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Viagra: Glaube, Liebe, Hoffnung

1998 kam die Potenzpille Viagra auf den Markt. Ähnliche Mittel folgten, alle weckten hohe Erwartungen. Was bleibt nach zehn Jahren vom Hype?

Von Nicole Heißmann

So einer gehört in die Schweizer Berge, hierher, ins Saanenland bei Gstaad. Wo die Einheimischen im Winter in den Skilift und im Sommer auf die Gipfel steigen. Und ein bisschen lächeln über schnaufende Touristen, die es ihnen gleichtun wollen. Als Flachländer hält man gerade Schritt, wenn Walter Raaflaub losmarschiert, ein hoch gewachsener, schlanker Mann mit tiefen Wetterfalten im Gesicht. Einer, der sich gut gehalten hat und jetzt, mit 67, sein Leben genießen könnte.

Doch im November 2002 war es vorbei mit Ruhe und Gesundheit. Damals erfuhr Raaflaub, dass in seiner Prostata der Krebs wuchs. Bei zwei Operationen wurde die gesamte Drüse entfernt. Der Eingriff verletzte feine Nerven und Gefäße. Raaflaub wurde impotent. Noch im Krankenhausbett kamen Trauer und Selbstzweifel: "Man macht sich kaum Gedanken über seine Potenz, solange alles funktioniert. Wenn ich morgens mit einer Erektion aufwachte, hatte ich die Bestätigung, du bist ein Mann. Und dann war das plötzlich weg. Da hing nur noch dieser leblose Zottel an mir."

Viele Männer erleben es als demütigend, wenn die Männlichkeit erlischt. Oder bedrohlich flackert. "Es" nicht mehr zu können, "ihn" nicht mehr zuverlässig hochzukriegen nagt am Selbstwert und endet bei vielen in einer Krise, schlimmstenfalls in einer Depression. Beziehungen leiden, nicht nur weil die innige Zweisamkeit beim Sex fehlt, sondern weil der Mann sich nicht mehr mag. Bei einer Umfrage in Deutschland unter 4500 Männern gab jeder fünfte zwischen 30 und 80 mangelnde Gliedhärte an. Das entspräche etwa fünf Millionen Betroffenen.

"Sexuelle Revolution"

Impotenz ist nicht allein Inbegriff von männlichem Scheitern, sondern auch ein milliardenschwerer Pharmamarkt. Vor genau zehn Jahren, am 27. März 1998, erteilte die US-Arzneimittelbehörde Viagra die Zulassung. Im Oktober 1998 lag die blaue Raute aus dem Hause Pfizer in deutschen Apotheken. Kein Medikament seit der Antibabypille hat so viel Staub aufgewirbelt. Medien wie Mediziner riefen "die zweite sexuelle Revolution" aus.

Innerhalb von drei Monaten ließen sich amerikanische Männer für 400 Millionen Dollar Viagra verschreiben. Der Kurs der Pfizer-Aktie stieg rasant. Was damals geschah, beschreibt Abraham Morgenthaler, Urologe an der Harvard Universität, in seinem Buch "Der Viagra Mythos": Männer wie Frauen sahen in der Tablette ein Wundermittel.

Viele erwarteten, so Morgenthaler, "dass das Schlucken einer kleinen blauen Pille ihre Beziehungsprobleme löste - egal, wie kompliziert die waren". Sexuelle Unlust, Stress mit der Freundin oder auch das Bedürfnis, mit 65 noch der tolle Hengst zu sein - für alles schien Viagra eine schnelle Lösung zu bieten. Indes wetterten Sexualpsychologen gegen den von der Pille geschürten Jugendwahn und die Penisfixierung der Männer.

Die Tabletten gibt es nur auf Rezept

In Deutschland wurden allein 400.000 Packungen im letzten Quartal 1998 verkauft. Und kaum war die Pille auf dem Markt, tobte hier wie in Amerika der Streit, wer sie bezahlen muss. Die gesetzlichen Kassen in Deutschland weigerten sich lautstark, die privaten entschieden von Fall zu Fall. Dabei ging es um die Frage, was Viagra ist: ein Heilmittel für leidende Männer mit dem Krankheitsbild "erektile Dysfunktion" oder eine Lifestyle-Pille für alle, die besseren Sex wollten.

