Lauren Bacall "Es geht nur noch um Geld"


Sie war bis zu seinem Tod mit Humphrey Bogart verheiratet, spielte in großen Hollywood-Filmen und hat diese unglaublich tiefe Stimme: Lauren Bacall ist mit 83 Jahren noch topfit und weilt gerade zu Besuch auf der Berlinale. stern.de nutzte diese Gelegenheit zu einem Interview.

Frau Bacall, was werden Sie von den Dreharbeiten zu Paul Schraders Film "The Walker" in Erinnerung behalten?

Die Tatsache, dass ich es geschafft habe... (dunkles Lachen). Es war eine sehr glückliche Erfahrung. Und ich war zweieinhalb Monate lang in London, das ist nicht das schlechteste, was einem passieren kann. Ich liebe London, ich habe dort mal zwei Jahre gelebt. Wegen Sophie, meinem Hund, war ich schon lange nicht mehr da. Ich konnte sie nicht mitnehmen. Jetzt habe ich einen legalen Weg gefunden, sie ins Land zu bringen.

Darf man Hunde wieder mitnehmen? Müssen die nicht in Quarantäne?

Quarantäne gibt es nicht mehr, aber man muss durch den Zoll gehen. Es ist total kompliziert. Erst musste ich mit ihr in New York zum Tierarzt gehen, 24 Stunden bevor sie einen Fuß auf englische Erde setzt - es ist schließlich königliche Erde. Ich bin erst nach Paris geflogen, dort sind wir wieder zum Tierarzt, Sophie musste irgendeine Pille nehmen. Ein Auto bringt einen nach Calais zum britischen Zoll. Dort haben sie Sophie gescannt, die Frau hatte diesen gigantischen Scanner, mit dem sie in Sophies Gesicht geblitzt hat. Und dann nimmt man den Zug, im Eurostar sind Tiere erlaubt. Danach fährt man noch 20 Minuten nach London.

Warum haben Sie sich diese Rolle ausgesucht?

Ausgesucht? Ich war glücklich, sie zu bekommen. Ich habe keine große Wahl mehr. Es gibt kaum mehr gute Rollen für mich. Es gibt keine Drehbücher mehr. Ich weiß nicht, was passiert ist. Außer, dass Kunst in Amerika, besonders Schauspielkunst, wegen unserem "großartigen" Führer völlig den Bach runtergeht. Er weiß ja noch nicht mal, wie man Kunst buchstabiert, dieser bescheuerte Idiot.

Glauben Sie, dass Hillary Clinton oder Barack Obama bei den nächsten US-Präsidentschaftswahlen das Rennen machen?

Es ist viel zu früh, das zu sagen. Am Ende dieses Jahres werden sie ihre Kampagnen beginnen. Noch kann ich keine Entscheidung treffen. Es sind gute Kandidaten, Barack ist wirklich ein intelligenter Kopf, ein toller junger Typ, aber der wird doch nicht gewählt. Er wäre ein guter Vizepräsident. Hillary, ich weiß nicht, was aus ihr wird. Sie ist den anderen weit voraus, so schlau. Und sie hat unglaublich viel Geld schon aufgetrieben. Außerdem hat sie den besten Berater, den sie bekommen kann, ihren Mann. Der würde noch mal gewählt werden.

Genießen Sie es immer noch, zu schauspielern?

Oh ja. Sogar mehr als früher. Ich habe in vielen Independent-Filmen mit jungen Regisseuren gearbeitet, die ich überhaupt nicht kannte. Ich wollte immer Schauspielerin sein, ich bin ein Feigling und liebe es, mich hinter anderen Charakteren zu verstecken. Das gibt mir Freiheit. Es ist ein so toller Beruf, ich habe Respekt für echte Schauspieler.

Was meinen Sie mit echten Schauspielern?

Echte Schauspieler eben, keine Berühmtheiten, vor denen habe ich keine Achtung. Ich weigere mich, so genannt zu werden. Ich bin Schauspielerin, keine Berühmtheit.

Und was ist mit Legende? Macht Sie das nicht stolz, so genannt zu werden?

Wenn ich eine Legende wäre, wäre ich tot. Legenden kommen aus der Vergangenheit, das bedeutet es. Es ist eine falsche Bezeichnung.

