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Berlinale-Retrospektive: Frauen, von denen man träumte und träumt

In ihrer Retrospektive-Reihe wirft die Berlinale in diesem Jahr einen Blick zurück auf die Traumfrauen der 50er Jahre - und jeder darf mitträumen. Doch auch in wachem Zustand gibt es hier viel zu entdecken.

Von Carsten Heidböhmer

Die Berlinale-Retrospektive hat sich in diesem Jahr ganz den Leinwandheldinnen der 50er Jahre verschrieben. In einer eigenen Filmreihe werden die großen Ikonen des Weltkinos dieser Zeit präsentiert, darunter Hollywood-Stars von Marilyn Monroe und Grace Kelly über Audrey Hepburn bis hin zu Elizabeth Taylor. Aber auch europäischer Schauspielerinnen wie Hildegard Knef, Maria Schell, Brigitte Bardot und Anna Magnani wird hier gedacht. Insgesamt zeigt die Retrospektive 45 Filme, darunter Klassiker wie "Über den Dächern von Nizza", "Schnee am Kilimandscharo" und "Blondinen bevorzugt".

An den verschiedenen Filmen und Schauspielerinnen lässt sich beobachten, wie Weiblichkeit im internationalen Kino der Nachkriegszeit inszeniert wurde. Entgegen der weit verbreiteten Vorstellung, Frauen seien in den 50ern ausschließlich das Heimchen hinterm Herd gewesen, offenbaren diese Filme ein facettenreicheres Bild. Unter der Oberfläche der treu sorgenden Ehefrau und Mutter brodelte es gewaltig. Während der Kriegsjahre mussten viele Frauen an der Heimatfront "ihren Mann stehen". Nach Kriegsende traten sie zunächst wie selbstverständlich wieder ins zweite Glied zurück.

Keine Heimchen am Herd mehr

"Frauen sorgten dafür, dass sich die Verhältnisse wieder ordneten und übernahmen in dieser Zeit wieder eine stärkere Verantwortung für die Familie. Bei vielen Filmen wird aber deutlich, dass den Frauen diese Rolle zunehmend nicht mehr genügt hat, dass sie im Beruf und in der Partnerschaft mehr können", erläutert Hans Helmut Prinzler, Leiter der Retrospektive, im Gespräch mit stern.de. Es lastete damals ein großer gesellschaftlicher Druck auf den Frauen, in ihrer Rolle als Hüterin des Hauses aufzugehen. Doch gleichzeitig begannen sie stärker, eigene Wünsche zu artikulieren.

Von androgyn bis Vamp

Dies führte auch zu einer großen Bandbreite an Frauentypen, wie Prinzler erklärt: "Es gab ganz unterschiedliche Rollenbilder. Marilyn Monroe und Audrey Hepburn sind Gegensätze. Eine Art von Vamp und weibliche Verführerin gegen eine Frau, die vollkommen androgyn und zurückhaltend ist."

Leinwandgöttinnen schrumpfen auf Normalgröße zusammen

Die 50er Jahre waren aber auch das letzte Jahrzehnt, das die uneingeschränkte Herrschaft von Leinwandgöttinnen kannte. Ein Jahrzehnt später fegte der filmische Aufbruch von New Hollywood das ganze Studiosystem weg - und mit ihm die alten Stars. Gleichzeitig markierten die 50er einen entscheidenden Umbruch: Schwebten die Kinoheldinnen der 30er und 40er Jahre noch meilenweit über ihren Zuschauern - nicht umsonst trug Greta Garbo den Beinamen "die Göttliche" -, so dominiert heute das "Mädchen von nebenan". Die weiblichen Filmstars der 50er Jahre nahmen da eine Zwitterstellung ein: Sie wurden nach wie vor uneingeschränkt als Stars bewundert, doch verkörperten sie auf der Leinwand oft Frauenrollen, die dem Leben ihrer Zuschauer nicht unähnlich waren, und luden gerade deswegen zur Identifikation ein.

Aufbruch gegen Prüderie

So lässt sich an vielen Filmen nachträglich ablesen, wie sehr diese Dekade kulturell und politisch eine Zeit des Umbruchs darstellte. Es entsteht oftmals eine reizvolle Spannung: Zwar erzeugt das restaurative Klima der Nachkriegsjahre einen ungeheuren Konformitätsdruck bei den Frauen - gleichzeitig werden aber auch überkommene Rollenmodelle in Frage gestellt. So stehen Aufbruch und Fortschritt neben Nostalgie und Prüderie.

Frauen im Osten emanzipierte als westliche Darstellerinnen

Neben Ikonen des Hollywood-Films machten junge Schauspielerinnen aus Japan (Setsuko Hara), Schweden (Harriet Andersson), Ungarn (Mari Töröcsik) und der UdSSR (Tatjana Samoilowa) auf internationalen Filmfestivals auf sich aufmerksam und wurden zu Publikumslieblingen. Europäerinnen wie Hildegard Knef oder Anna Magnani suchten ihr Glück in Hollywood. In den 50ern ging auch der Stern von Brigitte Bardot auf, die das Sexsymbol einer jungen Generation von Kinogängern wurde. "Interessanterweise sind die Frauen in osteuropäischen Filmen zum Teil emanzipierter als im Kino der westlichen Welt", wie Hans Helmut Prinzler feststellen konnte. Auch in Filmen aus Italien und Skandinavien änderte sich schon in den 50er Jahren das Frauenbild. "In Frankreich und der Bundesrepublik ging es ein bisschen langsamer, das Kino war dort viel traditioneller", so Prinzler.

Berliner Traumfrau: Hildegard Knef

Mit den "Traumfrauen" feiert die Retrospektive ihr 30. Jubiläum. Parallel dazu erscheint im Berliner Bertz + Fischer Verlag die Publikation "Traumfrauen. Stars im Film der fünfziger Jahre". Das Filmmuseum Berlin begleitet die Reihe mit Vorträgen und Diskussionen. Einer Berliner "Traumfrau" ist dort auch eine Ausstellung gewidmet: "Hildegard Knef. Eine Künstlerin aus Deutschland" wird noch bis zum 17. April 2006 gezeigt. Der Fernsehsender 3Sat zeigt während der Berlinale 13 Filme aus der Reihe. Auf diese Weise können auch die Cineasten an der Retrospektive teilhaben, die nicht nach Berlin kommen können. Denn die Traumfrauen - das war schon in den 50er Jahren so - sind schließlich für alle da.