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Filmfestspiele Der Film, die Stadt und das Geld

Die Berlinale feiert ihr 60. Jubiläum, und die internationale Filmwelt trifft sich in der Hauptstadt. Aber wozu sind Filmfestivals eigentlich gut? Stern.de über Geschichte, Geld und Anspruch.
Von Sophie Albers

Na, das fängt ja gut an. Der Präsident der Jury des 60. Filmfestivals von Berlin ist der Regisseur Werner Herzog ("Fitzcarraldo", "Nosferatu"). Und der verkündete soeben im Interview mit der Zeitschrift "Vogue: "Man darf Festivals nicht überschätzen, die haben keine wirkliche Bedeutung." Am Geld kann es nicht liegen, dass er diesen "bedeutungslosen" Job trotzdem macht. Für die Berlinale-Jury gibt es nur freie Kost und Logis. Ist es also eine Frage der Ehre, ab dem 11. Februar elf Tage lang Filme zu gucken, bis sie einem wieder aus den Augen rauskommen? Oder liegt es vielleicht an Jury-Mitglied Renée Zellweger? Wozu sind Filmfestivals eigentlich gut? Um diese Fragen zu beantworten, muss man den Film noch mal ganz zurückspulen.

Die Geschichte

Am Anfang stand der Geschäftssinn. Das älteste Kinofestival der Welt ist die Mostra Internazionale d'Arte Cinematografica di Venezia, die Filmfestspiele von Venedig. Der reiche Unternehmer und Mussolini-Freund Giuseppe Volpi war nicht nur Gouverneur und Finanzminister, sondern auch Präsident der Kunstausstellung Biennale. Zudem gehörte ihm eine Hotelkette, und weil das Excelsior am Lido so häufig leer stand, gründete er ebendort ein Filmfestival. Seit 1932 schippern alljährlich im Spätsommer Leinwandstars durch die Kanäle der pittoresken Lagunenstadt, während am Lido Kinoneuheiten gezeigt und mit goldenen und silbernen Löwen geehrt werden.

Venedig ist schuld daran, dass es das Filmfest von Cannes überhaupt gibt. Nicht weniger als der Anspruch, den Einfluss der faschistischen Diktatoren Mussolini und Hitler auf die Siebte Kunst zu hemmen, gebar die Idee eines eigenen Filmfestivals in Frankreich Ende der 30er Jahre. Wegen Ausbruchs des Zweiten Weltkriegs verschob sich die Eröffnung auf 1946. Man hatte sich auf das Küstenstädtchen Cannes an der Côte d'Azur als Ort der Veranstaltung geeinigt. Gefeiert wird im Mai. Den Festivalpreis, die Goldene Palme, gibt es seit 1955. Während Venedig eher gemütlich und ein bisschen angestaubt feiert, steht Cannes für Glamour unter Palmen. Hier verschmelzen Mainstream und Anspruch, und es gibt den größten Filmmarkt. Cannes ist das wichtigste Filmfest der Welt.

"Das Schaufenster zum Westen"

Auch die Wurzeln der Berlinale sind politisch. Genau genommen ging es um Propaganda. In Zeiten des Kalten Krieges bauten die Amerikaner und Engländer an ihrem "Schaufenster des Westens". Dazu gehörte seit 1951 auch der Kultur-Kapitalismus eines Filmfests. Seit 1978 wird es jährlich gefeiert, und - anders als Venedig und Cannes - ist es ein Publikumsfestival. Das größte der Welt. Allein im vergangenen Jahr wurden 275.000 Kinokarten verkauft. Hier kann jeder ins Kino, der ein Ticket ergattert. Auch wenn der Kalte Krieg vorbei ist, hat das Filmfest Berlin seinen politischen Ruf behalten. Der rote Teppich sei dazu da, zu sagen, was man denkt, so Berlinale-Chef Dieter Kosslick. Kleine, gern auch schwierige Filme haben hier immer wieder große Chancen auf die Bären-Trophäen.

Neben den sogenannten A-Festivals gibt es mittlerweile Tausende Filmfeste in aller Welt - von Schottland bis Burkina Faso, auch im Internet finden sie statt. Den europäischen Klassikern steht auf der anderen Seite des Atlantiks als Schwergewicht nur das Toronto International Film Festival in Kanada gegenüber. Seit 1976 feiern Publikum und Experten dort im September das Kino. Die großen Hollywoodstudios nutzen es, um ihre Werke erstmals ins Oscar-Rennen zu schicken. Auch wegen der Nähe zu Hollywood gilt es als das zweitwichtigste Festival nach Cannes.

Das Geld

Kaum fällt der Name Hollywood, denkt man natürlich sofort ans Geld. Und damit sind wir bei einem ganz pragmatischen Grund für Filmfestivals: die wirtschaftliche Bedeutung.

Cannes war einst ein verträumtes Fischerstädtchen. Mittlerweile leben hier knapp 100.000 Menschen - die meisten vom Tourismus. Jahr für Jahr kommen Millionen Besucher, füllen die Hotels, Restaurants und Brasserien und überfluten die Croisette. Im Jahr 2008 entwickelte allein das Filmfest von Cannes für die Region eine Wirtschaftskraft von fast 200 Millionen Euro. "In zwölf Tagen verbrauchen wir hier 600 Kilogramm Fisch, 800 Kilo Langusten und Hummer, 500 Kilo Rind- und Lammfleisch, 15 Kilo Kaviar, 30 Tonnen Gemüse, 300 Kilo Butter, 300 Liter Sahne und 5000 Flaschen Champagner", verrät Laurent Bunel, Küchenchef im Luxushotel Carlton.

