginnen sich zu entfalten, das restliche Atmungssystem, bestehend aus Nase, Rachen, Kehlkopf und Luftröhre, wird aktiviert.

Bis zu 60-mal pro Minute muss ein Säugling ein- und ausatmen, um seinen Körper optimal mit Sauerstoff zu versorgen. Ein Erwachsener erreicht diese Atemfrequenz nur noch bei Höchstbelastungen. Ruhig sitzend atmet er zwölf- bis 16- mal die Minute ein und aus, im Schlaf gerade sechsmal. Gerät er allerdings in Panik, kann er auch 100-mal pro Minute nach Luft schnappen.

Unser Atemzentrum funktioniert wie ein chemisches Messinstrument. Enthält das Blut zu viel Kohlendioxid und der Sauerstoff geht zur Neige, erteilt es den Befehl, Luft zu holen. Sogleich setzt sich die perfekt aufeinander abgestimmte Atemmuskulatur in Bewegung: Das Zwerchfell - die Taoisten nennen es den "spirituellen Muskel", die alten Griechen den "Sitz der Seele" - kontrahiert, zieht den Lungenrand nach unten und drückt dabei den Bauch nach außen. Gleichzeitig weiten die Muskeln der Zwischenrippen und die der Schlüsselbeine den Brustkorb, Unterdruck entsteht, Luft strömt ein. Beim Ausatmen läuft der ganze Vorgang umgekehrt ab.

Während Muskeln die Kraftarbeit erledigen, übernimmt die Lunge den physikalischen Gasaustausch von Sauerstoff und Kohlendioxid. Dafür sind die Luftkanäle der Bronchien verzweigt wie ein auf dem Kopf stehender Brokkoli: Der Strunk entspricht der Luftröhre, seine ersten Verzweigungen gleichen den Bronchien und die feinen Knospen an den Röschen den Lungenbläschen, im Fachjargon Alveolen. Sie geben frischen Sauerstoff ins Blut ab und nehmen Kohlendioxid auf, das wir dann ausatmen.

Ihre geringe Größe von nur einem fünftel Millimeter Durchmesser gleichen die Lungenbläschen durch ihre Anzahl locker aus: Bestückt mit durchschnittlich 300 bis 400 Millionen Alveolen kommt die Lunge eines Erwachsenen auf eine Atmungsfläche in der Größenordnung von zehn Tischtennisplatten. Kein anderes Organ steht mit einer so großen Oberfläche in ständigem Kontakt zur Umwelt wie die Lunge.

Das macht Lunge und Bronchien hoch empfindlich. Bei jedem Atemzug dringen Staub- und Schadstoffpartikel, Blütenpollen, Milbenausscheidungen oder Krankheitserreger in sie ein; dazu kommt bei 43 Prozent der Männer und 30 Prozent der Frauen in Deutschland regelmäßig eine Wolke Zigarettenrauch. Gesunde Atmungsorgane versuchen, sich gegen derlei Angriffe zu wehren. Feine Härchen in der Nase bremsen die gröbsten Eindringlinge, ein Hustenreflex des Kehlkopfs schleudert sie mit einer Geschwindigkeit von bis zu 120 Meter pro Sekunde wieder heraus. Kleinere Partikel bleiben auf der dünnen Schleimschicht kleben, die Luftröhre und Bronchien auskleidet. Flimmerhärchen, die sich wellenförmig bewegen wie die Halme eines Kornfeldes im Wind, transportieren die Eindringlinge in Richtung Rachen ab.

Doch oft funktioniert die Selbstreinigung der Atmungsorgane nicht so, wie sie sollte. Vergleichsweise harmlos sind Atemwegsinfekte - auch wenn sie bei jeder Attacke Hunderte Lungenbläschen hinraffen. Erkältungen werden von Viren verursacht, gegen die man sich am ehesten mit einer Stärkung des Immunsystems wappnen kann. Wenn die Erreger dennoch von der Nasenschleim-haut in die tieferen Atemwege vorgedrungen sind, versucht der Körper, sie durch vermehrte Schleimbildung und Husten wieder loszuwerden - was ihm gewöhnlich innerhalb von sieben Tagen gelingt.

