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Pandemie Warum viele Corona-Fälle das Risiko für Mutationen erhöhen

Coronavirus
Coronavirus (Illustration)
© loops7 / Getty Images
Die Corona-Mutanten, die zuerst in Großbritannien, Brasilien und Südafrika nachgewiesen wurden, sorgen für Schlagzeilen. Experten sagen: Es ist kein Zufall, dass sie gerade jetzt auftreten. 

Wenn sich Viren vermehren, gibt es immer wieder minimale Veränderungen im Erbgut. Die meisten dieser Mutationen sind unbedeutend. Aber einige können dem Virus einen entscheidenden Vorteil verschaffen. Das scheint bei den Virus-Varianten, die vor Kurzem in Großbritannien, Südafrika und Brasilien festgestellt wurden, der Fall zu sein. Was ist bekannt über diese Mutanten? Und welche Faktoren führen dazu, dass sie entstehen?

Mehr Infektionen - mehr Mutationen     

Je mehr Fälle und damit mehr Übertragungen es gibt, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass eine bedeutsame Mutation auftritt, wie die Epidemiologin Emma Hodcroft von der Universität Bern erklärt. "Das maximiert die Möglichkeit, dass das Virus auf ein Szenario oder einen Menschen trifft, in dem es sich auf eine Art verändert, die wir nicht wollen."

Im Umkehrschluss bedeutet das: "Reduziert man die Zahl der Infektionen, grenzt man das Spielfeld für das Virus ein", so Hodcroft.   

Immundruck erzeugt Mutationen     

Wissenschaftler sind nicht überrascht, dass die Mutanten ein Jahr nach Beginn der Pandemie aufgetreten sind. Das habe mit der zunehmenden Immunität durch die Vielzahl der Infektionen und jüngst auch die Impfung zu tun, sagt Wendy Barclay, Virologin am Imperial College in London. "In Südafrika und Brasilien, wo problematische Varianten auftauchten, gab es bereits einen recht hohen Anteil von Antikörperreaktionen durch Menschen, die infiziert und genesen waren", sagt Barclay.    

Andere Experten bezweifeln jedoch, dass die größere Immunität die neuen Virus-Varianten hervorgebracht hat. "Es ist wahrscheinlicher, dass die Veränderung des Virus innerhalb eines Patienten stattgefunden hat", sagt der Virologe Björn Meyer vom Institut Pasteur in Paris, mutmaßlich bei einem Menschen mit einem geschwächten Immunsystem.         

Verweildauer des Virus in einzelnen Menschen als Faktor für Mutationen

Während Sars-CoV-2 im Schnitt etwa zehn Tage in einem Menschen überlebt, haben Studien gezeigt, dass manche Immunschwache den Erreger mehrere Wochen oder sogar Monate in sich tragen. Auch ein schwaches Immunsystem wehrt sich gegen das Virus, kann es aber nicht vollständig beseitigen.

Angesichts dieses Immundrucks ist "das Virus gezwungen zu mutieren. Entweder es mutiert und lernt, dieser partiellen Immunantwort zu entgehen, oder es stirbt", sagt Meyer. Ansteckendere Varianten hätten sich vermutlich erst später in der Pandemie entwickelt, weil immunsupprimierte Menschen sich monatelang abgeschirmt und selten infiziert hätten, so der Virologe. Aber mit steigender Zahl der Fälle wachse auch die Gefahr, dass das Virus immunsupprimierte Patienten infiziert und bei ihnen signifikant mutiert.         

Mutation als Verbreitungsstrategie    

Die offenbar ansteckendere britische Coronavirus-Variante B.1.1.7 wird für den rasanten Anstieg der Infektionen und Todesfälle in Großbritannien verantwortlich gemacht. Eindeutige Beweise, dass die Mutante auch tödlicher ist, gibt es derzeit nicht.     

"Man kann dieses Risiko aber nicht ausschließen", sagt der Virologe Meyer. Der britische Premierminister Boris Johnson formulierte am Freitag, es gebe "Hinweise", dass B.1.1.7 "mit einer höheren Sterblichkeitsrate in Verbindung gebracht werden" könne.    

Unabhängig davon, wie genau die neuen Corona-Varianten entstanden, spielt auf jeden Fall die natürliche Selektion eine Rolle. "Es ist ein normaler Wettbewerbsprozess, bei dem der Beste gewinnt: Jenes Virus, das am besten übertragen werden kann und am ehesten in der Lage ist, die Virusart zu erhalten", sagt der belgische Infektiologe Yves Van Laethem. Deshalb rechnen die Forscher damit, dass weitere problematische Mutanten auftauchen.     

Vielleicht gibt es sie auch bereits. Weil die Corona-Fallzahlen exponentiell wachsen, sei es "nicht schwer zu argumentieren, dass mehr besorgniserregende Varianten diesen Winter entstanden sind", schrieb etwa der Biologe Carl Bergstrom von der University of Washington auf Twitter.

Amélie Bottolier-Depois/ikr AFP

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