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Chris Nolan: Der Blockbuster-König

Der neue "Batman"-Film ist das Muss dieses Kinosommers, und zwar nicht nur wegen Heath Ledgers letzter Rolle als "Joker". Den Triumph verdankt "The Dark Knight" vor allem einem Mann: Chris Nolan, dem Regisseur, der alles darf und alles kann. Und zwar nicht nur auf dem Feld der Regiekunst.

Von Olaf Schneekloth

OK, der mediale Rummel um "The Dark Knight" steht zwar schon lange in keinem Verhältnis mehr zu dem Film, der am 21. August bei uns anläuft. Er ist aber trotzdem gerechtfertigt, denn dieser bietet außergewöhnliches, ambitioniertes Actionkino mit Tiefgang. Und dass der "Joker" mit seinem verschmiertem Grinsen Hannibal Lecter zum zweitgrößten Filmbösewicht aller Zeiten degradiert, schmälert das schaurig schöne Filmvergnügen auch nicht gerade.

Der neue Batman ist ein künstlerischer und kommerzieller Überflieger - genau wie sein Regisseur Christopher Nolan. Ein gebürtiger Londoner, gerade 38 geworden, der einen ganz ähnlichen Blitzstart hinlegte wie sein jüngstes Werk. Das Spektakel spielte in den USA in nur drei Tagen die Rekordsumme von mehr als 150 Millionen Dollar ein, war vier Wochen hintereinander die Nr. 1 in den Kinocharts, und befindet sich längst jenseits der 400-Millionen-Dollar-Marke.

Intelligente Massenunterhaltung ist möglich

Christopher Nolan krempelte in lediglich zehn Jahren mit fünf innovativen Filmen wie "Memento" (2000) und "Batman Begins" (2005) ganz Hollywood um. So einen fixen Aufstieg in der Hierarchie - vom Indie-Regisseur zum Blockbuster-König - hat vor ihm noch keiner geschafft. Und dann noch mit so einem gewagten Ansatz: Das Publikum möchte nicht für dumm verkauft werden, intelligente Massenunterhaltung ist möglich. Damit hat er Kritiker und Zuschauer gleichermaßen überzeugt, und die großen Hollywoodstudios machen gern die nötigen Scheinchen locker. Zumal sie wissen, dass die bei Nolan gut angelegt sind.

Denn seine Filme tauchen regelmäßig in Bestenlisten auf und waren alle finanziell erfolgreich. Außerdem arbeitet er bei aller Experimentierfreude höchst diszipliniert, effektiv und verliert nie den Überblick. Dabei kümmert Nolan sich um viel mehr als nur die Regie. Beispielsweise entwickelte er Batmans neuestes Vehikel Bat-Pod mit - ein bizarres Bike mit so breiten Reifen, dass es selbst im Stand nicht umkippt - und bastelte in der eigenen Garage am Prototypen. Außerdem ließ er einige Szenen, wie die Eröffnungssequenz des Banküberfalls, mit aufwändiger IMAX-Technik drehen.

Klotzen mit Verstand

Nolan hat nie verhehlt, filmisch klotzten zu wollen, statt zu kleckern. Aber er verpulvert eben nicht sinnlos Geld. Das gefällt den Finanziers. Wenn er möchte, dass ein kompletter (ausrangierter) Gebäudekomplex stilvoll in die Luft gejagt wird, dann nicht aus Größenwahn, sondern damit der Joker unbeeindruckt wegschlendern kann, während hinter ihm die Hütte brennt. Ein grandioser Effekt, der jeden Cent wert ist. Übrigens genauso wie der (nicht computeranimierte!) Truck, der samt Anhänger mitten in Gotham City (bzw. Chicago) eine Rolle vorwärts macht. Dafür muss man erstmal eine Genehmigung bekommen!

Dabei liegen die Zeiten, in denen Nolan mit 6000 geborgten Dollar seinen Erstling "Following" (1998) finanzierte, gerade mal zehn Jahre zurück. Doch trotz Mega-Budget geht der Ausnahmeregisseur, der sich die Autorenschaft regelmäßig mit seinem jüngeren Bruder Jonathan teilt, auch jetzt kaum künstlerische Kompromisse ein. In einer der hinreißendsten Szenen des Films zeigt er den Joker, wie er während einer Autojagd, die Tod und Verderben bringt, seinen Kopf aus dem Seitenfenster steckt, um für Sekunden den Fahrtwind zu genießen. Das sind Momente, die sich ins filmhistorische Gedächtnis einbrennen werden. Einziges Zugeständnis an die Vermarktbarkeit des Films: Es fließt wegen der Altersfreigabe kein Blut. Trotzdem kommt Nolans Streifen nicht gerade wie ein Kindergeburtstag daher. Im Gegenteil.

