HOME

Psychologie: Zurück ins Leben – wie das Weiterleben nach einem Schicksalsschlag gelingt

Nach einem traumatischem Erlebnis wie dem Tod eines Kindes, einem schweren Unfall oder der Kündigung fällt es schwer, inneren Frieden zu finden und neuen Mut zu schöpfen. Aber es kann gelingen.

Nach schwerem Schicksalsschlag: Wie findet man zurück ins Leben?

Der Mann am Ostseestrand macht Gymnastik, mit einem größenverstellbaren Reifen. Manchmal stundenlang. Das tut Norbert Denef, 68, gut. Oft redet er mit neugierigen Spaziergängern. Zwischen dem 10. und 18. Lebensjahr wurde er als Messdiener sexuell missbraucht. Mit 40 brach er zusammen. Und begann über seinen Schicksalsschlag zu sprechen und vor Gericht zu klagen. Er war der erste Deutsche, der von der Kirche eine Entschädigung erhielt. Und er entwickelte eine Überlebensstrategie. "Wer sich bewegt, kann auch etwas bewegen", sagt er, alles muss raus, die Wahrheit und die körperliche Spannung.

Es ist der 24. März 2015, ein Dienstag kurz vor Ostern, als die Katastrophe ins Leben von Stefanie Assmann bricht. In Haltern am See, 50 Kilometer nördlich von Dortmund, arbeitet die Versicherungskauffrau an diesem Vormittag zu Hause. Ihr neunjähriger Sohn ist in der Schule, die 15-jährige Tochter Linda auf dem Rückflug von Barcelona nach Düsseldorf. Zusammen mit 15 Mitschülern und zwei Lehrerinnen ihres Gymnasiums hat sie eine Woche in Spanien verbracht, der Sprache wegen.

Als ihr Mann Willi Bergjürgen ins Zimmer stürmt, telefoniert Assmann gerade. Er schreit: "Lindas Flugzeug ist abgestürzt!" Sie hört ihn. Sie versteht ihn. Aber sie spricht einfach weiter. Immer weiter. Bis ihr Mann – ganz ruhig — sagt: "Jetzt leg doch endlich auf!"

Linda ist tot. Der Pilot Andreas Lubitz hat "Lindas Flugzeug", einen Germanwings-Airbus, in die französischen Alpen stürzen lassen, auf das Gebiet der Gemeinde Prads-Haute-Bléone. 150 Menschen sind gestorben, unter ihnen Lehrerinnen und Schüler des Halterner Gymnasiums, unter ihnen auch Linda.

Wie hält man so etwas aus? Wie kann man so etwas selbst überstehen?

Die meisten Menschen denken, die Folgen eines Schicksalsschlages nicht ertragen zu können

Ein traumatisierender Verlust, mitten in einem heiteren, wohlgeordneten Alltag. In Millionen Leben kommt so etwas vor. Und doch ist kaum einer darauf vorbereitet, wenn alles, was sicher schien, zerfällt. Im Gegenteil. Die meisten Menschen haben das Gefühl, die Folgen solcher Katastrophen niemals ertragen zu können. Sie fühlen sich hilflos, vernichtet. Am schwersten ist es, wenn ein geliebter Mensch stirbt, ein Kind oder der Partner, ein Elternteil. Aber auch ein Verbrechen oder ein Unfall, eine Scheidung, eine Krankheit können das Leben plötzlich und fundamental erschüttern. Manchmal genügt schon ein Gespräch mit dem Chef: "Wir werden uns von Ihnen trennen." Was Halt gab, bricht binnen Sekunden weg. Neuen Halt zu finden kann dauern. Doch es kann gelingen.

