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Telemedizin: Lebensrettende Tipps zur Teatime

Mit bescheidenen Mitteln hat ein britisches Ehepaar eine internationale medizinische Schaltzentrale aufgebaut, über die Ärzte weltweit ihr Wissen teilen.

Von Cornelia Fuchs

Lord und Lady Swinfen sehen nicht so aus, als ob sie fast täglich Leben retten würden. Roger Swinfen, 69, zieht gern gemächlich an seiner Pfeife, wenn er über Probleme nachdenkt. Seine Frau Pat, 70, backt Apfelkuchen im gusseisernen Ofen der Landhausküche. Die beiden wirken wie zufriedene Pensionäre, die sich um ihren Labradorwelpen Josh kümmern und um ihre fünf Enkel, deren Fotos auf jedem freien Regalmeter in Küche und Wohnzimmer stehen.

Doch immer wieder treibt es die Swinfens vor einen der drei Computermonitore, die den Esszimmertisch belegen - das Arbeitszimmer quillt längst über vor Akten, Papieren und Technik. Was ist mit dem Säugling im Irak, der fünf Tage nach der Geburt wegen einer Fistel operiert wurde? Hat der Spezialist für Schwangerschaftskomplikationen schon geantwortet auf die Frage, wie die Frau mit Drillingen in Afghanistan zu behandeln ist, die Fruchtwasser verliert?

Einfach und effektiv

Zwischen Kies, Kletterrosen und einem großen Kamin haben Pat und Roger Swinfen in den vergangenen zehn Jahren eine globale medizinische Schaltzentrale aufgebaut. Was kompliziert klingt, ist ein einfaches, aber effektives Hilfsprogramm für Ärzte in Entwicklungsländern und Krisenregionen. So einfach ist es, dass man sich fragt, warum dies von einem Oberhausabgeordneten und einstigen Offizier und einer ehemaligen Armee-Krankenschwester auf dem Land in England entwickelt wurde und nicht, zum Beispiel, von der Weltgesundheitsorganisation WHO.

Die Swinfens verteilen über ihre Privatstiftung, den "Swinfen Charitable Trust", Digitalkameras, Stative und, wenn nötig, Satellitentelefone an Ärzte in Krankenhäusern - bislang sind es 140 Kliniken zum Beispiel in Nepal, Äthiopien, auf den Salomon-Inseln, in Papua-Neuguinea und Bangladesch. Sie registrieren diese Ärzte für den Zugang zu ihrer Webseite. Und dann warten sie auf E-Mails.

Darin erzählte ein Doktor in Bangladesch zum Beispiel von einem Jungen, der nach der verunglückten Behandlung eines Schlangenbisses mit schwerstem Wundbrand an seinem Bein zu ihm kam. Er schickte Fotos der Wunde an die Swinfens, und die leiteten die Mail an einen Spezialisten weiter. Über 380 Ärzte aus Europa, Amerika, Südafrika und Australien stellen ihre Ratschläge kostenlos zur Verfügung. Das Bein des Jungen konnte durch Rat aus Europa gerettet werden.

Der virtuelle Krankenhausflur

"Viele Ärzte in Entwicklungsländern sind großartige Mediziner", sagt Roger Swinfen. "Aber sie leben häufig über eine Tagesreise entfernt vom nächsten Krankenhaus. Wir sind der virtuelle Flur für diese Ärzte, auf dem sie sich mit Kollegen austauschen können." Auf diesem Flur kann es ziemlich geschäftig werden. Als die Swinfens in diesem Sommer Freunde zu einer Dinner-Party eingeladen hatten, erreichten Pat kurz hintereinander sieben Hilferufe aus verschiedenen Teilen der Welt - kurz bevor sie das Essen in den Ofen schieben wollte. Sie rannte zwischen Küche und Computer hin und her, zwischen Fragen zu Schwangerschaftskomplikationen und dem aufgehenden Soufflé. Heute lacht sie über die Aufregung. Aber sie sagt auch, dass sie wohl so schnell keine Party mehr geben wird.

Der in der südenglischen Grafschaft Surrey praktizierende Kinderarzt Majeed Rawad kümmert sich gerade zusammen mit einem Kollegen um ein Neugeborenes im Irak. Dem Säugling wurde eine Fistel zwischen Speise- und Luftröhre entfernt, eine höchst komplizierte Operation. Per Digitalfotos haben die behandelnden Ärzte den Eingriff dokumentiert und fragen nun, was sie bei der Nachbehandlung beachten müssen.

Der Rat des Kollegen in England: Das Baby muss auf der linken Seite schlafen, mit erhöhtem Kopfteil. Äußerste Vorsicht sei geboten bei Anzeichen einer Lungenentzündung, dazu gibt er genaue Medikationsanweisungen. Die Kommunikation hilft dabei nicht nur den Patienten, sagt Rawad: "Ich lerne, weil ich Fälle sehe, die es hier in Europa so nicht gibt. Und die Ärzte vor Ort lernen, mehr Vertrauen in ihre eigenen Diagnosen zu haben. Denn meistens müssen wir ihnen bei der Behandlung schwieriger Fälle nur ein bisschen zur Seite stehen."

Das Umdenken hat begonnen

Über 400 Patienten halfen die Swinfens mit ihren E-Mails im vergangenen Jahr. Knappe 250 Euro kostet die Fotoausrüstung, die sie den Krankenhäusern zur Verfügung stellen. Als sie vor zehn Jahren ihr E-Mail-Netzwerk aufzubauen begannen, interessierte sich keine Hilfsorganisation für die Idee. Damals galt Telemedizin ohne teure Videokonferenzschaltungen als unpraktikabel. Dass sogar hochkomplizierte neurologische Probleme per E-Mail diskutiert und gelöst werden könnten, war für Experten unvorstellbar.

Die Swinfens gingen nicht völlig naiv an das Projekt heran: Roger Swinfen arbeitete nach seinem Abschied von der Armee im Jahr 1963 Jahrzehnte für eine Organisation, die sich für Behinderte in England einsetzt. Und die Idee für die E-Mail-Hilfe kam von einem Armee-Chirurgen, der Verletzte nach einem Hubschrauberunglück in Bosnien dank virtueller Ratschläge aus einem englischen Krankenhaus vor Ort behandeln konnte.

Trotzdem musste sich das Ehepaar anhören, sie seien nur Hilfe-Touristen, als sie 1998 im strömenden Monsunregen ein Satellitentelefon auf dem Dach eines Krankenhauses in Bangladeschs Hauptstadt Dhaka aufbauten. Doch das Umdenken hat begonnen. Die Leiterin der WHO-Mission im Irak verkündete, dass die Telemedizin zwar einen "bescheidenen Anfang" im Lande gehabt habe. Es sei aber nun an der Zeit, diese Hilfe für noch mehr Krankenhäuser zugänglich zu machen. Sie wird sich beeilen müssen: Bei den Swinfens haben sich, überzeugt von deren großartiger Arbeit, längst 40 irakische Krankenhäuser registrieren lassen.

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