Bedeutungsschwere Kinokost mit Shakespeare'scher Fallhöhe

Einen so komplexen - komplexbeladenen - Superheldenfilm, der dermaßen nihilistisch und düster daherkommt, hat es noch nicht gegeben. Von Leichtigkeit wie in "Spider-Man" oder der bunten Ausstattungswelt eines "Iron Man" keine Spur. "The Dark Knight" ist bedeutungsschwere Kinokost mit der Fallhöhe eines Shakespeare-Dramas. Bereits mit "Batman Begins" machte Nolan deutlich, was ihm für den Mann im Fledermauskostüm vorschwebte: ein völliger Neustart, weg vom grellbunten, ruinösen Affenzirkus à la "Batman & Robin" (1997). Ernsthafter sollte der dunkle Ritter sein, realistischer, und keine Witzfigur. Ein Versprechen, das er jetzt mit der Fortsetzung mehr als einlöst.

Der Hauptdarsteller ist derselbe geblieben: Christian Bale. Einmal mehr zeigt er als Batman bzw. Millionär Bruce Wayne dessen innere Abgründe. Und die sind tiefer als je zuvor. Batman steht längst am Rande der Gesellschaft, der er eigentlich helfen wollte. Ganz Gotham City zweifelt: Ist er ein Retter, oder mit seiner Selbstjustiz vielmehr eine Bedrohung? Batman würde seine Verantwortung liebend gern an Harvey Dent (Aaron Eckhart) abgeben, Gothams neuen Staatsanwalt, dem er zutraut, die Stadt als "weißer Ritter" mit den Mitteln des Rechtsstaats zu retten. Ein Held mit Gesicht. Doch auf Dent, der brisanterweise mit Bruce Waynes Ex-Freundin Rachel (Maggie Gyllenhaal) zusammen ist, wartet ein ganz anderes Schicksal…

Und dann taucht plötzlich der Joker (Heath Ledger) auf. Wie ein Springteufel aus dem Nichts. Ein Mann im abgeschabten Clownslook und verschmierter, vernarbter Fratze, der alles andere als zum Lachen ist. Der weder Moral noch Regeln kennt, oder gar durch nachvollziehbare Motive vorangetrieben wird. Er will die Welt um sich herum einfach nur brennen sehen - und Batman zu seinesgleichen machen. Denn er weiß, dass jeder Mensch zwei Seiten hat, und Batman seine eigene Unberechenbarkeit fürchtet.

Schlechte Voraussetzungen für ein strahlendes Vorbild - aber typisch für Christopher Nolan. Batman verbindet dessen wiederkehrende Filmthemen auf geradezu ikonografische Weise. Seine Helden steckten bislang alle voller Schuldgefühle, Rachegedanken und stellten sich oft außerhalb des Gesetzes. Wie Guy Pearce, der in "Memento" den Mord an seiner Frau rächen will. Oder Hugh Jackman und Christian Bale, die in "Prestige - Die Meister der Magie" (2006) von Freunden zu Todfeinden werden. Auch da geht es um Rache. Selbst in "Insomnia - Schlaflos" (2002), Nolans einzigem Film, der nicht auf einem eigenen Drehbuch basierte, leidet Al Pacino darunter, den Tod eines Kollegen verschuldet zu haben, und fälscht auch schon mal Beweismittel, wenn er einen Kriminellen sonst nicht dingfest machen kann.

In "The Dark Knight" geht alles hübsch der Reihe nach

Nur seinen Hang zu nichtlinearem Erzählen hat Nolan in "The Dark Knight" eingedämmt. Bei "Memento" lief gleich der ganze Film rückwärts, um das verlorene Kurzzeitgedächtnis der Hauptfigur zu versinnbildlichen. In "Prestige" arbeitete er ebenfalls nicht nur mit doppeltem Boden, sondern auch mit mehreren Zeitebenen. Und "Insomnia" wie "Batman Begins" arbeiten zumindest mit zahlreichen Rückblenden.

In "The Dark Knight" geht alles hübsch der Reihe nach - und absolut nach vorn los. Trotz einer Länge von zweieinhalb Stunden lässt einen der Film mit seiner unglaublichen Wucht kaum Zeit zum Atemholen. Dafür nimmt man bereitwillig das ziemlich dick aufgetragene Pathos gegen Ende in Kauf. "Man stirbt als Held oder lebt so lange, bis man böse wird" heißt es da. Dieses Dilemma wird uns in Form der Fledermaus-Silhouette hoffentlich noch weiter begleiten - aber bitte nur unter der Regie von Christopher Nolan.