Die Facebook-Chefin Sheryl Sandberg hat vor anderthalb Jahren völlig unerwartet ihren Mann verloren, den Vater ihrer beiden Kinder. Über ihre Trauer, über ihren Weg in ein neues Leben hat sie ein Buch geschrieben. Sandberg hat es "Option B" genannt, weil sie schildert, wie sie gelernt hat, die zweitbeste Variante ihres eigenen Lebens, die B-Variante, zu akzeptieren – und wie sie wieder Glück empfinden kann. Dabei lenkt die Managerin den Blick auf etwas Elementares: darauf, dass die meisten Menschen tief in sich mit der Gabe ausgestattet sind, weitermachen zu können, trotz allem. Es gibt einen natürlichen Überlebensmechanismus. Etwa 60 Prozent, weiß man aus Studien, können sogar ein schweres Trauma gut verarbeiten. Auch wenn das Leben nicht mehr so unbeschwert wird, wie es vielleicht einmal war, finden sie eines Tages zurück zu einer neuen Zufriedenheit. Sie haben eine gute Resilienz, wie es in der Sprache der Psychologen heißt. Die verbleibenden 40 Prozent tun sich schwerer. Aber auch sie haben die Chance, wieder Lebensmut zu fassen – am besten mit professioneller Hilfe. "Man kann seine Resilienz trainieren. Wie einen Muskel", sagt der amerikanische Psychologe Adam Grant, der auch Sandbergs Co-Autor ist. Welchen Weg zurück Menschen dann jedoch nach einer Katastrophe gehen, ist sehr unterschiedlich.

Stefanie Assmann und ihr Mann Willi Bergjürgen haben beim Absturz der Germanwings vor fast drei Jahren ihre Tochter Linda verloren. In Lindas Zimmer, wo sie oft zusammen sitzen, ist das meiste unverändert. An den Wänden hängen Selfies, die das Mädchen mit seinen Freundinnen zeigen

Stefanie Assmann und ihr Mann Willi Bergjürgen haben beim Absturz der Germanwings vor fast drei Jahren ihre Tochter Linda verloren. In Lindas Zimmer, wo sie oft zusammen sitzen, ist das meiste unverändert. An den Wänden hängen Selfies, die das Mädchen mit seinen Freundinnen zeigen

Wenn Stefanie Assmann heute an die erste Zeit nach Lindas Tod zurückdenkt, sagt sie: "Ich hätte nie gedacht, dass ich so ruhig bleibe. Ich hätte von mir erwartet, dass ich schreie, durchdrehe, selbst sterbe." Die Traurigkeit kam auf leisen Sohlen. "Sie breitete sich langsam in mir aus, sickerte von Monat zu Monat tiefer in mich ein wie Wasser, das sich allmählich seinen Weg bahnt. Bis heute versuche ich jeden Tag neu zu verstehen, dass Linda morgens nicht mehr aus ihrem Dachzimmer kommt und sich auf der Treppe im Flur die Turnschuhe zubindet."

In den ersten Tagen nach dem Unglück saß sie mit ihrem Mann täglich zwischen 17 anderen betroffenen Elternpaaren bei spontanen Andachten in einer Halterner Kirche. Die Gemeinschaft stabilisierte sie. Assmann hatte kein Bedürfnis, sich abzuschotten. "Wenn ich leergeweint war, ging ich vom ersten Tag an raus unter Menschen. Ich wollte über Linda reden, mich ablenken, nicht erstarren, nicht zu viel Leerlauf zulassen." Sie war dankbar über jeden Freund, der mutig genug war, an ihrem weißen Häuschen am Ende der Straße zu klingeln und sie zu einen Waldspaziergang mitzunehmen. Dankbar für jede stumme Umarmung auf der Straße. Sie nahm therapeutische Hilfe an und schaute sogar bei Grillpartys vorbei. "Ich wollte nie, dass die Leute aufhören zu lachen, sobald ich auftauche", sagt sie.

Willi Bergjürgen sitzt am Küchentisch und schneidet einen Apfelkuchen an. Den hat er aus dem "Uhlenhof" mitgebracht, dem Restaurant, das er bis kurz nach Lindas Tod leitete. Er geht etwas anders mit der Trauer um als seine Frau. In großen Runden mag er nicht über seine Gefühle sprechen. Er zieht sich eher in Lindas Zimmer zurück. "Und wenn die Tränen kommen, dann kommen sie", sagt er.