Zehn Jahre nach der Markteinführung hat sich der Staub ein wenig gelegt. Immer noch setzt Pfizer weltweit rund 1,7 Milliarden Dollar (knapp 1,2 Milliarden Euro) mit seinem "blauen Diamanten" um. Seit etwa fünf Jahren ist Viagra nicht mehr allein auf dem Markt. Lillys gelbe Cialis hat sich inzwischen ein 1,2-Milliarden-Dollar-Filet (gut 800 Millionen Euro) vom Potenzmittelmarkt abgeschnitten, Bayer bringt es mit Levitra auf 332 Millionen Euro im Jahr. In Deutschland wurden 2007 laut Branchendienst "IMS Health" Potenzpillen für 128 Millionen Euro verkauft. Beim Absatz liegt Viagra mit rund 40 Prozent Marktanteil knapp vor Cialis und weit vor Levitra.

Die Tabletten gibt es offiziell nur auf Rezept und gegen saftige 10 bis 15 Euro pro Stück. Was schon im Jahr ihrer Einführung einen boomenden Grau- und Schwarzmarkt entstehen ließ. Viele besorgen sich die Mittel über befreundete Ärzte oder bestellen dubiose Ware im Internet. Wie groß der Warenfluss illegal importierter oder imitierter Pillen ist, überblickt nicht einmal das Zollkriminalamt. Viagra zumindest zählt laut Pfizer zu den meistgefälschten Arzneimitteln: 2007 wurden europaweit 14 Millionen Pseudo-Markentabletten im Wert von etwa 160 Millionen Euro sichergestellt.

Bei Bordellbesuchern und in der Swinger- Szene seien die Mittel verbreitet, so Manfred. S., Chef der "Beverly Erotikdiskothek" in Solingen. Unter den 25 000 Paaren, die das erotische Abenteuer in Swinger- Clubs suchten, schlucke jeder fünfte Mann Viagra - oder das, was er dafür hält. "Bei den Freiern werden das noch mehr Pillen sein, da reden wir ja von bis zu zwei Millionen Bordellbesuchen am Tag", sagt S. Auch Bodybuilder sind gewichtige Abnehmer: Weil muskelblähende Anabolika das Glied in den Dornröschenschlaf versetzen, nehmen Kraft-Fanatiker zusätzlich Potenzmittel.

Der durchschnittliche Viagra-Konsument ist um die 60

Allerdings gehört es ins Reich der Legenden, dass sich die deutsche Männerwelt flächendeckend Potenztabletten einwirft, sagt Uwe Hartmann, Leiter des Arbeitsbereiches klinische Psychologie an der Medizinischen Hochschule Hannover: "Die Idee der Lifestyle-Pille für jeden Mann hat sich nicht bewahrheitet. Der durchschnittliche Viagra-Konsument ist um die 60." Für viele sei es schlicht beruhigend, dass es die Tabletten gebe: "Die Mittel haben den Älteren Mut gemacht. Die wissen jetzt: Auch ich mit meinen 50, 60 Jahren kann noch befriedigenden Sex haben."

Und so haben Ärzte heute ein wirksames, einfach einzunehmendes Mittel zur Hand, um vielen Männern und Paaren die verloren geglaubte Sexualität zurückzugeben: "Die Tabletten wirken bei 70 bis 80 Prozent der Männer gut. Gerade wenn die Potenzprobleme durch Stress oder Versagensängste verursacht sind", sagt Hartmut Porst, der eine urologische Praxis in Hamburg betreibt und als Experte in Sachen Viagra, Cialis und Levitra gilt. Über des Professors Schreibtisch ging bisher jede Pille, die auf dem Markt zu haben ist.

Gezeigt hat sich: Männern mit gefäßbedingter Potenzschwäche können die Mittel nicht so zuverlässig helfen. Unter Patienten mit Arteriosklerose, Bluthochdruck oder Diabetes spricht nur etwa jeder zweite darauf an. Noch schlechter wirken sie bei Männern nach einer größeren Prostata-Operation, wie sie Walter Raaflaub durchmachte. Inzwischen kann er aber mithilfe von Cialis und einer Vakuumpumpe wieder eine Erektion und Sex haben.

