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TV-Interviews zu Israel-Kritik: Grass trotzt dem Proteststurm

Nach seiner verbalen Provokation hält Günter Grass in seinem Haus bei Lübeck Hof für Journalisten. Seine Haltung bleibt unnachgiebig: Israels Atomwaffen gefährden den Weltfrieden.

Am Rande der kleinen Gemeinde Behlendorf bei Lübeck empfängt Günter Grass am Donnerstag auf seinem abgelegenen Anwesen Kamerateams, Fotografen und Pressevertreter. Wer erwartet hätte, der Literaturnobelpreisträger würde am Tag eins nach der Veröffentlichung seines umstrittenen Israel-Gedichts "Was gesagt werden muss" vor den Journalisten verbal zurückrudern oder sich gar entschuldigen, irrte. Ja, Israel gefährde mit seinen Atomwaffen den brüchigen Weltfrieden, bekräftigte der Autor der "Blechtrommel" in seinem Atelier.

In braunem Jacket und hellgrüner Cordhose, das Zündholz für die Pfeife entflammend, eröffnet der 84-jährige Schriftsteller sein Anliegen - offensiv und unmissverständlich. Ihm sei klar gewesen, eine Kontroverse auszulösen. Er wolle das Tabu brechen und Israels Atomwaffen öffentlich zum Thema machen und vor den verheerenden Folgen eines israelischen Angriffs auf Iran warnen.

"Ich hatte gehofft, dass es zu einer Debatte kommt. Aber was ich erlebe, ist ein fast wie gleichgeschaltete Presse. Ich bekomme haufenweise E-Mails von Menschen, die mir zustimmen. Das dringt aber nicht an die Öffentlichkeit", sagt Grass im "Tagesthemen"-Interview.

"Nur keine Angst vor dem Beifall der falschen Seite"

Sogar ein Dritter Weltkrieg könne bei einem Flächenbrand in Nahost drohen. Dabei sei ein Präventivschlag ohnehin nicht legitim und weder eine Atombombe Irans noch ein entsprechendes Raketenträgersystem nachgewiesen. Eine Schande sei dabei die Rolle Deutschlands als drittgrößter Waffenlieferant weltweit, der auch Israel atomwaffentaugliche U-Boote liefere.

Öffentlichkeit herzustellen, das ist Grass gelungen. Die internationale Kritik von Washington bis Tel Aviv scheint den alten Mann kaum zu berühren - oder bis zu diesem Zeitpunkt auch nur teilweise bekannt zu sein. Er selbst arbeitet nicht am Computer. Dafür schmerze ihn die seiner Meinung nach von Hass gegen ihn getragene Berichterstattung in einem Teil der deutschen Medien, insbesondere des Springer-Konzerns, sagt er.

Über die Bedrohung, die von Israel ausgehe, werde zu oft geschwiegen, sagte Grass. Der "Blödsinn und die Lügen", die Irans Präsident Mahmud Ahmadinedschad von sich gebe, seien hingegen bekannt. Grass nahm auch dazu Stellung, dass israelfeindliche Kommentatoren das Gedicht mit Zustimmung aufgenommen hätten: "Mein Standpunkt ist: Nur keine Angst vor dem Beifall der falschen Seite. Wenn man dem folgt, verbietet man sich selbst das Maul." Der Vorwurf, er sei Antisemit, sei absurd - sein Werk von der "Blechtrommel" bis zu seinem jüngsten Buch "Grimms Wörter" bezeuge das Gegenteil: "Ich äußere mich zum ersten Mal umfangreich in diesem Gedicht zu Israel - ich habe viele andere Dinge kritisch infrage gestellt, nämlich in erster Linie die Bundesrepublik betreffend, weil ich der Meinung bin, man muss erst vor der eigenen Haustür kehren, bevor man andere kritisiert."

Grass kommt selbst auf seine Waffen-SS-Zeit zu sprechen

Die Parallele zum Erscheinen seiner Biografie "Beim Häuten der Zwiebel" zieht Grass dann selbst. Sein Gedicht werde ohne jeden Grund in Zusammenhang damit gebracht, dass er als 17-Jähriger zum Ende des Zweiten Weltkriegs in die Waffen-SS gekommen sei.

Dem Chor der internationalen und nationalen Kritiker hält Grass die Unterstützer entgegen. Nein, nicht nur die Linke. PEN-Präsident Johano Strasser, der Autor Peter Schneider "und inzwischen ein ganzer Packen an E-Mails". Ob er Angst habe, Beifall von der falschen Seite zu bekommen, fragt ein Interviewer des Kulturmagazins "aspekte". Das negiert Grass und erinnert daran, in einer Rede sich kritisch über die DDR und die Bundesrepublik geäußert zu haben - "mit dem Ergebnis, dass das "Neue Deutschland" nur die Kritik an der Bundesrepublik druckte". Damit könne er leben.

Nach der vehementen Kritik an seinem späten Bekenntnis, in der Waffen SS gewesen zu sein, schrieb Grass 2007 den mit eindringlichen Zeichnungen und Lithografien ausgestatteten Gedichtband "Dummer August". Seine Selbstsicht, Opfer zu sein, formulierte Grass damals in dem Gedicht "Vergleichsweise": "Dem einen, dem anderen Kaninchen/das Fell über die Ohren gezogen/so sollte auch mir geschehen/auf daß ich nackt und bratfertig/dann mürbe und mundgerecht sei/die Leibspeise/mißliebiger Gäste."

Seinem Zorn über die Medien goss Grass in dem Gedicht "Was bleibt" in folgende Worte: "Dann aber schnitt ein Jemand/geschickt im Gewerbe der Niedertracht/einen Satz aus dem weitläufgen Gefüge/und stellte ihn aufs Podest/gezimmert aus Lügen." Der Umgang mit seinem Israel-Gedicht, das nicht in seiner Gänze wahrgenommen werde, sei eine Fortsetzung von damals, meint Grass.

jar/DPA/AFP / DPA