"Sie müssen sich ganz neu aufstellen"

Adam Grant, der Psychologe, warnt vor drei Fallen, in denen Trauernde sich verfangen können. "Viele Menschen denken, was passiert ist, sei ihre Schuld. Sie glauben, sie hätten etwas verhindern oder besser machen können. Aber nicht alles, was uns passiert, passiert unseretwegen." Die zweite Falle bestehe darin, zu glauben, dass der Schicksalsschlag allumfassend ist, dass nun das ganze Leben ruiniert sei. Und die dritte Falle ist, dass man denkt, dass dieser Schmerz für immer anhalten wird und nie wieder aufhört. "Je mehr man sich diese drei Irrtümer bewusst macht, desto besser und eher kommt man meistens wieder auf die Beine", sagt Grant.

Lindas Eltern haben diese Fallen intuitiv gemieden. Mit dem Warum etwa haben beide nie gehadert. "Kurz nach Lindas Tod verunglückte in Peru ein Bus mit 50 Menschen. Für die Angehörigen gilt dasselbe wie für uns: Die Leichtigkeit ihres Lebens ist mit einem Schlag vorbei. Sie müssen sich ganz neu aufstellen", sagt Bergjürgen. Ihm hilft es, sich bewusst zu machen, dass andere Menschen ebenfalls schwere Schicksalsschläge verkraften müssen. Und er hat darum gerungen, offen zu sein, Worte zu finden für seinen Schmerz, obwohl er die großen Runden meidet. Sogar in dem "Trauerbuch für Eltern", geschrieben von Silke Baumgarten und Silia Wiebe, haben er und seine Frau ihren Umgang mit Lindas Tod geschildert.

Wieder mit dem Leben versöhnt: Katharina Middendorf hat ihren kleinen Sohn und wenig später ihren Mann verloren. Sie fühlt sich mit beiden über deren Tod hinaus innig verbunden und hat doch einen neuen Partner gefunden

Wieder mit dem Leben versöhnt: Katharina Middendorf hat ihren kleinen Sohn und wenig später ihren Mann verloren. Sie fühlt sich mit beiden über deren Tod hinaus innig verbunden und hat doch einen neuen Partner gefunden

Katharina Middendorf musste schon als Kind lernen, mit dem Tod zurechtzukommen. Sie ist eine zarte Frau, 39 Jahre alt, mit großen, aufmerksamen Augen; sie führt ein Yogastudio in Berlin. Als sie sechs Jahre alt war, verlor sie beim Urlaub auf Mallorca ihren Vater. Die Eltern waren getrennt, sie fand ihn blutend im Hotelbadezimmer, kurz darauf starb er im Krankenhaus. In der ganzen Aufregung hatte damals niemand das Kind im Blick, es war mit dem Schock allein, völlig überfordert. Aber Katharina machte damals eine Erfahrung, die sie bis heute durch schwere Zeiten begleitet: "Es war so, als würde mich ein sehr starker Teil von mir selbst an die Hand nehmen und mich, das kleine Mädchen, mit unglaublicher Sicherheit beruhigen", erzählt sie. Als sie 15 war, musste sie den Tod des Adoptivvaters verkraften, den sie sehr mochte. Mit Ende 20 lernte sie Julian kennen – und verlor auch ihn bald. Er war ihr Yogalehrer, ihre große Liebe. Sie wanderten nach Indien aus, heirateten, bekamen eine Tochter. 2009, als sie wieder schwanger war, beschlossen sie, nach Berlin zurückzugehen und Yoga zu unterrichten. Kurz nach der Geburt starb Luke, der Sohn, der an einem Herzfehler gelitten hatte. Dann erkrankte Julian an Magenkrebs. Er wollte sich nicht operieren lassen. Trotz der Bitten seiner Frau, die erneut schwanger war. Er setzte auf alternative Heiler. Als er seine Meinung nach vielen Monaten änderte, war es zu spät. 2013 starb er in einem Hospiz.

Katharina Middendorf spricht langsam, nachdenklich. Sie sagt: "Es war schwer und manchmal verwirrend. Ich hatte das Gefühl, über den wichtigen Männern in meinem Leben liege ein Fluch. Ich wusste nicht, wie ich damit weiterleben soll." Vor allem drei Faktoren waren es, die ihr halfen. Sie hatte Menschen – Freunde, ihre Mutter –, die sie begleiteten. Sie hielt sich am Yoga fest. "Und ich habe ganz bewusst alle Gefühle zugelassen", sagt sie. Sie weinte, sie schrie. Bei Julians Beerdigung, vor Hunderten Trauergästen, schleuderte sie eine Rose ins Grab. Voller Wut, weil er sich den richtigen Ärzten so lange verweigert hatte. Ihren Umgang mit all den Gefühlen hat sie auch in einem Buch zusammengefasst – "360 Grad" heißt es. "Über die Liebe, den Tod und den Mut zum Weitermachen."