Angst vor Gespräch über Intimitäten

Oft kommen mehrere Faktoren zusammen, wenn Männer schlappmachen: Wer ein paarmal versagt hat, steigert sich in die Furcht vor dem nächsten Flop hinein. Je mehr man will, desto weniger kann man. Als Stephan Rieck sich im Mai 2005 in seine Freundin Regina verliebte, quälte ihn die Frage, wie wohl die erste Nacht sein würde. Rieck war 51 und hatte seit Jahren den Verdacht, "dass ich mich nicht mehr hundertprozentig auf mich verlassen konnte. Natürlich wollte ich mich nicht blamieren". Leider passierte im entscheidenden Moment wenig. Und die Geschichte vom unbequemen Kondom nahm ihm Regina nicht ab: "Als er erzählt hat, dass das nicht die erste Panne war, habe ich gesagt: Lass uns zum Arzt gehen."

Der Urologe stellte eine Art "Leck" in den Blutgefäßen des Gliedes fest: Eine Vene konnte das angestaute Blut der Erektion nicht halten. Die ständige Sorge vor dem Scheitern hatte das Problem verschlimmert. Der Arzt verschrieb Levitra. Es wirkte bei Stephan Rieck schon beim ersten Versuch: "Das war für mich eine Riesenerleichterung, ich konnte mich im Bett endlich wieder entspannen."

Interessanterweise geht ein Großteil der Männer mit Potenzschwäche aber nie zum Arzt. Viele hält die Angst vor einem Gespräch über Intimitäten zurück. Andere haben sich offenbar mit dem Problem arrangiert: Von den deutschen Männern, die in einer Umfrage eine Erektionsstörung vermeldeten, war nur jeder dritte mit seinem Sexleben so unzufrieden, dass er sich eine Behandlung wünschte. Der Rest scheint damit leben zu können, dass man nicht mehr zündet wie mit zwanzig. Auch unter den Potenzmittelkonsumenten verlängert nur jeder zweite sein Rezept. Befragt nach dem Warum, gaben die Männer an, die Mittel seien zu teuer oder man habe das Interesse am Sex verloren.

Häufig ist gar nicht der Sex das Problem

Frank Sommer, Professor für Männergesundheit am Universitätsklinikum Hamburg- Eppendorf, hält den sexuellen Appetit der Deutschen für überschätzt: "Potenzmittel werden pro sexuellem Akt verschrieben. Als die Mittel vor zehn Jahren auf den Markt kamen, glaubte man, dass die Deutschen viel häufiger Sex hätten. In Wirklichkeit ist aber die Frequenz, mit der deutsche Paare ins Bett gehen, seit 30 Jahren um etwa die Hälfte zurückgegangen." Dazu trage das hektischere Berufsleben genauso bei wie die vielen Freizeitangebote, die Paaren immer weniger Zeit und Kraft fürs Liebesspiel ließen.

In Studien gaben viele Männer an, die Potenzmittel hätten "ihre Erwartungen nicht erfüllt" - die Frage ist nur, weshalb? Hatten die Mittel gewirkt, aber die Erfüllung blieb aus? Die von Günther Steinmetz gegründete "Selbsthilfegruppe Erektile Dysfunktion" bekommt viele Anrufe, Mails und Briefe von Männern, die vor allem ihre Potenzschwäche für sexuellen Frust verantwortlich machen. Oft hegen sie die Hoffnung, eine Pille werde es richten. Anscheinend herrsche in deutschen Schlafzimmern große Sprachlosigkeit, sagt Steinmetz: "Viele Männer mit Erektionsstörungen fürchten, dass sie den sexuellen Ansprüchen der Partnerin nicht mehr genügen. Allerdings wissen sie oft nicht, was ihre Partnerin wirklich wünscht, weil darüber nicht geredet wird." Auch Urologe Porst muss die Erwartungen von Patienten häufig dämpfen: "Männer werden durch eine Tablette keine besseren Liebhaber. Wenn der Sex vor Eintritt der Potenzstörung unbefriedigend war, bleibt er das meist auch."

Häufig ist gar nicht der Sex das Problem, sondern ein Beziehungskonflikt. Ein solches Paar ist beim Psychotherapeuten besser aufgehoben als in der Apotheke. Haben die Tabletten das Thema Impotenz aus der Tabuzone befördert? Immerhin gehen Männer heute früher zum Arzt, weil sie wissen, dass es Hilfe für ihr Problem gibt. In Familie und Freundeskreis allerdings ist das Thema immer noch nicht salonfähig, sagt Psychologe Uwe Hartmann: "Jeder redet über seinen Herzinfarkt oder seine Magengeschwüre. Aber nicht darüber, dass man im Bett nicht kann." Manche Dinge ändern sich nie.

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