Die Berlinale trägt nach Berechnungen der Investitionsbank Berlin alljährlich 85 Millionen Euro zum Bruttoinlandsprodukt bei. Mehr als 500 feste Arbeitsplätze habe das Festival geschaffen, schreibt die "Berliner Morgenpost". Hinzu kämen in den zwei Wochen, wenn das Kino regiert, Hunderte temporäre Jobs für Techniker, Hostessen, Caterer, Fahrer. 20.000 Filmprofessionelle aus 130 Ländern kommen in die Stadt, dazu mehr als 4200 Journalisten. Die müssen versorgt werden. Dem gegenüber stehen Berlinale-Kosten von 18 Millionen Euro. Die werden von der Regierung und Sponsoren finanziert.

Ebenfalls um Millionen geht es auf dem European Film Market, der geschäftlichen Seite der Berlinale abseits des roten Teppichs. Neben dem American Film Market in Santa Monica, Kalifornien, und dem Marché du Film in Cannes ist es der drittgrößte Filmmarkt der Welt. Hier werden Filme verkauft, verliehen, finanziert und produziert. Für dieses Jahr haben sich 414 Firmen angemeldet, 1339 Käufer sind registriert. Etwas weniger als im vergangenen Jahr. Von Krise könne man aber nicht sprechen, sagen die Organisatoren.

Und dann das Image. So wie Cannes das ganze Jahr durch vom Ruf als Glamourmetropole zehrt, wertet die Berlinale die Stadt Berlin auf. Die Aufregung um Stars und Sternchen ist auch im Ausland zu hören, und offensichtlich fällt dem einen oder anderen dann auch die restliche Kultur der Hauptstadt auf. 19 Millionen Übernachtungen zählte die Stadt im Jahr 2009. Für die Reisenden braucht es Hotels, Restaurants, Souvenirshops und Currywurstbuden. "Wenn es die Berlinale nicht gäbe - wir müssten sie für Berlin erfinden", sagt Burkhard Kieker, Geschäftsführer der Berlin Tourismus Marketing GmbH.

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Der Foto-Pionier Heinz Köster war von Anfang an bei der Berlinale dabei und rückte Dekolletés und Glamour ins rechte Licht. In den 50er und 60er Jahren entstanden Bilder, die jetzt im stern-Fotografie Portfolio zu sehen sind, erhältlich am Kiosk und zu bestellen im Webshop vom stern

Anspruch

Es sind aber nicht die blanken Zahlen, die den knörrigen Werner Herzog überzeugt haben, Jurypräsident zu werden. Bei der Nachfrage, warum er denn einen "bedeutungslosen" Job mache, ist der Filmemacher dann nämlich eingeknickt: "Ich muss zugeben, ich würde die Bedeutung des Festivals vielleicht doch nicht grundsätzlich verneinen wollen." Das Schöne an Filmfesten sei nämlich, "dass auf einmal ein Film aus Litauen oder Taiwan auftaucht und alles andere überstrahlt."

Auf einem Filmfestival darf die Kunst über den Kommerz triumphieren. Oder wie es der deutsche Künstler und Provokateur Christoph Schlingensief in seinem Geburtstagsgruß für die Berlinale formuliert: Er hoffe, dass das Festival weiterhin den Mut habe, "auf Filme zu setzen, die absolut unverständlich sind, Filme, die uns an die Seele gehen, und wir wissen nicht warum. Das ist der beste Moment, der Menschen passieren kann. Dann fängt er an, wieder zu leben, über sich nachzudenken, und zu kämpfen." Bestenfalls liefere ein Filmfest "die Ausrüstung zum Kampf für ein besseres Leben", so der Regisseur. Auf Festivals wird Kunst verhandelt. Die schafft kulturelle Identität. Und wo hat man denn schon mal die Möglichkeit, in so kurzer Zeit so viele Kulturen kennenzulernen?

Schließlich sind Filmfestivals auch Sprungbretter: Zwar gehöre "Film neben Walmart und McDonalds zu den wenigen Dingen, die Geld machen. Trotzdem ist es immer noch sehr schwierig, einen Film zu realisieren. Deshalb sind Festivals so wichtig. Viele Filmemacher zeigen dort ihre ersten Werke", sagt US-Regisseur Spike Lee ("Malcolm X", "Inside Man"). Manche Filme schaffen es nie über die Festivals hinaus, für andere ist es ein magischer Anfang: Sam Mendes' Leinwanddebüt "American Beauty" hat 2000 fünf Oscars gewonnen - nachdem es in Toronto Premiere feierte. Faith Akins Meisterwerk "Gegen die Wand" gewann 2004 den Goldenen Bären, und es war der Beginn einer Preis-Einsammel-Tournee.

Und dann ist da natürlich der Spaß: die Filme, die Stars, die Diskussionen, die Partys, der Ausnahmezustand, in dem sich zumindest ein Teil der Stadt und die Menschen darin befinden. Das wird hoffentlich auch noch Werner Herzog einsehen.

Die Berlinale findet vom 11. bis zum 21. Februar 2010 in Berlin statt, das stern.de-Team berichtet über Hintergründe, Trends, Klatsch, Tratsch und Partys im Berlinale-Blog.

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