Zahnpflege Vorsicht, Schmelzfresser!


Zahnmediziner beobachten eine extreme Zunahme von Zahnerosion. Die Ursache: Säure aus Lebensmitteln. Häufig betroffen sind Menschen, die ihre Zähne übergründlich putzen.
Von Marion Schmidt

Da will man sich zum Frühstück etwas Gesundes gönnen, presst sich ein Glas frischen Orangensaft - und greift damit seine Zähne an. Die gehen davon nicht sofort kaputt. Aber jedes Mal attackiert die Fruchtsäure der Orange den Zahnschmelz. Das dauert nur wenige Minuten. Doch die reichen, um den Schmelz aufzuweichen, Kalzium und Phosphat herauszulösen und so den Zahn zu demineralisieren. Auf Dauer wird er dadurch dünner, empfindlicher, brüchiger, vergleichbar mit einem Gletscher, der langsam schmilzt. Wenn oberflächlich schichtweise Zahnhartsubstanz abgetragen wird, sprechen Mediziner von Zahnerosion.

Der schleichende Substanzverlust ist ein wachsendes Problem. "In den letzten zehn Jahren ist eine extreme Zunahme zu beobachten", sagt Brita Willershausen, Leiterin der Poliklinik für Zahnerhaltungskunde an der Universität Mainz. Zahnerosionen werden zu einer ernsthaften Konkurrenz des Zahnkillers Karies. Während bei Karies Zucker ein zentraler Auslöser ist, ist es bei Zahnerosion Säure. Zwar ist Zahnschmelz die härteste Substanz, die der Körper bilden kann. Fortwährenden Säureattacken hat er dennoch auf Dauer wenig entgegenzusetzen.

Säuren stecken in vielen Nahrungsmitteln und Getränken

Häufig von Erosion betroffen sind auch Menschen, die unter Sodbrennen leiden oder sich häufig erbrechen müssen, weil dabei Magensäure in den Mund gelangt. Vor allem aber spielen Ernährungsgewohnheiten eine entscheidende Rolle. Säuren stecken in vielen Nahrungsmitteln und Getränken: in Obst, Essig, Fruchtsäften, Cola, Sportgetränken, Wein, Sekt und Produkten mit Ascorbinsäure (Vitamin C).

Wie zahnschädlich ein Getränk ist, hängt unter anderem von seinem pH-Wert ab. "Unter 5,5 beginnt die Schmelzerosion", sagt die Chemikerin und Professorin für Zahnmedizin Brita Willershausen. Viele Softdrinks haben einen pH-Wert von etwa 3 - sind also klar sauer. Cola zum Beispiel oder Orangensaft senken den pH-Wert im Mund rapide ab und hinterlassen ein spürbar raues Gefühl auf den Zähnen. Vielen Limonaden wird aus geschmacklichen Gründen Zitronensäure beigemengt und die erhöht - in größeren Mengen - eindeutig das Risiko für Zahnschäden, stellte das Bundesinstitut für Risikobewertung in einer Stellungnahme vor zwei Jahren fest. Bislang wurden keine Grenzwerte für Zitronensäure in Getränken festgelegt - obwohl immer mehr Menschen Softdrinks und Energydrinks trinken.

So häufen sich die Erosionen weiter. Wie viele Menschen tatsächlich betroffen sind, lässt sich jedoch schwer sagen; es gibt nur wenige Studien dazu. Und die sind schwer miteinander vergleichbar, weil es keinen allgemein verbindlichen Mess-Index für erosive Zahnschäden gibt. Entsprechend stark variieren die vorliegenden Daten zur Häufigkeit teilweise: Bei der Dritten Deutschen Mundgesundheitsstudie (DMS III) wurden Schmelzerosionen bei mehr als zehn Prozent der 35- bis 44-jährigen Erwachsenen festgestellt, teilweise gingen sie bis ins Zahnbein (Dentin). Bei einer Schweizer Studie wurden sogar im Gebiss von mehr als 40 Prozent der Untersuchten im Alter von 46 bis 50 Jahren Erosionsschäden erkannt.

Die Schneidekanten werden dünner, die Kauflächen flachen ab

Erosionen sind zunächst schmerzlos und im Anfangsstadium selbst für Zahnärzte schwer erkennbar. Betroffene Zähne zeigen eine matte, später eine eingedellte und gestufte Oberfläche. Sie wirken dunkler, weil durch den dünner werdenden Schmelz das Dentin erkennbar wird. Die Schneidekanten werden dünner, die Kauflächen flachen ab. Die Zähne werden schmerzempfindlicher gegen Heißes und Kaltes. Betroffene Zähne heilen sich nicht selbst, aufgelöster Zahnschmelz ist unwiederbringlich weg. "Ein Zahn lässt sich zwar wieder mineralisieren, aber nicht wieder reparieren", erklärt der Hamburger Zahnarzt Jürgen Herget.

