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Dieter Kosslick: Das Global Playerle

Mit schwäbischer Beharrlichkeit und besten Kontakten in die ganze Welt bringt Berlinale-Chef Dieter Kosslick Geld, Glanz und Stimmung in die Hauptstadt.

Von Irmgard Hochreither und Karin Rocholl (Fotos)

Die Wintersonne scheint durch die Glasfront an der Potsdamer Straße in das geräumige Büro, auf den großen Konferenztisch, auf ein Paar Engelsflügel aus vergoldetem Styropor und echten Federn - und auf den Herrn in beigefarbener Cordhose und dunkelbraunem Pulli. Berlinale-Chef Dieter Kosslick hat es auf den Außenminister abgesehen. Also diktiert er schnell einen Brief an den "Lieben Rezzo", in dem er den Vielflieger von den Grünen launig zur Hochzeit in Las Vegas beglückwünscht und Herrn Schlauch gleichzeitig darum bittet, Joschka Fischer als Laudator für eine Berlinale-Ehrung vorbeizuschicken. "Und wenn er nicht kann, dann bitte Cohn-Bendit. Mit lieben Grüßen." Schließlich starrt er auf den riesigen Terminplaner mit den vielen bunten Kärtchen und kann sich ein Kichern nicht verkneifen: "Sieht ein bisschen aus wie die Ferienplanung im Montessori-Kindergarten - dabei ist dieser Heinerle-Stundenplan das Ende von einem Jahr harter Arbeit."

Seit "der Dieter" in Berlin den Laden schmeißt, ist alles anders. Der 55-Jährige gilt als Segen für die Filmfestspiele, für die klamme Hauptstadt, für die Kino-Fans. "Obwohl viele immer noch denken", sagt Kosslick amüsiert, "dass ich ausschließlich mit schönen Frauen auf roten Teppichen rumstehe und komische Sachen erzähle." Das tut er zwar. Aber eben nicht nur. Das Cleverle aus dem Schwabenland ist vor allem ein raffinierter Networker mit besten Kontakten. Nicht nur zur Filmbranche, sondern auch in die Chefetagen von Wirtschaft und Politik.

Ab diesem Donnerstag schaut zehn Tage lang die ganze Welt nach Berlin. Und Kosslick kriegt sie alle: die Stars aus Hollywood, die Sponsoren - und die Wichtigen aus dem Politzirkus. Weil er allen klar machen konnte, dass die Berlinale mit mehr als 400.000 Besuchern und über 20.000 internationalen Gästen ein Kulturereignis der Extraklasse ist. Nicht nur fürs Image gut, sondern dafür, echtes Geld in die Kassen der Hauptstadt zu spülen.

Es herrscht verschärfter Zickenalarm, so kurz vor dem Start der 54. Filmfestspiele. Die Regisseure sind beleidigt, wenn man ihr Werk nachmittags statt abends zeigt, die Festival-Konkurrenten in Cannes versuchen mit allen Tricks, den Berlinern spannende Premieren abzujagen. Und immer wieder kommen Absagen in letzter Sekunde. Aber Jammern ist nicht sein Ding. Unerschütterliche Fröhlichkeit macht den in Pforzheim geborenen Kosslick unwiderstehlich. Der kleine wuselige Mann mit Stoppelfrisur und ordentlich getrimmtem Schnäuzer hat so gar nichts Schwäbisch-Behäbiges an sich.

Er macht den Showman, den Performer im Dienste der Nation: Weg mit dem Klischee vom humorlosen Deutschen. Schaut her, es gibt auch Charme, Witz und Selbstironie made in Germany. Die Journalisten beschrieben ihn begeistert als "Gute-Laune-Bär", der es schafft, Heiterkeit und Glamour mit Tiefgang und Ernsthaftigkeit zu verbinden.

"Der Job", sagt Kosslick selbstbewusst, "entspricht meinem Naturell. Jemand, der Probleme hat, mit wildfremden Menschen über die Generationskonflikte von langohrigen Hunderassen zu reden, für den ist das nix." Für Kosslick dagegen gibt es kaum Schöneres. Plappern gehört zum Handwerk, und dabei hilft ihm, dass er alles in einem ist: "Eine Mischung aus Haushaltsvorstand und Concierge", sagt er grinsend, "und wenn es der Sache dient, mache ich auch den Clown."