"Trauer verläuft in Pendelbewegungen"

Trauer ist weder ein geordneter Prozess noch Leistungssport. Die Psychologin Elisabeth Kübler-Ross hat zwar 1969 von fünf Phasen geschrieben, vom Verleugnen des Verlusts, vom Zorn, vom Verhandeln, von der Depression und, schließlich, der Akzeptanz. Doch inzwischen ist das überholt. Wissenschaftler und Trauerbegleiter gehen davon aus, dass all die Gefühle ungeordnet auftauchen. "Trauer verläuft in Pendelbewegungen", sagt die Trauerbegleiterin Franziska Offermann aus München, die sich in einem vor Kurzem erschienenen Buch vor allem an die Arbeitskollegen trauernder Menschen richtet. "Es gibt Phasen, in denen sich alles um den Verlust dreht, dann Zeiten, in denen Neuorientierung aufblitzt. Viele Betroffene erleben das erste Jahr als besondere Herausforderung. Andere beschreiben die folgenden Jahre als schlimmer, da der Schmerz erst sehr viel später tief empfunden werden kann." Der amerikanische Trauerforscher George A. Bonanno sieht Trauer als klassische Stressreaktion: "Stressreaktionen sind nicht gleichmäßig oder statisch. Permanente Trauer wäre nicht auszuhalten. Sie ist eigentlich nur erträglich, weil sie in einer Art Wellenbewegung verläuft. Unsere Stimmung hellt sich vorübergehend auf, und wir treten in Kontakt zu unserer Umwelt. Dann tauchen wir erneut ab und setzen unseren Trauerprozess fort."

Stefanie Assmann steht in Lindas fast unverändertem Zimmer. Die Wände sind mit Freundinnen-Selfies beklebt. Die pinkfarbene Bettdecke hat sie ein paarmal gewaschen, weil sie ab und an abends darunterkriecht, wenn ihr Mann beruflich unterwegs ist und nicht zu Hause übernachten kann. Auf dem Fensterbrett brennt ein Totenlicht. Es brennt immer – auch dann, wenn die Familie im schwedischen Ferienhaus Urlaub macht. Vor einiger Zeit waren sie dort. Eine entfernte Nachbarin fragte beiläufig: "Wie alt ist Linda jetzt eigentlich?" Stefanie Assmann blickt aus dem Fenster. "Es war, als würde Linda in diesem Moment noch einmal sterben." Wenn Trauer in Wellen kommt, dann stürzte Assmann an jenem Tag in eine Schlucht.

Auf dem Parkplatz des Bahnhofs von Detmold wartet Fabian Lutter in seinem weißen VW-Bus. Die Sonne scheint. "Hallo!", grüßt der 22-Jährige fröhlich und fährt den Besucher in seine kleine Wohnung im Stadtteil Klüt. Fünf Minuten dauert der Weg, ein Klacks. Aber für Lutter ist dieser Klacks eine stolze Demonstration: Schaut, was ich geschafft habe! Seit drei Jahren ist Fabian Lutter querschnittgelähmt.

Rollstuhl statt Bundeswehr – und dennoch voll Zuversicht. Fabian Lutter, 22, in der Bibliothek der Fachhochschule Lemgo

Rollstuhl statt Bundeswehr – und dennoch voll Zuversicht. Fabian Lutter, 22, in der Bibliothek der Fachhochschule Lemgo

Während der Schulzeit in seinem Heimatort Hameln spielte er Handball, beim VfL, Rechtsaußen. Drei-, viermal die Woche trainierten sie. Mit den Jungs, seinen Freunden, ließ Lutter keine Gelegenheit aus, Spaß zu haben, ob am Strand auf Mallorca oder daheim in der Kneipe "Kaleu". Für die Zeit nach dem Abitur hatte er einen präzisen Plan. Lutter verpflichtete sich für 13 Jahre bei der Bundeswehr, wollte Maschinenbau studieren und Offizier werden. Dienstantritt am 1. Juli 2014 in München.

