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Zehn Jahre Viagra: Stütze auf Rezept

Eine Pille hat Geburtstag: Seit zehn Jahren gibt es Viagra. Tabletten wie die berühmten blauen Rauten helfen drei von vier Männern mit Erektionsproblemen. Mit Aphrodisiaka haben die Präparate allerdings nichts zu tun. Sie fördern lediglich die Durchblutung an entscheidender Stelle.

Von Nicole Heißmann

Entdeckt wurde die Wirkung von Viagra eigentlich eher zufällig: Das Pharma-Unternehmen Pfizer testete Anfang der 1990er-Jahre ein neues Medikament gegen Erkrankungen der Herzkranzgefäße. Männliche Probanden berichteten begeistert von härteren Erektionen als "Nebenwirkung". Heute ist Viagra ein bekanntes Mittel gegen Erektionsprobleme. Seit März 1998 ist die blaue Raute in den USA, seit September 1998 in Europa zugelassen.

Wer das Mittel mit dem Wirkstoff Sildenafil nutzt, nimmt eine Tablette etwa eine Stunde vor dem Verkehr. Die Wirkung soll mehrere Stunden anhalten. Neben Viagra sind zwei weitere Produkte in Deutschland auf dem Markt: Cialis (Wirkstoff: Tadalafil) - eine hellgelbe, mandelförmige Tablette - wirkt angeblich besonders lange: Sie soll bis zu 36 Stunden lang eine Erektion möglich machen. Levitra (Wirkstoff: Vardenafil) - orangefarben und rund - soll besonders schnell und mehrere Stunden lang wirken.

Botenstoff zur Muskel-Entspannung

Soll der Penis stramm stehen, müssen seine beiden Schwellkörper sich locker machen. Die bestehen aus schwammartigem Muskelgewebe mit vielen kleinen Hohlräumen. Nur in entspanntem Zustand kann dort genug Blut hineinströmen, um ein hängendes Glied aufzurichten. Bei sexueller Erregung wird in den Schwellkörpern zyklisches Guanosin-Monophosphat (cGMP) gebildet. Dieser Botenstoff entspannt die Penis-Muskeln, wird aber ständig vom Enzym Phosphodiesterase-5 (PDE-5) abgebaut. Das lässt das Glied wieder erschlaffen. Die Tabletten Viagra, Cialis und Levitra sind so genannte PDE-5-Hemmer. Sie bremsen die Phosphodiesterase-5 aus und halten so die cGMP-Konzentration hoch: Der Penis steht, die Erektion kann länger gehalten werden. Ohne sexuelle Reize bewegen die Tabletten allerdings nichts. Auch Leidenschaft und Orgasmusfähigkeit werden durch Viagra, Cialis und Levitra nicht befeuert - höchstens durch einen gewissen Placebo-Effekt.

Die Pillen werden eine halbe bis eine Stunde vor dem Sex geschluckt. Sie sind ähnlich wirksam und zeigen vergleichbare, meist milde Nebenwirkungen wie Kopf- und Muskelschmerzen, Gesichtsrötung oder Erkältungssymptome (verstopfte Nase). Nach Einnahme von Viagra berichteten Patienten zudem öfters über einen Blauschleier im Sehfeld. Wer vor kurzen einen Herzinfarkt, Schlaganfall oder eine Durchblutungsstörung am Auge hatte, darf die Mittel nicht schlucken. Sie sollen auch nicht mit Blutdruck-Senkern wie Nitraten kombiniert werden, weil sie deren Wirkung lebensgefährlich verstärken können.

Todesfälle bei anstrengendem Sex

Leidet ein Patient an so schweren Krankheiten, dass er Anstrengungen wie Sex ganz meiden soll, dürfen Präparate wie Viagra nicht verschrieben werden. Todesfälle im Zusammenhang mit PDE-5-Hemmern wurden im Nachhinein meist darauf zurückgeführt, dass sich Patienten mit Herzproblemen beim Sex übernommen hatten. Als gescheitert gilt eine Behandlung mit PDE-5-Hemmern, wenn sechs Versuche, mithilfe der Tabletten wieder Sex zu haben, misslungen sind.

Alle drei Präparate sind verschreibungspflichtig. Jeder Mann sollte sich vor der Einnahme ärztlich untersuchen und vor allem den Zustand seiner Blutgefäße testen lassen. Dabei sollte der Arzt unter anderem nach Dauer und Details der Erektionsstörung sowie nach anderen Krankheiten wie Arteriosklerose, Diabetes oder Bluthochdruck fragen.

Diagnose und Beratung werden von den gesetzlichen Kassen übernommen, die Tabletten müssen aber selbst bezahlt werden: bei Kosten von zehn bis 15 Euro pro Pille eine teure Angelegenheit. Gelegentlich übernehmen private Kassen bei bestimmten Vorerkrankungen die Kosten. Aufschluss geben auch der Versicherungsvertrag oder das Leistungsverzeichnis der Kasse. Von Mitteln, die Händler im Internet anbieten, muss abgeraten werden, es kursieren gefälschte Präparate mit unbekanntem Wirkstoffgehalt. Sogar in angeblich "rein pflanzlichen" Potenzmitteln wurden schon hoch wirksame synthetische PDE-5-Hemmer gefunden.

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