Während sich sein Vorgänger Moritz de Hadeln unbeholfen abseits hielt, genießt Kosslick den großen Auftritt. Der neue Sponsor Boss hat ihm vier Smokings spendiert, und so wird sich der Kultur-Allrounder ab 5. Februar jeden Abend die rote Fliege umbinden und mit Lust ins Gewühl stürzen. Er wird Charlize Theron auf die Alabasterwangen küssen, Juliette Binoche knuddeln und Jack Nicholson zuprosten. Und unbekümmert drauflosschwätzen. In bestem Schwänglisch. Dieses Tie-Äitsch-freie Idiom, in dem er Preise verleiht, Stars begrüßt und Podiumsdiskussionen moderiert, ist Teil der Inszenierung und genauso entwaffnend wie der Mann selbst. Wenn mal ein Mikro ausfällt, entschuldigt er sich einfach mit einem "Sorry for se pan!" Dass "pan" eigentlich Pfanne heißt, macht ja nix, Panne oder Pfanne, Hauptsache, alle verstehen, was gemeint ist.

Seit vergangenem Sommer wirbelte er für sein drittes Festival unentwegt durch die Welt, reiste nach Los Angeles, New York und Washington, nach Kuba und Mexiko, nach London, Paris und Rom, um Kontakte zu pflegen. Fast 3000 Filme wurden eingereicht, Kosslick selbst hat sich 250 davon angesehen. Jetzt geht es darum, wann wo welcher Film gezeigt wird, um Sonderreihen, Events, um die Besetzung der Jury, die Gästebetreuung, die Stars, die Sponsoren, um die vielen Teufel, die im Detail stecken.

Zum Beispiel, ob es wohl möglich ist, die nordkoreanische Film-Delegation gemeinsam mit den Südkoreanern zu empfangen, ohne dass gleich eine Bombe hochgeht. "Da muss ich erst mal meinen Freund bei der Botschaft anrufen", murmelt Kosslick, "nicht, dass es zu Verwicklungen kommt." Wie vergangenes Jahr, als er ganz locker Fidel Castro einlud. Zur Premiere von Oliver Stones Filmporträt über den kubanischen Comandante. Kosslick: "Das fand man in politischen Kreisen gar nicht komisch, so kurz vor Ausbruch des Irak-Kriegs." Fidel war dann doch verhindert, "so blieben mir weitere diplomatische Verwicklungen erspart".

Auch wenn's mal Trouble gibt, Kosslicks persönliche Assistentin Johanna Muth bewundert ihren Chef, "er sprüht vor Ideen. Und hält so die gesamte Mannschaft auf Trab". Während der Berlinale ist die 27-Jährige von morgens um neun bis nachts um vier sein Schatten, flüstert ihm die Zungenbrecher-Namen von Zulu-Filmemachern ins Ohr und achtet darauf, dass er sein Handy nicht vergisst oder den weißen Seidenschal, den er zum Smoking zu tragen pflegt. "Er registriert sehr genau, was man für ihn tut", schwärmt sie. Keine Macken? Na ja, launisch könne er auch sein, und "Essensgeruch am Arbeitsplatz kann er nicht ab." Sonst fällt ihr nichts ein.

"Könnt ihr mich mal mit dem Michael Naumann verbinden?", ruft Kosslick ins Vorzimmer. Der "Zeit"-Chefredakteur soll an einer Podiumsdiskussion teilnehmen. Naumann war es, der 1999 als Kulturstaatsminister die Idee hatte, Kosslick von seinem Posten als Chef der Filmstiftung in Nordrhein-Westfalen wegzulocken und auf die Brücke des Berlinale-Tankers zu setzen. Der Dieter setzt sein Schelmengesicht auf und meint, "wenn wir dem Michael sagen, dass wir Carole Bouquet zum Festival erwarten, kommt er bestimmt."

Früher war Kosslick nicht nur Filmförderer, Redenschreiber des Hamburger Bürgermeisters Hans-Ulrich Klose und "Konkret"-Redakteur, sondern auch Pressesprecher der Hamburger Gleichstellungsstelle für Frauen. "Seit ich Chef war in Hamburg, in NRW und jetzt hier - es gab immer überproportional viele Frauen. Ich mag es, mit Frauen zu arbeiten. Die sind einfach effektiver." Außerdem teile er mit ihnen die Eigenart, gerne und oft vom Thema abzuschweifen. Gerade wird am Konferenztisch über eine Talk-Runde zum Thema "Stars und Politik" diskutiert, da fällt Kosslicks Blick auf die Fassade der Philharmonie. "Diese beiden leeren Rechtecke", ruft er plötzlich, "das ist die schönste Projektionsfläche des Jahrhunderts! Da machen wir irgendwas drauf - Simon Rattle als Lichtobjekt. Suuuper!"