Dann kam der letzte Schultag, es fehlten nur noch die Prüfungen. Lutter feierte mit seinen Freunden. Sie tranken Bier. Irgendwann hielten sie es für eine gute Idee, in den Teich gleich neben der Schule zu springen. Lutter spurtete voran. Er hechtete. Aber das Wasser war zu flach, beim Aufprall zertrümmerte er zwei seiner Halswirbel. Sein bester Freund zog ihn bewusstlos aus dem Wasser, ein Hubschrauber flog ihn in eine Klinik in Hannover. Es folgten eine Operation, ein Luftröhrenschnitt; wochenlang musste Lutter über einen Schlauch atmen. Sein Rückenmark war so schwer verletzt, dass er die Beine wohl nie wieder bewegen kann. Statt in München zu studieren, lag er Anfang Juli in einer Spezialklinik in Hamburg. Dort blieb er elfeinhalb Monate lang.

"Ich bin unter mehr als 6000 Studenten der einzige Rollstuhlfahrer."

Option B? Fabian Lutter sitzt jetzt auf der Terrasse seiner ebenerdigen Wohnung, in einem Rollstuhl. Er genießt die warmen Sonnenstrahlen. "Am Anfang dachte ich: Was soll das für ein Leben sein?", sagt er. "Ich dachte: So ein Leben kann ich nicht führen." Er dachte auch an Selbstmord.

Es war ein Kampf, sich mit dem Schicksal auszusöhnen – für alle. Die Mutter blieb wochenlang in Hamburg, der Vater kam, wann immer er konnte. Lutter spürte die Angst der Eltern um den Sohn, wollte sie nicht noch weiter belasten – und vermied es, über seine wahren Gefühle zu sprechen. Auch die Freunde standen ihm zur Seite, manchmal selbst hilflos. "Guck dir doch mal den Film 'Ziemlich beste Freunde' an", wurde ihm empfohlen. "Ich konnte das bald nicht mehr hören", sagt Lutter.

Was ihm half, war Musik, viel Heavy Metal. Und es waren Gespräche mit Patienten in der Klinik, die in einer ähnlichen Situation waren. "Irgendwann haben wir angefangen, etwas in Hamburg zu unternehmen", erzählt Lutter. Sie machten Ausflüge, besuchten Konzerte und ein Basketballspiel für Rollstuhlfahrer. "Ich habe langsam bemerkt: Das Leben ist anders. Aber man kann in diesem anderen Leben auch Spaß haben. Das war ein Durchbruch." Als er die Klinik verließ, wusste er, dass selbst das Autofahren keine Utopie ist. Es ist möglich, ein Fahrzeug so umzurüsten, dass ein Querschnittgelähmter mit der Hand Gas geben und bremsen kann. Lutters Eltern kauften ihm den weißen VW-Bus, die Versicherung half beim Umbau. Auf Schienen gleitet der Fahrersitz in den Rückraum des Wagens. Von dort rutscht Lutter auf den Rollstuhl. Über eine Hebebühne steigt er aus. Sein Vater drängte ihn, bald wieder mit der Schule anzufangen. Dafür ist er ihm bis heute dankbar. Zwar musste Lutter die 13. Klasse wiederholen. Aber er schaffte das Abitur, Schnitt: 3,0. "Das wäre auch ohne Unfall nicht besser gewesen", sagt er und lacht.

Fünf Kinder hat Andrea Faber, 43, mit ihrem Mann, über 20 Jahre waren sie zusammen. Doch dann verließ er sie für eine 17-Jährige, die beste Freundin der Tochter. Faber trank zu viel, konnte nichts mehr essen. Wer sie rettete: die engsten Freunde, die erwachsenen Kinder. Die nahmen Faber mit, zwangen sie fast zu feiern, zu tanzen, zu flirten. Auch sie hat inzwischen einen neuen Partner. "Ich kann heute sagen, was ich brauche und was mir nicht gefällt – das konnte ich früher nie." Hier ist Faber am Elbstrand in Hamburg, mit zwei ihrer Kinder

