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Virenalarm: Geflügelindustrie fürchtet den GAU

Die Vogelgrippe hat Deutschland erreicht und die Geflügelindustrie wird nervös - im Extremfall müssten Millionen Masthähnchen getötet werden. Der Krisenstab diskutierte schon mal, wer den Schaden bezahlen soll.

Von Lutz Kinkel

"Es besteht keine Gefahr für die Bevölkerung", "Sie können ruhig weiter Hühnchen essen", "Das Geschehen ist äußerst dynamisch", "Es gibt weitere Verdachtsfälle, die abgeklärt werden müssen" - es ist genau diese Mischung aus beruhigenden Formeln und abstrakten Warnhinweisen, die dem Zuhörer klar macht, dass die Lage nur eine Handbreit vom Desaster entfernt ist. Sollte sich die Vogelgrippe in Deutschland ausbreiten und auf Nutztiere überspringen, dann können die betroffenen Betriebe der Geflügelindustrie einpacken - ihr Bestand müsste getötet werden. Industrievertreter fragten deshalb beim Krisenstab Tierseuchenbekämpfung, der am Dienstag in Berlin tagte, bereits nach möglichen Entschädigungszahlungen. Das räumte Bundesagrarminister Horst Seehofer auf einer Pressekonferenz in der bayerischen Landesvertretung ein.

Das Geflügel in den Mästereien vorsorglich zu impfen, hat laut Seehofer keinen Sinn. Es gibt es zwar einen Impfstoff, aber der verhindert nur, dass die Krankheit ausbricht - und es wäre dann nicht mehr zu kontrollieren, welche Tiere tatsächlich infiziert sind. Befallene Tiere könnten das Virus dann unbemerkt weitergeben. Ein Experte im Krisenstab habe ihm gesagt, dass die Impfung die Krankheit nur "maskiert", erklärte Seehofer. Bis ein Impfstoff entwickelt sei, der die Krankheit auch sofort erkennbar mache, würden noch zwei bis drei Jahre ins Land gehen. Insofern bleibt dem Krisenstab einstweilen nur die Möglichkeit, maximale Vorsorge zu betreiben.

Appell an die Geflügelzüchter

Auf der Berliner Pressekonferenz wurden die Maßnahmen noch einmal im Detail vorgestellt. Aus einer Sperrzone von 10 Kilometern Durchmesser rund um den Fundort auf Rügen darf zehn Tage lang kein Geflügel exportiert werden. Geflügelschauen und -märkte werden bundesweit verboten. Außerdem muss das Federvieh in allen deutschen Betrieben spätestens am Freitag in den Stall gebracht werden. Seehofer appellierte an die Geflügelzüchter, dieser "Aufstallungspflicht" schon jetzt nachzukommen - schließlich liegt es nur an der Bürokratie, dass die Verordnung nicht früher in Kraft gesetzt werden kann.

Nicht zuletzt soll auch an den Grenzen besser überwacht werden. Bayerns Verbraucherminister Werner Schnappauf, der ebenfalls an der Pressekonferenz teilnahm, berichtete, dass seit Oktober 2005 allein am Münchner Flughafen drei Tonnen Geflügelfleisch im Gepäck von Reisenden gefunden worden sei. "Wir appellieren an die EU, die Außengrenzen strenger zu kontrollieren", sagte Schnappauf. Dafür müsse im Notfall auch das Schengener Abkommen punktuell aufgehoben werden. Auf der EU-Agararministerkonferenz am Montag wird das Thema nach Seehofers Angaben intensiv diskutiert.

Ob diese Maßnahmen ausreichen, um die Ausbreitung des Virus zu verhindern, ist indes zweifelhaft. "Wir müssen damit rechnen, dass weitere Fälle auftreten", sagte Till Backhaus, Agrarminister in Mecklenburg-Vorpommern. Die Einschätzung seines Kollegen Schnappauf ging noch weit darüber hinaus: "Ein großer Seuchenzug ist nicht mehr auszuschließen", sagte er. Ursache dafür seien nach Angaben der Minister vor allem die Zugvögel, die das Virus entlang ihrer Flugrouten verbreiten. Da sie ab März auch Deutschland überfliegen, "bleibt ein hohes Risiko", so Seehofer. Die Lage sei sehr ernst.

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Zurückhaltung bei Geflügelfleisch befürchtet

Die Bevölkerung kann sich angeblich noch sicher fühlen. "Es gibt keine Gefährdung, es bleibt eine Tierseuche", erklärte Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt auf der Pressekonferenz knapp. Allerdings wies sie ebenso wie Seehofer, Schnappauf und Backhaus nachdrücklich darauf hin, dass bestimmte Sicherheitsmaßnahmen eingehalten werden müssten. Jeder, der totes oder krankes Federvieh sieht, sollte sich davon fern halten und seine Beobachtung der Polizei oder dem lokalen Veterinäramt melden. Darauf müsse man insbesondere Kinder aufmerksam machen, sagte Seehofer.

Zum Verzehr von Geflügel merkte er an, dass das Virus bei 70 Grad abgetötet werden werde. Gekochtes und gebratenes Hühnerfleisch kann man demnach ohne Bedenken essen. Ob die Deutschen darauf allerdings noch Appetit haben, ist nach den Erfahrungen mit der BSE-Krise unklar. "Dass solche Ereignisse zu Reaktionen bei den Verbrauchern führen, ist unbestritten", prophezeite Seehofer.

Unter dem Strich machte die Berliner Pressekonferenz damit deutlich, dass die Vogelgrippe eine zeitliche Abfolge von Opfern produzieren wird: Zunächst verenden die Tiere selbst, dann wird es die Geflügelindustrie treffen und zuletzt könnte der Mensch an der Reihe sein. Noch ist innerhalb der Europäischen Union kein Todesfall aufgetreten, aber die Gefahr ist nicht auszuschließen. Nicht umsonst hat die Bundesregierung 20 Millionen Euro bewilligt, um die Entwicklung eines Impfstoffes für Menschen zu beschleunigen.

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