Hält der Husten aber zwei Wochen an und fördert er zudem gelben Schleim zu Tage, muss der Hausarzt durch Abklopfen und Abhören herausfinden, ob die Bronchien sich entzündet haben. Bei der so genannten Bronchitis verkleben die Flimmerhärchen, der Schleim ist verdickt und die Selbstreinigung der Atemwege lahm gelegt.

Meist verordnen Ärzte bei hartnäckigem Husten Schleimlöser und Medikamente auf der Basis von Opiaten, die den Hustenreiz im Gehirn unterdrücken sollen. Über viele der Präparate wird in Fachkreisen allerdings heftig diskutiert. Manche sind seit 50 Jahren auf dem Markt und wurden nie mit modernen Verfahren getestet. Wissenschaftler bemängeln starke Nebenwirkungen - und zweifeln an der Wirksamkeit der Arzneien. So haben Forscher der britischen Universität Bristol im vergangenen Jahr nach Sichtung von mehr als 300 alten Medikamenten-Studien dafür plädiert, dass Ärzte gar keine Hustenmittel mehr verschreiben sollten - weil es nicht genügend Beweise für ihren Nutzen gebe.

Bislang hat der Patient außer Hausmitteln wie Kräutertee und Inhalationen allerdings kaum Alternativen. Das dürfte sich in den kommenden Jahren ändern. Forscher haben das komplexe Zusammenspiel von Atemwegen und Hirn beim Husten genauer untersucht und nehmen nun neben dem so genannten Hustenzentrum im Kopf auch die Rezeptoren ins Visier, die unsere Atemwege säumen. Wenn es gelingt, sie weniger sensibel zu machen oder gar zu blockieren, könnte der Husten dort gestoppt werden, wo er entsteht - ohne Drogen, die das Hirn beeinflussen. Allerdings ist Husten nicht nur ein unangenehmer Reflex, sondern auch ein Warnzeichen. Und mit allen Atemwegserkrankungen, die über eine akute Bronchitis hinausgehen, ist nicht zu spaßen. Zehn Prozent aller Todesfälle in Deutschland gehen auf Erkrankungen der Atmungsorgane zurück. So gilt die Lungenentzündung (Pneumonie) in den westlichen Industrieländern als die am häufigsten zum Tode führende Infektion. An ihr erkranken vor allem ältere oder geschwächte Menschen. Eine Impfung gegen Pneumokokken-Bakterien ist für Risikopatienten und für alle Senioren empfehlenswert, insbesondere weil im Krankheitsfall immer mehr Erregerstämme Antibiotika-Resistenzen entwickeln.

Noch sehr viel verbreiteter ist Asthma. Jeder 20. Erwachsene und jedes zehnte Kind leiden darunter, im Kindesalter ist Asthma die häufigste chronische Erkrankung. Doch rätseln Experten noch immer über ihre Ursache: Welchen Einfluss hat die Vererbung? Warum steigt die Zahl der Betroffenen seit Jahren? Warum verschwindet das Leiden bei jedem Zweiten während der Pubertät wieder? Immerhin hat man sich auf die Definition geeinigt. Demnach wird Asthma durch drei Symptome charakterisiert: Die Atemwege sind chronisch entzündet, sie reagieren überempfindlich auf bestimmte Reize und verengen sich dadurch. Bei einem Asthmaanfall geht den Betroffenen die Luft aus. Ihre Bronchien verkrampfen sich, die Schleimhäute schwellen zu, die Kranken husten, werfen glasigen Schleim aus, die Atmung wird mühsam, keuchend, rasselnd. Im schlimmsten Fall ersticken sie - wenn nicht ein bronchienerweiterndes Notfallmedikament inhaliert wird. Unberechenbar macht die Krankheit, dass die Auslöser von A wie Anstrengung bis Z wie Zigarettenrauch variieren können, und die Beschwerden zudem verschieden häufig und heftig auftreten.

