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Vulkan-Ausbruch: Verdampfendes Blut und explodierende Schädel - so grausam starben die Opfer des Vesuvs

Bislang glaubte man, die Bewohner von Pompeji und Herculaneum seien durch Gase erstickt, bevor sie von der Asche des Vulkans begraben wurden. Eine neue Studie zeigt, dass ihr Tod weit schrecklicher war.

So stellte sich der Maler Karl Bryullov die letzten Tage von Pompeji vor.

So stellte sich der Maler Karl Bryullov die letzten Tage von Pompeji vor.

Der Ausbruch des Vesuvs vor fast zweitausend Jahren ist ein Mahnmal über die Gewalt der Natur über den Menschen. Zu seiner Berühmtheit trug bei, dass Plinius der Ältere den Ausbruch erlebte. Der versuchte unerschrocken von der Naturgewalt, seinen Freund Pomponianus zu retten. Für den Nachruhm sorgte auch, dass Häuser und Gassen von Pompeji von Asche überdeckt wurden und teilweise im Original-Zustand die Zeiten überdauert haben. Die getöteten Bewohner hinterließen Hohlräume in der Asche, so wie sie gefallen und erstickt waren. Abgüsse der Höhlungen wirken, als hätten die Toten als Staturen zweitausend Jahre geruht.

Scheinbar friedliches Sterben

Bei allem Schrecken des Ausbruchs wirkten diese Toten friedlich und unversehrt. Denn sie erstickten in den Vulkangasen und ihre intakten Körper wurden von dem Ascheregen begraben. Das dachte man zumindest. Neue Untersuchungen zeigen, dass diese Toten weit schrecklicher starben. Offenbar kam es darauf an, wo man sich befand und wie nahe man am Vulkan lebte.

In einer Untersuchung, die im Fachorgan "PLOS One" veröffentlicht wurde, zeigten italienische Forscher, dass die Einwohner wohl nicht durch Ersticken im Ascheregen starben. Tatsächlich wurden viele der hilflosen Bewohner von gasförmigen Hitzewellen getötet. Diese bewegten sich so schnell, dass ein Entkommen nicht möglich war. In den betroffenen Gebieten erzeugten sie so schnell eine so große Hitze, dass die Körperflüssigkeiten der Opfer verdampften. "Diese Art von Studien sind von großer Bedeutung, nicht nur wegen der historische Rekonstruktion der Geschehnisse aus der Römerzeit, sondern auch, weil sie grundlegende Informationen liefern, die für die Beurteilung des Vulkanrisikos in dicht besiedelten Gebieten nützlich sind", sagt Pier Paolo Petrone, der Hauptautor der Studie.

Tod durch Hitzewolke

Diese Studie basiert auf der Untersuchung von Skelettüberresten von etwa 300 Opfern. Sie hatten noch Zeit, nach dem Ausbruch in Richtung Meer zu flüchten. In den Bootshäusern von Herculaneum, etwa 15 Kilometer von Pompeji entfernt, saßen sie dann fest. Bis eine Hitzewelle durch die Stadt fegte. Sie strahlte Temperaturen von zwischen 400 und 900 Grad Celsius aus. Das Schlimmste: Diese Welle erreichte eine explosionsartige Geschwindigkeit von etwa 300 Stundenkilometern.

An den Skelettüberresten wurden hohe Eisenkonzentrationen gemessen. Ein Befund, den Petrone auf kochendes Blut zurückführt. Die Körperflüssigkeiten wurden nicht langsam erhitzt. Die Temperatur stieg so steil an, dass die Dampfentwicklung im Körperinnern den Leib zerfetzte und zu Verletzungen der Schädel führte. Fotos der Überreste zeigen Frakturen, bei denen Stücke gerade von der Oberfläche weggesprengt wurden.

Kein Entkommen möglich

Auch wenn der Tod wie aus einem Horrorfilm wirkt, trat er zumindest sehr schnell ein. In "Popular Science" erklärte der Vulkanologe Giuseppe Mastrolorenzo, die unterschiedlichen Überreste in den Städten Pompeji und Herculaneum. Er nimmt an, dass die alte Erstickungstheorie auch in Pompeji nicht zutrifft. Der Tod sei durch Hitzeschock eingetreten, doch "die Post-Mortem-Folgen für die Körper der Opfer waren in diesen Städten aufgrund der Entfernung zum Vesuv unterschiedlich". Herculaneum lag sehr viel näher am Vulkan, sodass die Hitze Körpergewebe und -flüssigkeiten verdampfte. Im weiter entfernten Pompeji reichten die Hitzewellen noch aus zu töten, aber sie verdampfte nicht mehr das Gewebe. Asche und eventuelle Gase hätten dann später nur noch die Leichen bedeckt.

"Wir wissen, dass die erste Todesursache die hohe Temperatur ist - keine mechanischen Einflüsse oder Erstickung", so Mastrolorenzo. Für heute bedeutet das, man könne nicht darauf vertrauen, dass es eine längere Vorwarnzeit gibt – wie bei einem Ascheregen oder einer Lavazunge. Vor einer gasförmigen Hitzewelle, die sich mit 300 Stundenkilometern ausbreitet, gibt es auch heute kein Entkommen, wenn nicht vor dem Ausbruch evakuiert wird.