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Christian Berkel über "Walküre": So bekommt Deutschland ein neues Image

Christian Berkel ist im deutschen Fernsehen genauso zu Hause wie im großen Hollywoodkino. Gerade spielt er in "Operation Walküre" Tom Cruise an die Wand. Im Interview mit stern.de sprach er über Helden, Nazi-Rollen und den neuen Blick auf Deutschland.

Von Sophie Albers

Christian Berkel fällt auf. Und das ist neben Tom Cruise schon eine Leistung, sollte man meinen. Er fällt aber auch auf neben Schauspielgrößen wie Tom Wilkinson, Bill Nighy und Terence Stamp, die neben Berkel und Cruise in "Operation Walküre" zu sehen sind. Irgendwie hat dieser Mann mit dem kahlen Kopf und dem intensiven Blick eine ganz eigene Aura. Und die ist auch Hollywood aufgefallen.

Der umstrittene Film über den Hitler-Attentäter Claus Schenk Graf von Stauffenberg ist für Berkel nämlich nur eine von vielen internationalen Produktionen: Im neuen Film von Quentin Tarantino wird er genauso zu sehen sein wie in Spike Lees "Das Wunder von St. Anna". Es mache ihm Spaß, international zu arbeiten, sagt Berkel im Gespräch mit stern.de. Allerdings sehe er seine Zukunft schon in Deutschland. Dort kann er auch mal etwas anderes spielen als einen Nazi.

Man kann Berkel getrost einen berufenen Schauspieler nennen. Er lernte bei dem großen Mimen Jean-Louis Barrault, spielte als 19-Jähriger in Ingmar Bergmanns "Schlangenei", zog von Theater zu Theater und gehört zu den bekanntesten Gesichtern im deutschen Film - vom "Tatort" über "Der Untergang" bis "Mogadischu". Aber was denkt er denn nun eigentlich über "Operation Walküre"?

Herr Berkel, Regisseur Bryan Singer und Tom Cruise betonen, dass ihr Film keine historische Abhandlung, sondern Unterhaltung sei. Ist ein unpolitischer Film über ein Thema wie Stauffenberg überhaupt möglich?

Ich würde den Film nicht als unpolitisch bezeichnen. In dem Moment, in dem man dieses Thema anfasst und sich damit auseinandersetzt - egal wie man es macht - macht man eine Aussage zum Thema. Somit ist es politisch. Bryan Singer und auch Tom Cruise legen den Akzent auf die Thrillerebene, aber damit weisen sie eigentlich nur auf die Machart des Films hin.

Ist es nicht seltsam, als deutscher Schauspieler eine deutsche Rolle in einem deutschen Stoff in einer Hollywood-Produktion zu spielen?

Vielleicht bin ich zu sehr Schauspieler, um das seltsam zu finden. Ich habe ein Drehbuch bekommen und fand es extrem stark. Wenn es mir jemand auf Deutsch angeboten hätte, hätte ich es genauso gerne gedreht. Das ist gar keine Frage. Aber das können die Amerikaner eben unglaublich gut verbinden: Sie nehmen so eine Geschichte und gucken, was daran das Attraktive für ein größeres Publikum ist.

Was ist für Sie ein Held, Herr Berkel?

(Pause) Das ist in Deutschland ein schwieriger Begriff. In anderen Ländern hat man einen anderen Zugang. Bei uns, durch unsere Geschichte mit dem Dritten Reich, ist der Begriff in gewisser Weise tabuisiert. Ich sehe ihn eigentlich im Sinne der griechischen Tragödie. Da ist der Held eben nicht eine strahlende Figur, sondern jemand, der vor extreme Schwierigkeiten gestellt wird, in denen der normale Mensch kapituliert und versucht, sich der Situation zu entziehen, währen der Held versucht, mit der Situation fertig zu werden.

War Albrecht Ritter Mertz von Quirnheim, den Sie in "Operation Walküre" spielen, für Sie ein Held?

Die ganzen Leute. Und was der Film gut zeigt, ist die Unterschiedlichkeit der Figuren. Die haben ja nicht nur unterschiedliche Motivationen gehabt, sondern sind auch mit der Situation ganz unterschiedlich umgegangen. Es gibt eine Figur wie Olbricht, der zögerlich war, um nicht zu sagen ängstlich, und durch sein Zögern auch sicherlich entscheidend dazu beigetragen hat, dass es schiefgelaufen ist. Quirnheim hingegen war jemand, der immer darauf pochte, dass man einhält, was vereinbart war, dass man es durchzieht. Was war eigentlich die Idee? Wofür sind wir angetreten? Während die anderen teilweise auch immer überlegt haben, was sie machen, wenn es schief geht, wo sie dann sind, und wie es dann weitergehen soll. Was ja auch menschlich ist.

Was war Ihre erste Reaktion auf das Drehbuch?

Ich habe mich gefreut, dass sich die Amerikaner mit dieser Geschichte auseinandersetzen. Das filmische Bild vom Zweiten Weltkrieg wurde von den Amerikanern über einen langen Zeitraum auf eine ganz bestimmte Art und Weise bestimmt. In den meisten Filmen über das Dritte Reich waren die Bösen Nazis. Mir kommt es nun so vor, als gebe es eine neue Generation von Filmemachern - so wie es auch eine neue Generation von Menschen in allen Ländern Euopas und auch in Amerika gibt -, die auf diese Zeit anders gucken. Nicht mehr so extrem mit vordergründiger Schuldzuweisung, sondern mit echtem Interesse und dem Versuch einer Auseinandersetzung. Dass die Amerikaner sich nun ausgerechnet einen Stoff wie Stauffenberg - also einen Widerstandskämpfer - aussuchen, das finde ich bemerkenswert.

Konnten Sie während des Spielens vergessen, dass von Quirnheim auch mit verantwortlich war für die Shoah?

Wie verantwortlich?

Er war Teil des Ganzen.

Ja, das war er, ganz ohne Frage. Ich würde es andersherum sagen: Vergessen kann man das nicht. Aber der entscheidende Punkt für mich war, dass er seine Haltung grundlegend geändert hat. Und nicht nur die Haltung, sondern auch die Handlung. Wenn das ein größerer Teil der Deutschen getan hätte, hätte es die Shoah in der Form nicht gegeben.

Anders gefragt: Sie sind jüdisch. Wie spielt man jemanden, von dem man weiß 'Der hätte mich getötet, hätte ich damals gelebt'?

Das ist bei Figuren, die nicht Widerstandskämpfer waren, bedeutend schwieriger. Aber man kann komischerweise oft das, was einem gar nicht nahe steht oder scheinbar widerspricht, sogar manchmal leichter spielen, als das, was ganz dicht dran ist. Es gibt diesen Satz von Shakespeare: "Wir scheinen am meisten das, was wir am wenigsten sind". Das hat ganz viel mit diesem Beruf zu tun. Manchmal kommt man in dieses Böse mit einem Gefühl des Hasses sehr viel leichter rein.

Sind Sie nun auf dem Sprung nach Hollywood?

Ich arbeite wahnsinnig gerne in Deutschland. Das ist mein Land, das ist meine Sprache, hier sind meine Möglichkeiten sicherlich am Größten, was die Unterschiedlichkeit von Figuren angeht. In Amerika wären sie eingeschränkter, schon durch die Sprache. Aber ab und zu dort zu arbeiten, würde mir auf jeden Fall großen Spaß machen.