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"Machtergreifung" Aufstieg der "Deutschlandpartei" – ein verstörender Roman eines AfD-Insiders

Die Sonne geht hinter der Kuppel des Reichstagsgebäudes auf. Rechts oben: Der Einband des Buches "Machtergreifung"
Die Sonne geht hinter der Kuppel des Reichstagsgebäudes auf. Rechts oben: Der Einband des Buches "Machtergreifung" des Autors Ferdinand Schwanenburg (Pseudonym).
© Christoph Soeder/-/EUROPA VERLAG / DPA
Fallschirmjäger, die in Berlin-Mitte Wache schieben. Eine völkische Partei, die nach einem Erdrutschsieg in Deutschland den Ton angibt. Wer "Machtergreifung" liest, weiß manchmal nicht, ob er lachen oder sich gruseln soll.

Mit einem ins Groteske changierenden Schlüsselroman will ein früherer Mitarbeiter der AfD auf die Gefahr aufmerksam machen, die seiner Ansicht nach von der Partei ausgeht. "Ich habe relativ schnell festgestellt, dass ich hier nicht richtig bin", sagte der Autor der Deutschen Presse-Agentur über seine Zeit bei der AfD. "Da träumen viele von Revolution und haben Gewaltfantasien", fügte er hinzu. Seine Dystopie mit dem Titel "Machtergreifung" hat er unter dem Pseudonym Ferdinand Schwanenburg verfasst. Unter den Mitarbeitern der AfD-Fraktionen seien auch Menschen, die das heutige Programm der Partei ablehnten, aber aus Sorge, nach einer Tätigkeit für die AfD keinen anderen Job mehr zu finden, in ihrer jeweiligen Position verharrten, sagte er.

Der Autor hatte zwischen 2015 und 2017 für verschiedene Fraktionen der AfD gearbeitet. Heute sagt er, das "parteiinterne Spitzelsystem", das er in der Partei erlebt habe, sei in der Realität "noch schlimmer als im Roman" geschildert. Als er 2015 bei der AfD angeheuert habe, sei ihm diese als eine bürgerliche Partei erschienen, "die auf dem Boden der freiheitlich-demokratischen Grundordnung steht". Erst durch seine Arbeit für die Fraktionen habe er "gesehen, dass viele Funktionäre der Partei nicht im demokratischen Spektrum verortet sind". Er sagte: "Heute sehe ich die Partei als eine Gefahr für die Demokratie." Die Figuren seines Romans beschrieb Schwanenburg als "Collagen" und idealtypische Charaktere. 

Greis mit Gartenzwergkrawatte und völkischer Posterboy

Ein greiser Fraktionschef mit Gartenzwergkrawatte, ein stramm rechter Strippenzieher, von dem plötzlich alte Fotos aus einem Zeltlager von Rechtsextremisten auftauchen. "Machtergreifung" beginnt wie ein Schlüsselroman, die Protagonisten wirken teilweise vertraut. Der Autor verwendet einzelne Satzfetzen aus öffentlichen Äußerungen und Reden von Politikern der AfD und legt sie seinen Romanfiguren in den Mund.

Die von Intriganten und gefährlichen Extremisten dominierte Partei, deren Aufstieg der am kommenden Montag im Europa-Verlag erscheinende Roman beschreibt, nennt sich "Deutschlandpartei". Zu den Protagonisten zählt neben dem skrupellosen Strippenzieher Friedrich Sehlings ein eitler Herr Lehmann, der "völkische Posterboy", der Partei.