Mit kindlicher Begeisterung herumzuspinnen, es gibt kaum Schöneres für ihn. Oder sich leidenschaftlich mit Details zu beschäftigen. Zum Beispiel mit dem Blumenschmuck am Rand des roten Teppichs, damit sich die Gäste nicht wieder - wie im vergangenen Jahr - am Blütenstaub die teuren Roben ruinieren. Und erst das Büfett: Der begeisterte Hobbykoch wies die Catering-Firma an, Ordnung zu bringen in ihre "seltsame Vielfalt" aus Lachsschnitten, Würstchen und Frühlingsrollen.

Zehn Millionen Euro

beträgt der Festspiel-Etat, 3,5 Millionen davon werden über eigene Einnahmen und Sponsoren wie Volkswagen und L'Oreal finanziert. Als waschechter Schwabe kann Kosslick gut mit Geld umgehen. Aber geizig? "Ich bin privat nicht mal besonders sparsam", sagt er, "und von den vielen schlimmen Sprüchen des Jahres 2003 finde ich 'Geiz ist geil' am schlimmsten. 'Geist ist geil' gefällt mir viel besser." Statt zu geizen, müsse man viel mehr in den Nachwuchs investieren. Je früher, desto besser.

Er selbst schreitet mit gutem Beispiel voran. Es war seine Idee, den "Talent-Campus" zu installieren, um Nachwuchs-Filmern aus aller Welt die nötigen Kontakte zu verschaffen. "Die geballte Energie von 500 jungen Leuten aus rund 100 Ländern in der Stadt zu haben", frohlockt er, "verjüngt das gesamte Festival." Unter den Gästen ist auch die Amerikanerin Grace Lee. "Die habe ich zufällig nachts um drei in einer Bar in Korea kennen gelernt", so Kosslick. "Wir kamen ins Gespräch, ich habe sie zum Campus eingeladen, und sie hat prompt einen Nachwuchspreis gewonnen. Dieses Jahr zeigen wir das Ergebnis: "Best of the Wurst" - ein Film über Currywurst. Natürlich mit anschließendem Empfang an der Würstchenbude."

Betrachtet man die 24 Filme, die nun um die "Bären" kämpfen, gibt es nicht eben viel zu lachen. "Als ich gestern früh um fünf mein Vorwort fürs Programmheft geschrieben haben, dachte ich: Oh my God, schon wieder ist der Wettbewerb nicht witzig geworden. Wir sind eben wieder sehr politisch, mit den Schwerpunkten Südafrika und Lateinamerika."

Zwei Beiträge kommen aus Deutschland. Es ist Kosslick unangenehm, nein sagen zu müssen, wenn ihm die vielen alten Kumpels aus der Filmszene mit ihren Arbeiten auf die Pelle rücken, aber wenn es um die Auswahlkriterien geht, wird der Spaßmacher zu Mister Beinhart. Er denke gar nicht daran, deutsche Filme "mit der Brechstange ins Programm zu hebeln", wenn sie es nicht verdienen. Basta.

Auf eine Premiere muss Dieter Kosslick noch bis nach der Berlinale warten. Ende März wird er zum ersten Mal Vater. Lebensgefährtin Wilma Harzenetter bereitet gerade den Umzug ins gemeinsame Domizil vor. Dann darf sich der "Talent-Campus"-Macher endlich auch privat um die Nachwuchspflege kümmern. Er lerne täglich dazu, sagt er. Gerade habe er gelesen, dass man es mit dem Bauchstreicheln nicht übertreiben solle, "weil das innendrin total ratscht". Und den Baby-Katalog von Waltz habe er "schon einmal durch. Die Texte, die wahrscheinlich von den Babys selbst geschrieben wurden, haben mich völlig verwirrt. Ich habe jedenfalls in London schon mal ein wunderhübsches Dreirad gekauft. Dann habe ich mir den anthroposophischen Kreißsaal angeguckt und festgestellt, dass direkt gegenüber eine Espresso-Bar liegt. Ich kann also das Ereignis ganz in Ruhe abwarten." Als kleiner Junge wollte Kosslick, als Einzelkind ohne Vater aufgewachsen, zunächst Tropenforscher werden. Dann Bäcker. Manifestiert hat sich seine Liebe zum Backwerk immerhin in dem Buch "Bagel - ein Gebäck rollt um die Welt", das ihn als Co-Autor ausweist.

Kosslicks Vertrag als Festspielchef läuft noch bis 2006. Was danach kommt, ist für den Politik- und Kommunikationswissenschaftler "kein Thema". Aber mit einer Vorstellung vom Paradies kann er aufwarten: Besitzer eines Kolonialwarengeschäfts mit Rohmilchkäsetheke und Bäckerei plus Zeitungsstand mit Espresso-Bar. Und hinter der Theke steht Nicole Kidman und toastet Bagels für Fidel Castro. Natürlich nur ein Scherz. Aber eines ist sicher: Bei einem wie Dieter Kosslick muss man mit allem rechnen.

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