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Tropenkrankheiten: Unerwünschte Souvenirs

Immer öfter stellen Ärzte exotische Zungenbrecher-Krankheiten wie Chikungunya und Rickettsia africae auch in Deutschland fest. Schuld ist die Reiselust der Deutschen, die sich bei aggressiven Stechmücken oder behänden Zecken in den Tropengebieten weltweit anstecken.

Von Brigitte Zander

Als unerwünschte Souvenirs schleppen deutsche Touristen immer mehr fremde Krankheiten nach Hause, deren Namen sie kaum kennen: Chikungunya, Dengue, Lassa-, Sandmücken-, West-Nil- und Mittelmeer-Fleckfieber oder die afrikanische Zeckenbisskrankheit Rickettsia africae. Der Import von exotischen Viren und Bakterien im Körper, aber auch lebender Zecken und Mücken im Gepäck nimmt drastisch zu, meinen Tropenärzte.

"Die Erreger reisen mit bemerkenswerter Geschwindigkeit; in 24 Stunden können sie heutzutage überall sein", warnt Thomas Löscher, Leiter der Infektions- und Tropenmedizin der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität. Die Globetrotter, die zuhauf in entlegene und infektiologisch riskante Regionen vordringen, aber auch der Klimawandel erleichtern die Ausbreitung gefährlicher Tropenkrankheiten.

"Krankheit, die die Knochen bricht"

Die durch die Anopheles-Mücke übertragene Malaria beispielsweise beherrscht nicht nur Afrika, Südostasien und Teile Südamerikas, sondern erobert weiter neue Reisegebiete, wie jetzt Goa, Jamaika, Trinidad und Kirgisistan. Das West-Nil-Fieber breitet sich zunehmend in den USA aus. Mittelmeerreisende und Urlauber in Rumänien sowie Bulgarien werden verstärkt durch die Hepatitis A sowie B bedroht. In den beliebten Reisezielen am Mittelmeer tritt häufiger als früher das so genannte Mittelmeerfieber (Brucellose) auf, eine fiebrige Gelenkschmerzerkrankung, die durch Bakterien in Milch, Rohkäse und Fleisch infizierter Tiere übertragen wird.

Die Virenerkrankung Chikungunya explodiert rund um den Indischen Ozean und beschäftigt seit dem vergangenen Jahr auch Ärzte in Deutschland. Bei einer 63-jährigen Mauritius-Reisenden diagnostizierte das Münchner Tropeninstitut als erste die fiebrige und schmerzhafte Muskel-Gelenkerkrankung, die durch aggressive Stechmücken übertragen wird. Weitere Fälle entdeckte kurz darauf das Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin in Hamburg bei Réunion-Urlaubern. Chikungunya kommt aus der Kisuaheli-Sprache und bedeutet etwa: "Krankheit, die die Knochen bricht".

Keine Jahreszeit mehr sicher

Einige Safari-Touristen kommen neuerdings aus Südafrika und Namibia mit dem Afrikanischen Zeckbissfieber (Rickettsia africase) zurück, einer fiebrigen Erkrankung mit maserähnlichen Hautexzemen. Natururlauber, die die Nächte im Freien verbringen, sind besonders gefährdet, denn die Rickettsia-Bakterien können durch Läuse, Milben, Insekten und Zecken transportiert werden. Und diese afrikanischen Zecken seien besonders flink, berichtet Löscher. "Die sausen in nullkommanix die Beine hoch, saugen Blut, und sind in zehn Minuten weg." Ganz anders als unsere behäbige einheimische Zecke, der Gemeine Holzbock, mit dem die deutschen Ärzte schon genug zu tun haben. Er überträgt die Hirnhautentzündung FSME und die Gelenkentzündung Borreliose.

Wie der Jenaer Professor Joch Süss vom "nationalen Referenzlabor für durch Zecken übertragene Krankheiten" feststellte, wandern noch neue Artgenossen zu. Drohten Zecken früher nur in tiefer gelegenen Gebieten, so dehnen sie ihren Lebensraum nun auch in Bergregionen aus. Der Alpenraum, Tschechien, selbst Südschweden und Russland gelten als neue Endemieländer. In Deutschland wurden Bayern und Baden-Württemberg als Risikogebiete eingestuft. Keine Jahreszeit ist mehr vor ihnen sicher. "In diesem extrem warmen Winter 2006/7 konnten wir erstmals beobachten, dass Zecken durchgängig auf Wirtssuche gehen, auch von Oktober bis Januar, meldet Süss. Allein in Deutschland wurden im vergangenen Jahr 547 FSME-Fälle gemeldet.

Nicht meldepflichtig, falsch diagnostiziert

Bei vielen der exotischen Erkrankungen sind die Reisemediziner auf Schätzungen angewiesen. Anders als Malaria (rund 700 Fälle pro Jahr), Bilharziose und Dengue-Fieber sind die internationalen "Mitbringsel" nicht meldepflichtig. Und werden oft auch nicht korrekt erkannt. Viele Ärzte wissen zu wenig über diese gefährlichen Importe. "Da reicht auch kein Einmal-Kurs", mahnt Löscher, "denn die Probleme in der Reisemedizin ändern sich laufend."

Oft werden unspezifische grippeähnliche Symptome diagnostiziert. Denn viele der eingeschleppten Infekte äußern sich nach der Rückkehr zunächst als Fiebererkrankung mit heftigen Muskel- und Gelenkschmerzen. Anhand solch unklarer Symptome laborieren so manche Ärzte an ihren desolaten Patienten mit fiebersenkenden Mitteln oder Antibiotika herum.

Gesundheitsservice für deutsche Truppen

Auf sichere Nachweise hat sich das Institut für Mikrobiologie der Bundeswehr in München spezialisiert. Zunächst als besonderer Gesundheitsservice für die deutschen Truppen, die die Freiheit vom Hindukusch bis zum Kongo verteidigen sollen. Ob Fleck-, Gelb-, Dengue- oder Sandmückenfieber, Malaria, Paratyphus, Ebola oder Rickettsiose - "wir finden es heraus", verspricht Oberfeldarzt Gerhard Dobler. Die Untersuchungen seines Instituts an Biopsie- oder Blutproben kosten allerdings pro Fall 150 bis mehrere hundert Euro. Deshalb, so Dobler, sei die Nachfrage aus Kassenarztkreisen wohl so gering.

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