Fünf Kinder hat Andrea Faber, 43, mit ihrem Mann, über 20 Jahre waren sie zusammen. Doch dann verließ er sie für eine 17-Jährige, die beste Freundin der Tochter. Faber trank zu viel, konnte nichts mehr essen. Wer sie rettete: die engsten Freunde, die erwachsenen Kinder. Die nahmen Faber mit, zwangen sie fast zu feiern, zu tanzen, zu flirten. Auch sie hat inzwischen einen neuen Partner. "Ich kann heute sagen, was ich brauche und was mir nicht gefällt – das konnte ich früher nie." Hier ist Faber am Elbstrand in Hamburg, mit zwei ihrer Kinder

Im vergangenen Jahr zog Lutter zu Hause aus und begann sein Studium. Die Wohnung hat er sich selbst gesucht, den Pflegedienst auch. Morgens muss der noch kommen, zum Anziehen. An der Hochschule Ostwestfalen-Lippe in Lemgo studiert er jetzt auf Wirtschaftsingenieur. "Ich bin unter mehr als 6000 Studenten der einzige Rollstuhlfahrer." Ausgeschlossen fühlt er sich nicht. "Es hilft, wenn man sich traut, auf Leute zuzugehen." Eine Freundin hat er im Moment nicht. Aber irgendwann möchte er "auf jeden Fall Familie". Auf der Rückfahrt zum Bahnhof sagt Lutter: "Ich glaube, dass ich genauso glücklich oder unglücklich bin wie vor dem Unfall. Es ist eben anders." Dann muss er los. An die Uni.

Trauernde Menschen können viele Neuanfänge erleben, im Großen und im Kleinen. Aber kaum einer dürfte emotional und symbolisch so aufgeladen sein wie die Entscheidung für einen neuen Partner oder für ein weiteres Kind. Wird hier doch scheinbar eine Lücke geschlossen, die der Verstorbene hinterlassen hat.

"Mach alles, was dich glücklich macht."

Katharina Middendorf fand sechs Wochen nach Julians Tod einen neuen Partner. Inzwischen hat sie mit ihm ein gemeinsames Kind. Ist das Verrat? "Nein", sagt sie. "So wie das Unglück platzt auch das Glück ins Leben. Ich bemühe mich, beides anzunehmen." Als Julian im Hospiz im Sterben lag, in jenen langen Stunden, hat sie ihm viele Fragen gestellt. Manchmal sprachen sie sehr direkt über die Zeit nach seinem Tod. Zwei Antworten Julians seien ihr besonders wichtig, sagt Middendorf: "Ob ich lebe oder tot bin, ist kein so großer Unterschied: Ich bin da." Und: "Mach alles, was dich glücklich macht."

In Haltern hat Lindas Jahrgang im Sommer Abitur gefeiert. Bei einem ökumenischen Gottesdienst empfahl eine Mutter den Jugendlichen: "Feiert und habt das Leben lieb!" Lindas Eltern sprach sie so aus der Seele. "Wir wollen nicht bitter werden", sagt Willi Bergjürgen. Nur: Wie geht das?

"Als es passierte, wusste ich, dass ich meinen Kopf randvoll machen muss mit Plänen und Träumen, egal, ob sie sich am Ende verwirklichen lassen oder nicht", erzählt Stefanie Assmann. Kurz nach dem Absturz reiste sie mit Mann und Sohn vier Wochen lang durch die USA. Sie überlegten sogar, dort ein neues Leben zu beginnen. Sie gingen dann zwar doch wieder in Haltern zur Arbeit. Aber sie hörten nicht auf, die Zukunft zu planen. Assmann erzählt, wie sie in der Nähe der Absturzstelle in den französischen Alpen ein Ferienhaus gesucht haben, von Geschäftsideen, vom Leben in ihrem Lieblingsland Schweden. Dabei sind es oft eher die kleinen Dinge, die ihnen Mut machen. Gerade erst hätten sie die Baugenehmigung für einen Wintergarten erhalten, erzählt Willi Bergjürgen. "Bald können wir in der Abendsonne draußen sitzen. Das gibt uns Auftrieb."

Hochzeitstanz nach Genickbruch
Themen in diesem Artikel

Wissenscommunity