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Lockerungen zu Weihnachten Thanksgiving in Kanada – das passiert mit den Corona-Zahlen, wenn ein Land feiert

Warnung vor dem Coronavirus an einer Autobahn in Toronto, Kanada
In Kanada (rund 38 Millionen Einwohner) wurden bisher gut 350.000 Infektionen mit dem Coronavirus registriert
© Frank Gunn / The Canadian Press / Empics / Picture Alliance
Wie gefährlich kann Weihnachten in der Coronavirus-Pandemie werden? Ein Blick auf Thanksgiving in Kanada zeigt, wie wichtig Vorsicht und Zurückhaltung sind.

Mit bis zu zehn Menschen sollen Treffen an den Weihnachtsfeiertagen in Deutschland erlaubt sein, Kinder werden nicht mitgezählt – das ist einer der Beschlüsse von Bundeskanzlerin Angela Merkel und den Länderchefinnen und -chefs auf ihrem jüngsten Corona-Gipfel.

Zwar appellieren die Regierenden, den Kreis der Feiernden möglichst kleinzuhalten und auf Reisen zu verzichten, aber es gehört nicht viel Fantasie dazu, sich vorzustellen, dass dennoch Hunderttausende rund um Heiligabend quer durchs Land fahren und fliegen werden, um Verwandte zu besuchen – die Folgen für das Infektionsgeschehen sind vollkommen ungewiss.

Coronavirus-Zahlen stiegen nach Thanksgiving in Kanada

Kanada hat ein solches Event in der Coronavirus-Pandemie schon hinter sich. Thanksgiving wird dort immer am zweiten Montag im Oktober gefeiert. Das Erntedankfest hat eine große Bedeutung, wenn es auch nicht so ausgiebig zelebriert wird wie in den Vereinigten Staaten. Vielerorts ist es ein Feiertag und ermöglicht so ein langes Wochenende. Dann treffen sich Familien über mehrere Generationen hinweg – meist in Innenräumen – und feiern, auch wenn sie dafür viele Kilometer reisen müssen in dem riesigen Land.

In diesem Jahr sieht sehr danach aus, als ob Thanksgiving 2020 ein Superspreading-Event geworden ist. Dafür sprechen die nackten Zahlen, aber auch die Einschätzungen von Experten.

Nach einer ersten Welle im Frühjahr konnte auch Kanada die Zahl der täglichen Neuinfektionen im Sommer auf durchschnittlich rund 400 pro Tag drücken, wie aus Zahlen der Johns Hopkins University hervorgeht. Seit dem Spätsommer steigen jedoch auch dort die Zahlen wieder an. Am 12. Oktober, dem diesjährigen Thanksgiving-Tag, waren es schon 2376 Neuinfektionen pro Tag (im gleitenden Sieben-Tage-Durchschnitt).

Bis zum 9. November, vier Wochen später, waren es 4599. Der bisherige Höchstwert an einem Tag wurde am 23. November mit 6795 Neuinfektionen gemeldet.

Kurz: Seit dem Spätsommer kennt die Zahl der täglichen Coronavirus-Neuinfektionen nur eine Richtung, nach oben. Thanksgiving wirkte dabei nach Einschätzung von Experten als zusätzlicher Brandbeschleuniger.

"Es ist nicht so, dass die Kurve flach war und plötzlich durch Thanksgiving eine Zunahme der Fälle zu sehen ist", erklärt Laura Rosella, Epidemiologin an der Universität von Toronto dem "Time Magazine". Aber sie fügte hinzu: "Der Grund, warum wir überzeugt sind, dass Thanksgiving die Fälle erhöht hat, ist, dass wir in den zwei Wochen nach Thanksgiving unsere bis dahin höchsten Zahlen gesehen haben, was mit der Inkubationszeit übereinstimmt, in der Menschen Symptome zeigen und gemeldet werden." Und Rosella fügt hinzu, dass seit Thanksgiving die Anzahl der Test gesunken sei, die positiven Ergebnisse jedoch gestiegen seien.

Matthew Oughton, ein Arzt für Infektionskrankheiten, geht davon aus, dass die Auswirkungen von Thanksgiving in den Daten möglicherweise noch deutlicher zum Ausdruck gekommen wären, wenn nicht zur selben Zeit in einigen Provinzen neue Infektionssschutzmaßnahmen in Kraft getreten wären, etwa Schließungen von Restaurants. "Obwohl wir in Ontario und Quebec keinen großen Anstieg der Fälle verzeichneten, fällt auf, dass wir nicht den Rückgang gesehen haben, den wir aufgrund dieser Sperrmaßnahmen erwartet hätten", führte Oughton aus.

Zwar ist das Reiseverhalten der Kanadier zu Thanksgiving nicht vergleichbar mit dem der US-Amerikaner, die Jahr für Jahr für verstopfte Straßen und überfüllte Flughäfen sorgen, dennoch wird in den Vereinigten Staaten das Infektionsgeschehen bei den nördlichen Nachbarn nach dem Feiertag als mahnendes Beispiel angeführt. So warnte Anthony Fauci, der führende Experte für Infektionskrankheiten des Landes, auf CBS News, dass die Menschen auf Flughäfen "uns noch mehr in Schwierigkeiten bringen werden, als wir gerade sind". Mediziner raten dort ausdrücklich vor Reisen zu Verwandten ab – ob die Appelle Erfolg haben werden, ist ungewiss.

Weihnachten "im kleinen Kreis" feiern

Für die USA sind die Daten aus Kanada alarmierend, und auch für Deutschland sollten sie ein Weckruf sein. "Medizinisch-epidemiologisch ist es Wahnsinn, zu Weihnachten wieder aufzumachen und zu lockern", sagte der Vorsitzende des Weltärztebundes, Frank Ulrich Montgomery, dem Südwestrundfunk. Zwei bis drei Wochen später werde es mehr Todesfälle geben. "Weihnachten wird damit zu einem Fest mit einem Todesrisiko für manche Menschen."

Unter anderem Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) rief dazu auf, trotz der Lockerungen der Kontaktauflagen über Weihnachten und Silvester vernünftig zu bleiben. "Es geht nicht darum, an Silvester oder Weihnachten große Partys zu feiern", sagte er. Es gehe "darum, im engsten Kreis zu feiern".

Bereits jetzt steht fest, dass in diesem Jahr in Deutschland mindestens 15.000 Menschen ihren Familien an den Weihnachtstischen fehlen werden. Sie sind an oder mit Covid-19 gestorben.

Quellen: Johns Hopkins University, "Time Magazine", CBS News, Südwestrundfunk, Nachrichtenagentur DPA

wue

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