Wenn Sie als Legende geehrt werden, wie fühlen Sie sich dabei?

Ja ja, diese Auszeichnungen für das Lebenswerk, wie viele Leben hat man eigentlich? Das ist bizarr.

Wie hat sich das Business in den letzten Jahren verändert?

Für mich hat es sich gravierend geändert. Es kommt aber auch auf den Regisseur an. Es gibt so viele arrogante Leute, mit denen ich nicht arbeiten möchte. Schauspielern war für mich nie eine One-Woman- oder One-Man-Show. Egoismus konnte ich noch nie leiden. Es gibt in Hollywood Schauspieler, die so ich-bezogen sind und so viel Geld bekommen, aber es überhaupt nicht verdienen. Überhaupt Geld, man achtet nicht mehr auf Qualitätsstandards, alles dreht sich um Geld. Die Beziehung zwischen Regisseur und Schauspieler sollte freundschaftlich sein. So jemand wie Scorsese macht das, oder Pedro Almodóvar, einer meiner liebsten Regisseure. Es ist krank, wenn ein Schauspieler so viel Geld verdient und versucht, den Regisseur zu manipulieren. John Huston zum Beispiel: Jeder, der eine Idee hatte, wurde von John angehört. Er sagte immer, man weiß ja nie. Das ist eine Gabe. Er war ein Genie. Bogey (Humphrey Bogart, d. Red.) und John Huston haben so toll zusammengearbeitet, dass sie alles gemeinsam machen wollten. Bogey sagte zu allem, was John sagte, ja.

Glauben Sie, dass Scorsese dieses Jahr den Oscar bekommt?

Unbedingt, das hat er schon so lange verdient. Acht Oscars hätte er schon bekommen sollen. Er wurde immer übersehen, warum - ich habe keine Ahnung.

Stanley Kubrick wurde auch immer übersehen, auch Alfred Hitchcock...

...und die Garbo.

Haben Sie es schon mal bedauert, eine Rolle, die ihnen angeboten wurde, nicht angenommen zu haben oder haben Sie Rollen nicht bekommen?

Oh ja, einige. Mir wurde "Der Mann mit dem goldenen Arm" angeboten, Regisseur Otto Preminger wollte mir aber nichts zahlen. Einen lächerlichen Betrag hat er mir angeboten, er wollte alles selbst behalten. Ich hätte es trotzdem machen sollen, habe ich aber nicht. Und ich wollte Sister Carrie in "Carrie" spielen. Ich kann mich noch erinnern, dass ich den Regisseur William Wyler angerufen habe. "Haben sie schon mal an mich gedacht?", fragte ich. Das hat mich Überwindung gekostet. Aber ich dachte mir, was kann passieren, er kann höchstens nein sagen. Tja, und das machte er dann auch. Das war hart für mich. Aber ich habe es versucht. Er war ein lieber Mann. "Es hat nichts mit ihnen zu tun", sagte er. Der Produzent war für Jennifer Jones. Das habe ich akzeptiert.

Unterm Strich haben Sie mehr gemacht als nicht gemacht.

Ja ist okay. Letztendlich entscheidet eben der Regisseur. Außer der Produzent hat sehr viel Macht, aber er bringt schließlich das Geld zusammen. Leider gibt es heute das System der Studios nicht mehr. Damals wurden einfach ständig Filme gedreht.

Sie haben mit Nicole Kidman gearbeitet...

Sie ist so professionell, sehr intelligent. Wir sind gute Freunde geworden. Sie konzentriert sich voll auf ihre Arbeit. Ich mache immer Blödsinn, bevor der Dreh losgeht. Sie nicht. Aber deswegen ist sie eben da, wo sie ist (lacht).

Haben Sie schon ein neues Projekt?

Ja, wir verhandeln gerade. Aber es ist noch nicht sicher. Geld fehlt, man weiß heutzutage nie, was passiert. Oder einer bekommt 20 Millionen und für die anderen bleibt nichts mehr übrig. Ein wunderbares System.

Wird es einen Film über Ihr Leben geben?

Auf keinen Fall. Ich habe es meinen Kindern verboten. Sie haben mir versprochen, es nicht zu machen.

Interview: Kathrin Buchner

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