Das so genannte Belastungsasthma, unter dem 70 bis 90 Prozent der erkrankten Kinder leiden, entsteht durch die gesteigerte Atmung (Hyperventilation), zum Beispiel beim Toben im Freien. Die Bronchialschleimhaut erleidet eine Art Kälte- und Trockenheitsschock und verkrampft. Rennen in kalter, trockener Luft ist für die betroffenen Kinder am riskantesten, Schwimmen im warmen, feuchten Hallenbad vertragen sie am besten - sofern das Wasser nicht stark gechlort ist.

Auslöser der allergischen Variante sind Stoffe wie Hausstaub (Milbenausscheidungen), Blütenpollen sowie manche Medikamente (Beta-Blocker, Augentropfen). Besteht der Verdacht auf allergisches Asthma, kann ein simpler Test Klarheit schaffen. Dabei werden Proben verschiedener Substanzen auf die zuvor leicht angeritzte oder eingestochene Haut aufgetragen. Die Reaktionen (Rötungen, Quaddeln) zeigen, worauf der Körper sensibel reagiert - und ermöglichen eine gezielte Desensibilisierungstherapie.

Selbst wer sich nicht über Jahre mit Mini-Dosen "seiner" Allergene abhärten lassen will, profitiert vom Test: Er weiß, was er in Zukunft meiden sollte und muss nicht auf Verdacht allen Tieren aus dem Weg gehen oder Kissen, Decken und Teppiche vorsorglich auf den Müll werfen. Auch Allergiker, die nicht unter Asthma leiden, sollten sich testen und behandeln lassen. Sonst droht der berüchtigte "Etagenwechsel" - der Übergang von Heuschnupfen in allergische Bronchitis und schließlich Asthma.

Je nach Art des Asthmas verschreiben Ärzte heute Mittel gegen die Entzündung der Bronchien, gegen allergische Reaktionen und zur Bronchien-Erweiterung im Akutfall. Einige Regeln sollten jedoch alle Asthmatiker beachten: Frische Luft, Kneippsche Bäder und Saunabesuche (ohne Aufgüsse, die können reizen!) härten den Körper ab und schützen vor Infekten und Husten - der in Kombination mit Asthma besonders quälen kann. Regelmäßige Bewegung und Sport werden selbst Patienten mit Belastungsasthma ausdrücklich empfohlen - vorausgesetzt, sie sind vom Arzt medikamentös eingestellt und wärmen sich behutsam auf. Darüber hinaus raten Experten zu speziellen Asthmatiker-Schulungen, in denen Erwachsene wie Kinder lernen können, was es mit ihrer Krankheit auf sich hat und wie sie sich am besten auf sie einstellen. Dort wird auch erklärt, wie sich mit einer Kombination aus Dauer- und Akut-Medikamenten Anfälle verhüten oder lindern lassen.

Ob Asthma, Bronchitis oder Schlimmeres: Welche Krankheit sich hinter Husten und Atemwegsbeschwerden verbirgt, kann oft schon ein Lungenfunktionstest zeigen. Dabei sitzt der Patient in einer geschlossenen Kabine, auf der Nase ein Klemmer, und atmet mit dem Mund in ein Spirometer. Dieser Apparat misst die Vitalkapazität, die Luftmenge, die ein- und ausgeatmet wird, sowie das Luftvolumen, das maximal in der ersten Sekunde ausgepresst werden kann. Erbringt diese Routineuntersuchung Hinweise auf ernste Erkrankungen, wird die Lunge meist geröntgt oder später mit dem exakter arbeitenden Computer-Tomografen gecheckt. Mit diesen Diagnosemethoden werden auch die gefährlichsten Atemwegserkrankungen sichtbar gemacht - leider oft zu spät. In Deutschland sterben jedes Jahr etwa 20 000 Menschen an den Folgen so genannter chronisch-obstruktiver Lungenerkrankungen (Abkürzung nach der englischen Krankheitsbezeichnung: COPD). So nennen Mediziner die dauerhafte, zerstörerische Bronchitis und das Lungenemphysem - eine Krankheit, bei der Alveolen erst aufgebläht, dann abgetötet werden, sodass der Patient zunehmend Atemnot verspürt und am Ende auch das Herz in Mitleidenschaft gezogen wird. COPD gilt heute in Deutschland als Volkskrankheit, jeder Zehnte ist betroffen.

