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Stern Logo Rauchen - Wege aus der Nikotinsucht

Rauchen: Einfach aufhören!

Ab Neujahr ist es so weit, dann tritt in den meisten Bundesländern das umfassende Rauchverbot in Kraft. Die Raucherseele kocht, geht es ihr doch an die Privilegien. stern.de-Autor Björn Erichsen hat da einen recht guten Tipp parat, wie man dem neuen Gesetz mit einiger Gelassenheit entgegen sehen kann.

Auch sie werden aufhören - früher oder später: Zwei überzeugte Raucher bei einer Protestaktion gegen das Rauchverbot in München

Auch sie werden aufhören - früher oder später: Zwei überzeugte Raucher bei einer Protestaktion gegen das Rauchverbot in München

Pünktlich zum Jahreswechsel sprießen sie mal wieder, die guten Vorsätze. Jene höchst flüchtigen Jahresendzeitphänomene, mit denen doch alles besser werden soll: In den Köpfen purzeln schon die Pfunde, wird Marathon gelaufen und die neue Freundlichkeit geprobt. Und dann ist da auch noch die Sache mit dem Rauchen. Gerade in Zeiten, in denen Raucher ihre Privilegien schwinden sehen und sich über das Rauchverbot die malade Lunge aus dem Hals krakeelen, steht der Kampf gegen das qualmende Laster ganz oben auf den Wunschzetteln für das neue Jahr.

Schon in normalen Zeiten ist Rauchentwöhnung so etwas wie ein deutscher Volkssport: Jeder dritte Raucher hierzulande - also rund sieben Millionen Menschen - versucht sich mindestens einmal im Jahr am Rauchstopp. Doch meist noch bevor Sellerie und Fit-Vital-Drink in den Untiefen des Kühlschranks verschwinden und die Langlaufpläne auf das nächste Jahr geschoben werden, brennt schon wieder die Lunte. Gerade einmal jeder Fünfte schafft die ersten vier Wochen, nur jeder 20. kommt rauchfrei durch das erste Jahr. Manchen ist das herzlich egal, sie rauchen einfach weiter, um es irgendwann wieder zu probieren. Andere hingegen sind regelrecht verzweifelt: "Werde ich es jemals schaffen?"

Der Kick im Raucherhirn

Die Sucht nach der Zigarette ist so tückisch, weil sie gleich im Doppelpack daherkommt, Rauchen macht physisch und psychisch abhängig. Nach dem Lungenzug braucht das Nikotin nur sieben Sekunden, um für Partystimmung im Raucherhirn zu sorgen: Endorphin, Dopamin, Noradrenalin, rund ein gutes Dutzend "Glückshormone" tanzt durch die Hirnwindungen und sorgt für jene Wirkung, die der Raucher an seinem Laster liebt: Die Zigarette beruhigt oder regt an, hilft Aggression abzubauen, macht Stress leichter erträglich. Klingt super, macht aber schnell abhängig. Und schon nach kurzer Zeit wächst die Gier, da sich die Nikotinrezeptoren vervielfachen.

Die ewige Gewohnheit

Hartnäckig wird die Sucht durch die ewige Gewohnheit: Die Kippe zum Kaffee, beim Autofahren, in Pausen, nach dem Essen, nach dem Sex - wie sehr diese Ritualzigaretten den Alltag eines Rauchers bestimmen, merkt der erst, wenn er nicht mehr raucht. Körper und Geist treiben dabei ein perfides Doppelspiel: Der Glückskick im Hirn ist fest mit der Tätigkeit des Rauchens verbunden, Feuerzeug raus, Zigarette an - und schon gibt es ein Leckerli fürs Hirn. Dieses Verhalten gräbt sich tief in das Suchtgedächtnis ein: Jemand, der täglich 20 Zigaretten einsaugt, wiederholt 7300 Mal im Jahr die Erfahrung, dass Rauchen eine beglückende Tätigkeit ist.

Bevor man in die Schlacht gegen die Sucht zieht, ist es sinnvoll, sich ein paar Gedanken zu machen: Ist der Zeitpunkt gut gewählt? Habe ich einen Ausgleich für die erste, schwierige Zeit ohne Zigarette? Vor allem aber: Will ich wirklich aufhören? Fast jeder Raucher - so überzeugt er auch tut - möchte aufhören, doch ein bösartiges Gefühl steht dem entgegen: Angst. Hätte, würde, könnte - unterhalten Sie sich mal mit einem Raucher übers Aufhören, ihnen werden die Konjunktive nur so um die Ohren fliegen. Denn da gibt es so ein leises Stimmchen, das dem Raucher permanent souffliert, dass sich der Alltag nur dann bewältigen lässt, wenn ab und an die Lunte brennt. Nur wer sich diese Angst bewusst macht und sich über sie erhebt, hat eine Chance. Jeden Alibi-Versuch bestraft die Sucht im Handumdrehen.

