Prostatakrebs Keiner kennt das beste Rezept


Jedes Jahr erkranken in Deutschland knapp 50.000 Männer an Prostatakrebs. Nach der Diagnose sind viele Männer ratlos - denn gerade wenn der Tumor im Frühstadium entdeckt wird, ist oft unklar, welche Therapie die beste ist.

Schon die Diagnose war ein Schock: Prostatakrebs im Frühstadium. Aber dann kam die Qual der Wahl. Acht zermürbende Monate wusste Charles Linzey nicht, für welche Therapie er sich entscheiden sollte. Bei seiner Frau, die einige Zeit zuvor an Brustkrebs im Frühstadium erkrankte, war der Tumor dagegen schon einen Monat nach der Diagnose entfernt. Normalerweise ist der Geschäftsmann aus Baltimore überhaupt nicht entscheidungsschwach. Aber in diesem Fall stand er vor einem komplizierten Problem: Im Gegensatz zu Brustkrebs und vielen anderen Tumorarten konnten Ärzte ihm schlicht nicht sagen, welche Therapie die beste sei.

Bei der häufigsten Krebsart von Männern gibt es bislang kaum brauchbare Studien dazu, ob eine Operation, eine von zwei Arten von Bestrahlung oder einfach nur wachsames Beobachten ratsam ist. "Selbst nachdem ich meine Wahl getroffen hatte, fühlte ich mich unwohl", erzählt der 59-Jährige. "Denn niemand konnte sagen: 'Das ist eine gute Entscheidung'."

Angst und Fehlinformationen prägen die Entscheidungen

Linzey entschied sich schließlich für eine Strahlentherapie und ließ sich radioaktive Kügelchen einpflanzen. Mit Erfolg, sein Tumor verschwand. Aber zwei neue Studien zeigen nun Folgen der unklaren Datenlage auf: Viele frühzeitig entdeckte Tumore werden überbehandelt. Und: Patienten lassen sich bei der Wahl der Therapie oft von Angst und Fehlinformationen leiten.

"Wenn wir den Leuten mehrere Optionen geben, macht das die Dinge manchmal schwieriger", räumt der Strahlenonkologe John Fiveash von der Universität von Alabama in Birmingham ein. Der Urologe John Wei von der Universität von Michigan möchte seinen Patienten vor allem eine Botschaft vermitteln: "Prostatakrebs ist nicht gleich Prostatakrebs."

Jeder zweite Patient wird übertherapiert

In einer Studie zeigte Wei, dass jeder zweite Patient mit einem Tumor geringen Risikos übertherapiert wird und sich damit unnötig dem Risiko von Impotenz und Inkontinenz aussetzt. Aggressiver Prostatakrebs kann zwar tödlich sein. Aber viele Tumore werden so früh entdeckt und wachsen so langsam, dass die Männer voraussichtlich an einer anderen Ursache sterben, ehe das Karzinom jemals Probleme verursacht. Nach Angaben der American Cancer Society bekommt jeder sechste Mann Prostatakrebs, aber nur jeder 34. stirbt daran.

Hinzu kommen weitere Probleme: Niemand weiß, ob bei einem Tumor geringen Risikos eine aggressive Therapie die Prognose verbessert, oder ob es nicht sinnvoller ist, das Karzinom zunächst nur aufmerksam zu beobachten und erst dann zu behandeln, wenn es zu wachsen beginnt. Im Falle einer Therapie zeigen zwar ältere Studien, dass eine Bestrahlung langfristig ähnlich wirksam ist wie eine Operation. Fiveash bemängelt aber, dass es keine Vergleiche zwischen modernen Strahlentechniken und aktuellen Operationsverfahren gibt.

Aufklärung im Internet

Also zählen die Ärzte in der Regel die verschiedenen Optionen auf und lassen die Patienten entscheiden. Nach welchen Kriterien diese dann auswählen, untersuchten jüngst Forscher der Universität von Colorado. Sie befragten 20 Männer, just nachdem ihre Ärzte ihnen die Möglichkeiten genannt hatten. Mehr als die Hälfte der Patienten wollten einfach nur möglichst schnell behandelt werden. Viele waren dermaßen schockiert, dass sie nicht einmal eine zweite Meinung einholen wollten.

Noch auffälliger waren die Fehlinformationen: Manche Teilnehmer glaubten irrtümlich, die Entnahme der Prostata sei eine Garantie für eine Heilung. Andere wollten eine Strahlentherapie, in der fälschlichen Annahme, nur eine Operation könne Impotenz verursachen. Und generell waren Ratschläge von Freunden wichtiger als ein Vergleich der wissenschaftlichen Daten zu Vorteilen und Risiken der verschiedenen Vorgehensarten.

All diese Mängel wollen Wei und Fiveash nun angehen: Ihre Kliniken zählen zu der wachsenden Zahl von Krebszentren, die eine multidisziplinäre Prostataberatung anbieten. Hier können Männer bei einem einzigen Besuch mit Urologen, Strahlenonkologen und anderen Fachärzten sprechen und deren Meinungen vergleichen. Zudem entwickelte Wei zusammen mit dem Michigan Cancer Consortium eine Internetseite, die die wissenschaftlichen Daten zu jeder Therapie auflistet. Die Informationen sollen es den Betroffenen erleichtern, eine gute Wahl zu treffen. Nicht ganz so umfangreich, aber in deutscher Sprache, sind die Informationen aufwww.krebsinformation.de.

Lauran Neergaard/DPA DPA

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