Noch bedrohlicher ist der Lungenkrebs, dem hierzulande jährlich fast 40 000 Menschen erliegen. Je nach Art und Stadium der Tumore können Ärzte die befallenen Teile des Atemapparats operieren, zudem bestrahlen und Chemotherapien zum Einsatz bringen. Aber die Erfolgsquote ist gering: Beim kleinzelligen Karzinom, das schon früh Metastasen bildet, liegt die mittlere Überlebenszeit bei vier bis zwölf Monaten. Bei den übrigen, langsamer wachsenden Geschwulsten leben fünf Jahre nach der Diagnose noch 20 bis 50 Prozent der Erkrankten. Die Hauptursache von Lungenkrebs und COPD ist seit langem bekannt: das Rauchen. Bis zu neun von zehn Patienten sind infolge jahrelangen Zigarettenkonsums erkrankt. Der blaue Dunst enthält mehr als 4000 chemische Verbindungen, 43 davon sind erwiesenermaßen krebserregend.

Die Bilder von Raucherlungen sind erschreckend: Schwarzer, ätzender Teer hat sich in den Verästelungen der Bronchien eingenistet, das angefallene Gewebe ist entzündet. Die Flimmerhärchen können die Schleimhäute nicht mehr reinigen, Schadstoffe dringen immer tiefer in die Lunge ein. Weil der vermehrte Schleim nicht mehr abtransportiert wird, husten starke Raucher fast ständig; jeder zweite Nikotinsüchtige über 40 leidet zudem an flachem, pfeifendem Atem, da seine Luftwege langsam, aber sicher verstopfen. Diese klassischen COPD-Symptome führen in einen Teufelskreis: Chronische Bronchitiker bewegen sich kaum - und verlieren mit der schwindenden Atmung ihre restliche Lebensenergie. Ärztlich begleitete Trainingsprogramme können aus dieser Falle heraushelfen, indem sie die eingeschränkte Leistungsfähigkeit wieder erhöhen - das haben etwa Studien an der Fachklinik Aukrug (Schleswig-Holstein) gezeigt.

Die Gefahr, aufgrund von Luftverschmutzung an den Bronchien zu erkranken, ist im Vergleich zum Zigarettenrauch gering - zumindest in Deutschland: In einem verqualmten Auto werden dieselben Schadstoffkonzentrationen wie bei einem Smogalarm gemessen. Und der wurde in Deutschland zum letzten Mal 1993 ausgelöst. Das Paradies für Lungen und Bronchien liegt hoch oben in den Bergen, wo die Atemluft ab 1000 Meter fast rein ist und ein Drittel weniger Allergene wie Pollen oder Milben enthält. Doch welcher Mensch ist schon für das Leben auf der Alm geschaffen? Lange Waldspaziergänge sind zumindest ein kleiner Ersatz, die naturreine Luft liefert reichlich Streicheleinheiten für die Atemorgane. Wer sich zwischendurch etwas Gutes tun will, der sollte einen Ausflug in den nächsten Park machen: Kräftig einatmen, Arme hochziehen, Bauch rausdrücken - und schon durchströmt frischer, belebender Sauerstoff Körper und Geist.

Katja Trippel Fotos: Christian von Alvensleben

Wissenschaftliche Beratung: Dr. Hans-Joachim Lepthin, Dr. Stefan Schaupp, Dr. Daniela Hansen, LVA-Fachklinik Aukrug; Prof. Robert Loddenkemper, Lungenklinik Heckeshorn, Berlin

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