Gut ist, was zum Ziel führt

Die Palette der Entwöhnungshilfen ist vielfältig und bunt: Manche schwören auf Akupunktur oder Hypnose, andere saugen am Lungentrainer oder werfen Raucherpillen ein, an der alternativen Front knabbert man an der asiatischen Kudzu-Wurzel oder klopft sich rauchfrei mit Meridian-Energie-Techniken. Unzählige Ratgeber locken mit vollmundigen Erfolgsprognosen: Ganz entspannt Nichtraucher werden in 14, 7 oder nur 2 Tagen, wie hätten Sie es den gern? Wissenschaftlich fundiert sind letztendlich nur zwei Methoden: der Nikotinersatz über Pflaster, Kaugummi oder Inhalator und die Verhaltenstherapie. Beide weisen Erfolgsquoten von etwa 15 Prozent auf, in Kombination sogar das Doppelte. Angesichts der sonstigen Chancen der Ferrari unter den Entwöhnungshilfen. Letztendlich ist der Umgang mit Hilfsmitteln pragmatisch zu betrachten: Gut ist, was zum Ziel führt.

Nun ist Raucher nicht gleich Raucher. Zwischen dem gemütlichen Genussmenschen, der sich nach Feierabend mal eine ansteckt und dem exzessiven Suchtraucher liegen mindestens 20 Zigaretten täglich. Und so unterschiedlich wie das Rauchverhalten kommt auch der Ausstieg aus der Sucht daher. "Ich habe einfach die letzte Zigarette ausgedrückt und danach nie wieder an das Rauchen gedacht", solche Geschichten erzählen manche Ex-Raucher ganz gern und ernten dafür ungläubiges Staunen von der großen Mehrheit, bei der es doch so anders läuft: schmerzhaft, rumpelig, kein bisschen elegant.

Schizophrenie in der Akutphase

In den ersten Tagen nach der letzten Zigarette herrscht absoluter Ausnahmezustand: Unruhe, Nervosität, Reizbarkeit. Es ist völlig unmöglich, einen klaren Gedanken zu fassen. Suchtattacken im Minutentakt, die Zeit wird zum Feind, jede Minute muss mühsam dem Zifferblatt abgerungen werden. Das Raucherhirn schmiedet im Alleingang Rückfallpläne, der Neid brennt lichterloh, jedem Raucher wird die Kippe aus der Hand gegiert. Hat das Leben ohne Zigaretten irgendeinen Sinn?

Doch die Akutphase ist eine Zeit der Schizophrenie, denn gleichzeitig passiert gar Wundersames. Der Körper bedankt sich dafür, dass die tägliche Giftration nun wegbleibt: besser riechen, besser schmecken, tief durchatmen. Bei ehemals starken Rauchern erhöht sich die Lungenfunktion um bis zu 30 Prozent, ein größerer Effekt, als ihn ein Radrennfahrer mit illegalem Eigenblutdoping erreicht! Vor allem aber wächst die Euphorie, der knackfrische Ex-Raucher klopft sich durchgehend auf die Schulter und redet praktisch über nicht anderes mehr. Gespräche mit Gerade-Abstinenten sind fürchterlich monoton.

"Eine ist keine"

Ist der Ausnahmezustand vorbei, so etwa nach zwei bis vier Wochen, geht es "nur" noch darum, das Erreichte zu verwalten. Doch das hat so seine Tücken: Es fehlen die großen Schlachten, es lassen sich keine glorreichen Siege mehr einfahren, Normalität kann ja so langweilig sein. Das Gefühl der Kontrolle nährt die Selbstzufriedenheit: "Ich habe doch alles im Griff, da kann eine doch nicht schaden", flüstert die Sucht, die noch lange nicht besiegt ist. Doch "Eine ist keine", ist ein fürchterlich dummes Sprüchlein und nur zu oft Prolog zur alten Gewohnheit.

Dem Scheinriesen auf die Pelle rücken

Erst nach mehreren Monaten kann man so langsam Entwarnung geben: Der Ex-Raucher kommt sich nun fürchterlich dumm vor, dass er sich so lange von der Sucht hat knechten lassen. Geradezu bizarr wird der Gedanke an die Angst, die er vom Aufhören hatte. Die Sucht ist ein Scheinriese, so wie Herr Tur Tur aus der Augsburger Puppenkiste, der kleiner wird, je näher man ihm auf die Pelle rückt. Die Entscheidung für ein Leben ohne Zigarette ist die Entscheidung zu einem gesünderen, bewussten, ja besseren Leben. Für den nächsten Jahreswechsel kann man sich also etwas anderes vornehmen, abnehmen zum Beispiel, denn ein paar Pfunde nimmt fast jeder Ex-Raucher zu. Über die Aufgeregtheiten in Rauchverbotsdebatten kann man ohnehin nur noch müde lächeln.

Björn Erichsen

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