Versteckspiel bei den Figuren

Doch nicht nur Berliner Journalisten, politische Beobachter und Gegner der AfD kommen bei der Lektüre dieses Romans, der streckenweise ins Boulevardeske und Absurde abdriftet, auf ihre Kosten. Auch die darin skizzierten Politiker der "Christpartei" und der "Ökopartei" sind Figuren, die seltsam bekannt anmuten – ebenso wie die schöne, geistreiche Annerose Nesserland, die im linken Lager so manchen Grabenkampf zu bestehen hat. Wer die Facetten der einzelnen Romanfiguren betrachtet, kann "Machtergreifung" wie ein Ratespiel lesen. Und sich fragen: Haben ihn hier vielleicht die stets gut sitzenden Anzüge von Ex-Außenminister Joschka Fischer inspiriert? Oder: Wer mag wohl alles Pate gestanden haben bei der Figur des "Oberst"? Der gibt in der "Deutschlandpartei" zwar gerne den Ton an, reagiert im entscheidenden Moment dann aber doch ganz flexibel. Der Autor hat Spaß an seinem Versteckspiel. Ihm sei es darum gegangen, die Figuren "idealtypisch" anzulegen im Sinne des Soziologen Max Weber (1864-1920), sagt er bei einem Interview in einem Berliner Park. 

Gauland: AfD-Beobachtung durch Verfassungsschutz entbehrt jeder Grundlage

Die Story von "Machtergreifung" ist schnell erzählt: Eine neue Partei, die Wirtschaftsliberale, Erzkonservative und Rechtsextremisten unter einem Dach vereint, sorgt für Aufruhr in der Hauptstadt. Noch härter als den politischen Gegner bekämpfen die Funktionäre der "Deutschlandpartei" einander. "Barbarossa", ein rechter Vordenker mit Landsitz und großer Kinderschar, liefert das "geistige Manna" für das "Deutsche Herz", die Vereinigung der Völkischen in der "Deutschlandpartei".

Historische Anspielungen und Versatzstücke

Zu den Gegenspielern der Partei gehören die "Ökorebellen" mit ihrer charismatischen Anführerin Simone Satellit. Auch die Aktionen dieser Bewegung verfolgt die klischeehaft skizzierte ehrgeizige Journalistin Florentine Fischer, die als Nichte des Herrn mit der Gartenzwergkrawatte immer exklusive Nachrichten aus der "Deutschlandpartei" an Land zieht.

Zum Kosmos des von idealtypisch angelegten Figuren bevölkerten Berlins, den der Autor beschreibt, gehören außerdem eine islamistisch orientierte Partei, die sich "Migrantische Alternative" nennt, und eine moderne, demokratische "Migrantenpartei", die sich als Gegenpol zu den Islamisten versteht.

Mit historischen Anspielungen und Versatzstücken treibt der Romancier seine Handlung voran, zündet links und rechts aber immer auch ein paar Nebelkerzen. Der Vergleich mit der Spätphase der Weimarer Republik darf hier natürlich nicht fehlen. Die "Diskrepante Bewegung" und die "Braunpullover" werden schließlich beide als paramilitärische Organisationen der "Deutschlandpartei" anerkannt. Dazu gibt es jede Menge Sex and Crime und ein Virus, dessen Auftauchen die Umfragewerte der "Deutschlandpartei" zeitweise in den Keller rauschen lässt. 

Identität des Autors soll im Herbst gelüftet werden

Wie vor diesem Hintergrund die Bundestagswahl ausgeht, soll an dieser Stelle noch nicht verraten werden – genauso wenig wie die Identität des Endvierzigers, der den Roman verfasst hat. Die will der Europa-Verlag erst im kommenden Herbst preisgeben.

Nur so viel sei gesagt: Für die "Christpartei", die im Roman nach der ersten Kanzlerin dann den ersten homosexuellen Regierungschef Deutschlands gestellt hat, gibt es in dieser Dystopie nach der Bundestagswahl ein böses Erwachen. Und Sehlings, der überall in der eigenen Partei Informanten platziert hat, schreckt auch im Umgang mit politischen Weggefährten nicht vor Mord und Totschlag zurück. Nicht nur der promovierte Jurist mit der Gartenzwergkrawatte wird von ihm kaltblütig aus dem Weg geräumt.

Der Roman "Machtergreifung" von Ferdinand Schwanenburg erscheint am 12. April im Europa Verlag, Preis: 24 Euro.

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rw / Anne-Beatrice Clasmann DPA

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