Zahnerosion ist, anders als Karies, keine Folge schlechter Mundhygiene, im Gegenteil: Sie tritt häufig bei Menschen auf, die sich besonders gesundheitsbewusst verhalten, viel frisches Obst essen - und oft und gründlich ihre Zähne putzen. Nach dem Motto: "Viel hilft viel!" bürsten sie ihre Beißer vor dem Essen, nach dem Essen, morgens, mittags, und abends.

Doch falsches Putzen zur falschen Zeit kann dem Zahn richtig schaden: Wer auf ohnehin aufgeweichten Zähnen kräftig herumschrubbt, bürstet sich noch mehr Schmelz weg. Das nennt sich dann Abrasion und ist der mechanische Prozess; Erosion ist der chemische. "Wenn beides zusammenkommt, ist das ganz gefährlich", sagt Brita Willershausen.

Vor allem Frauen neigen zu schädigendem Putzverhalten

Nach der Erfahrung des Zahnarztes Jürgen Herget sind es vor allem Frauen, die zu schädigendem Putzverhalten neigen. Statt in kreisenden Bewegungen von Rot nach Weiß schrubben sie eher horizontal, dazu noch mit einer zu harten Zahnbürste und einer falschen Zahncreme mit zu vielen Schleifpartikeln und zu hohem Druck. "Viele Frauen denken, sie könnten ihre Zähne weiß putzen", so Herget weiter, "das ist Blödsinn."

Ein echtes Putz-Dilemma: Wer zu viel putzt, zerstört den Zahnschmelz. Wer zu wenig putzt, bekommt schneller Karies. Was also tun?

Wer zu Erosionen neigt oder gar schon geschädigten Zahnschmelz hat, sollte darauf achten, beim Essen säurehaltige und kalziumhaltige Nahrungsmittel zu kombinieren, um so die Säure zu neutralisieren. Das gelingt jedoch nur, wenn beides unmittelbar zusammen verzehrt wird - zum Beispiel Orangensaft mit Kalzium oder Obst mit Joghurt. Joghurt enthält Kalzium und Phosphat, Mineralstoffe, die dem Zahn wieder zugeführt werden.

Speichel trägt zur Remineralisierung bei

Das Stück Käse nach dem Glas Wein kann hingegen nicht mehr viel ausrichten. Nach dem Essen (und Trinken von säurehaltigen Getränken), so empfehlen Experten vielfach, sollte man deshalb mindestens eine halbe Stunde, besser noch eine Stunde warten, bis man sich die Zähne putzt. Sonst verstärkt Abrasion den Abbau zusätzlich. In der Wartezeit trägt Speichel zur Remineralisierung bei. Die darin enthaltenen Enzyme wirken auch puffernd, das heißt, sie können Säuren teilweise abwehren und die Zahnoberflächen schützend bedecken.

Wer nicht die Zeit hat, so lange mit dem Putzen zu warten, sollte den Mund kurz mit einer fluoridhaltigen Mundspüllösung oder einfach mit Milch ausspülen, um die Zähne wieder zu mineralisieren. Oder einen zuckerfreien Kaugummi kauen, damit der Speichel ordentlich fließt und dadurch die Säure schnell neutralisiert wird.

Beim Putzen empfiehlt es sich, eine weiche Zahnbürste zu benutzen und keine abrasiven Zahncremes mit Schmiergelpartikelchen. Maß für die Abriebwirkung einer Zahnpasta ist der RDA-Wert (für: Radioactive Dentin Abrasion). Er ist oft auf der Packung angegeben - wenn nicht, geben die Hersteller über ihre Kundentelefone Auskunft. RDA-Werte von etwa 30 gelten als gering abrasiv, solche über 150 als stark abrasiv. Die gesetzlich erlaubte Obergrenze liegt bei 250 RDA.

Fluorid: Schutzschild für die Zähne

Das wirksamste Mittel gegen Zahnerosion ist Fluorid. "Damit lässt sich die Abnutzung des Zahns zwar nicht rückgängig machen, aber immerhin stoppen", sagt die Oberärztin Carolina Ganß. Sie betreut am Universitätsklinikum Gießen und Marburg eine Erosions-Sprechstunde. Fluorid ist in jeder Zahncreme enthalten, meist mit einem Anteil von etwa 1400 ppm (millionstel Teilen). Diese Konzentration reicht normalerweise für die tägliche Zahnpflege aus. Einmal wöchentlich empfiehlt Ganß, zusätzlich ein Fluoridgel aufzutragen; es enthält fast die zehnfache Dosis und legt sich wie ein Schutzschild über die Zähne. Um die Wirkung zu verstärken, sollte es am besten vor dem Schlafengehen angewendet werden - anschließend nicht ausspülen, sondern nur ausspucken.

Wer seinen Zähnen die Säure von Cola oder Orangensaft ersparen möchte, kann auch den Trick beherzigen, den sich die Zahnmedizinerin Brita Willershausen für ihre beiden Kinder ausgedacht hat: einfach mit einem Strohhalm trinken.

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