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Charlotte Roche: "Feuchtgebiete" schwappen in die USA

In Deutschland ist das Buch von Charlotte Roche ein Sensationserfolg – die "Feuchtgebiete" verkauften sich bisher 680.000 Mal. In 16 Sprachen wird das Werk übersetzt. Nun bereitet sich Amerika auf die Invasion von Hämorrhoiden und Analfissuren vor.

Von Ulrike Schäfer

Nur vier Monate nach Erscheinen von "Feuchtgebiete" zeichnet sich ab, dass Charlotte Roches Bestseller auch Amerika erobern wird. Das Buch, das sich hierzulande in vier Monaten 680.000 Mal verkauft hat, wird Ende 2009 in den USA erscheinen. Die Lizenz hat sich der amerikanische Verlag Grove Press gesichert, der mit heiklem Lesestoff vertraut ist: Die New Yorker verlegen unter anderem die Werke des Marquis de Sade.

Allein die Tatsache, dass der deutsche Bestseller nach England und Amerika verkauft wurde, ist eine Auszeichnung. Laut Claudia Paul, Pressesprecherin des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, kommt das eher selten vor. 2006 wurden nur 29 belletristische und 7 unterhaltende Bücher aus Deutschland in den englischsprachigen Raum verkauft, von insgesamt 772 bzw. 283 verkauften Lizenzen. Lediglich drei Prozent der in Amerika publizierten Bücher sind Übersetzungen aus dem Ausland. Die meisten deutschen Bücher gehen Richtung Osten: Polen und Tschechien greifen überdurchschnittlich oft zu. "Feuchtgebiete" verkaufte sich unter anderem nach Taiwan, Slowenien, Südkorea und Ungarn – insgesamt wird der Bestseller in 16 Sprachen übersetzt.

Eher anatomisch als erotisch

Nun bereitet sich Amerika auf die Invasion von Hämorrhoiden und Analfissuren vor: Angesichts der über den großen Teich schwappenden "Feuchtgebiete" erschien am Freitag vergangener Woche in der "New York Times" der erste ausführliche Bericht über den Hype um das Buch im Ursprungsland Deutschland. Der Autor des Artikels, Nicholas Kulish, ist Leiter des Berliner Büros der "New York Times" und selbst Schriftsteller. Deutschen werde manchmal vorgeworfen, in Sachen Literatur übermäßig analytisch zu sein, schreibt er. "Manchmal ist ein lustiges, dreckiges Buch nur ein lustiges, dreckiges Buch." Aber dieses Buch sei anders, meint Kulish, und habe nichts mit Pornografie zu tun.

Auch den Vorwurf, Roche nutze die Kombination aus Feminismus und Sex zur besseren Vermarktung hält Kulish für nicht angebracht – das Buch sei eher anatomisch als erotisch. Roche habe es geschafft, das bislang Unaussprechliche in ein landesweites Gesprächsthema zu verwandeln. Es sei schwierig, den Inhalt in einem Familienmagazin zusammenzufassen, gesteht Kulish und zieht sich mit einer groben Umschreibung aus der Affäre. Dabei sollte man meinen, dass New York gerade von der neu aufgeflammten "Sex and the City"-Euphorie erfasst und für heikle Themen offen ist. So hat ausgerechnet die pingelige Charlotte im neuen Kinofilm im wahrsten Sinne des Wortes die Hosen voll.

Zu drastisch für die USA?

Doch viel interessanter als den Inhalt des Buches findet der US-Autor die feministische Diskussion, die "Feuchtgebiete" ausgelöst hat. Es sei überraschend, so Kulish, dass ein Land mit einer weibliche Bundeskanzlerin und einem so fortschrittlichen Ruf noch Bedarf an einer solchen Diskussion habe. Doch die Deutschen hätten die altmodische Tendenz, von den Frauen eine Entscheidung zwischen Karriere und Mutterschaft zu erwarten. Es gebe erkennbare Probleme mit der Gleichberechtigung in Deutschland, was sich unter anderem in den mit 22 Prozent stark abweichenden Gehältern von Männern und Frauen zeige.

Kulish ist überzeugt, dass es in "Feuchtgebiete" um mehr geht als um einen Medienhype für Großstädter – Roche habe eines der letzten Tabus unserer Gesellschaft gebrochen. Mit seinem Artikel dürfte Kulish den Grundstein für einen Erfolg des Buches auf dem US-Markt gelegt haben. Hannah Johnson, Koordinatorin des German Book Office in New York, ist dagegen noch skeptisch. Sie rechnet mit heftigen Reaktionen auf das Buch in Amerika. "Sexualität ist oft ein kontroverses und polarisierendes Thema in den USA. Viele werden das Buch als Pornografie verstehen. Die Literaturkritik wird es aufgrund der expliziten Sprache wahrscheinlich ablehnen", prophezeit Johnson. In jedem Fall werde das Buch auch im Hinblick auf Themen wie die sexuelle Befreiung der Frau heftig diskutiert werden, glaubt sie.

Im Herbst wird man zunächst die Reaktionen in Italien und Holland beobachten können – in den übrigen 14 Ländern erscheinen die "Feuchtgebiete" erst im kommenden Jahr. Richtig spannend wird es dann noch einmal, wenn die Filmrechte verkauft sind: Noch befindet sich der Kölner Dumont-Verlag in Verhandlungen.

  • Ulrike Schäfer