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CIA und Hollywood: Der Pakt mit dem Teufel wankt

Derzeit werden in den USA Filme gedreht, in denen die einst so klaren Fronten zwischen Guten und Bösen verwischen. Dadurch schwindet der Einfluss der CIA auf die positive Eigendarstellung in Hollywood-Streifen.

Von Bernd Teichmann

Das Studium der Tageszeitungen dürfte für Chase Brandon eine deprimierende Angelegenheit sein. Auf den Politik-Seiten muss er über Foltervorwürfe, geheime Flüge durch Europa und verborgene Gefängnisse der CIA in diversen Ex-Ostblock-Staaten lesen.

Und auch der Blick ins Filmprogramm bereitet dem Kontaktmann zwischen der Central Intelligence Agency und Hollywood wenig Freude. Kino 1: "Jarhead", ein wehrkraftzersetzendes Psychogramm über gelangweilte GI's im ersten Golfkrieg. Kino 2: "Good Night, and Good Luck", die Geschichte eines mutigen TV-Moderatoren, der sich in den Fünfzigern gegen die anti-kommunistische Hetze des konservativen Senators Joseph McCarthy auflehnte. Kino 3: "Syriana", ein cleveres Drama über die Verflechtungen von CIA, Politik und Öl-Industrie. Kino 4: "Der ewige Gärtner", die Verfilmung des John Le Carré-Romans über die Machenschaften von Pharma-Konzernen und Politikern in Afrika. Kino 5: "Lord of War", das Porträt eines zynischen Waffendealers, der Knarren an afrikanische Diktatoren verkauft.

Kino reflektiert schwindendes Vertrauen in die US-Regierung

Die vermeintliche Befreiung des Irak stockt. US-Soldaten sterben oder foltern. Und die CIA spielt rücksichtslos die Carte Blanche aus, die ihnen Präsident George W. Bush nach den Anschlägen vom 11. September 2001 für den Krieg gegen den Terror unterzeichnete. Das Klima in Amerika wandelt sich, das Vertrauen gegenüber der konservativen Regierung schwindet, was sich auch im Kino verstärkt widerspiegelt.

Filmemacher in der Rolle der Opposition

Seit Hollywood in den siebziger Jahren mit Produktionen wie "Zeuge einer Verschwörung", "Die drei Tage des Condor" oder "Coming Home" auf die Watergate-Affäre und den Vietnamkrieg reagierte, wurden dort nicht mehr so viele sozialkritische und politisch ambitionierte Filme gedreht. "Wir bekommen in den Medien keine adäquaten Informationen", begründet etwa der Schriftsteller John Le Carré diese Entwicklung. "Und in den USA und Großbritannien verfügen wir über keine nennenswerte parlamentarische Opposition. Deshalb fällt Autoren und Filmemachern die Verantwortung zu, diese Informationslücke zu schließen."

Gutes Image im Austausch für Equipment und Drehorte

Schwere Zeiten für Chase Brandon. Der graubärtige Ex-Agent ist für das positive Image seines Arbeitgebers in Fernseh- und Kinofilmen verantwortlich. Der Deal funktioniert ähnlich wie beim Militär oder FBI, die schon seit vielen Jahren kostensparend Equipment, Know-how und Drehorte zur Verfügung stellen und sich damit im Gegenzug ein vorteilhaft gezeichnetes Bild erkaufen, wie etwa in "Top Gun", "Air Force One" oder "Das Schweigen der Lämmer". Offiziell begonnen hatte diese Liaison Mitte der neunziger Jahre. Die CIA meinte, einen steigenden Trend in der Entertainment-Industrie erkannt zu haben, wonach ihre Agenten ständig als fiese, hinterhältige Gesellen präsentiert wurden - wie etwa in Wolfgang Petersens "In the Line of Fire" (1993), in dem John Malkovich als psychopathischer Ex-CIAler den Präsidenten umbringen will.

Tom-Clancy-Blockbuster sind nicht mehr gefragt

1996 installierte Langley Chase Brandon, der gewillten Produzenten „Beratung und Recherche-Assistenz“ feilbot, etwa für die Serien "The Agency" und "Alias" oder Kinofilme wie "Bad Company" und "Der Einsatz". Bei weniger schmeichelhaften Werken wie "Das Mercury Puzzle", "Staatsfeind Nr. 1", "Spy Game" oder "Die Bourne Identität", in denen die Agency Jagden auf unschuldige Bürger oder die eigenen Leute veranstaltete, lehnte Brandon hingegen jegliche Hilfe ab: "Wenn uns jemand verleumden will, besteht von uns aus kein Interesse einer Zusammenarbeit."

Produzenten, Drehbuchautoren und Regisseure von den positiven Aspekten einer Organisation zu überzeugen, die wie in den schlimmsten Phasen des Kalten Krieges weltweit nach Gutsherrenart wütet, gestaltet sich für Chase Brandon zunehmend komplizierter. "In unserem Land herrscht schon seit den neunziger Jahren eine gewisse Ernüchterung", weiß Stacey Snider, Studio-Chefin von Universal. "Damals war der typische Spionagefilm ein Tom-Clancy-Blockbuster". Doch solche Filme werden heute nicht mehr toleriert: "Wir können es uns heute nicht mehr leisten, mit solchen Themen unseren Spaß zu haben – dafür steht zuviel auf dem Spiel."

Klischees von Gut und Böse sind überholt

Die Romane des Bestseller-Autors Tom Clancy waren ganz nach CIA-Gusto: Vom Kalten Krieg geprägte Techno-Thriller, in denen der Analyst Jack Ryan gegen alle Widerstände das Gute (Amerika) gegen das Böse (Drogenbarone, martialische Araber, fehlgeleitete Regierungsbürokraten, fiese Russen) verteidigte. Und natürlich goutierte die Agency auch deren Verfilmungen "Jagd auf Roter Oktober", "Die Stunde der Patrioten" und "Der Anschlag". Bei letzterem, 2001 mit Ben Affleck in der Hauptrolle gedreht, fungierte Brandon als Berater.

"Der Niedergang der CIA" ist Vorbild für "Syriana"

"Ein einsamer CIA-Analyst nimmt das Gesetz in die Hand, bricht ins Pentagon ein, um an wichtige Informationen zu gelangen. Das ist genau die CIA-Attitüde: Alles ist legitim, wenn es der Sache dient", sagt Robert Bear, der sich wie viele ehemalige Agency-Beamten aufgrund der jüngeren Geschehnisse von seinem einstigen Brötchengeber abgewandt hat. Baer arbeitete 21 Jahre für die CIA und leitete geheime Operationen im Libanon, Irak und Sudan. Nach seinem Ausscheiden vor acht Jahren verarbeitete er seine Erfahrungen in dem Buch "Der Niedergang der CIA", das als Vorlage für Stephen Gaghans Film "Syriana" diente, der diese Woche in unseren Kinos startet und, natürlich, nicht von Brandon unterstützt worden ist.

Faustischer Pakt mit Hollywood

Für Baer hat die Zusammenarbeit zwischen der CIA und Hollywood etwas von einem faustischen Pakt: "Die Agency sagt, sie öffnet ihre Türen und zeigt, wie sie arbeitet, doch sie offenbart nur Dinge, die nicht wirklich wichtig sind", sagt er und zieht Parallelen zu jenen Filmen, die während des 2. Weltkrieges vom Verteidigungsministerium produziert worden sind: "pure Propaganda". Die inoffizielle Einflussnahme der CIA auf Hollywood ist so alt wie der Geheimdienst selbst. So schickte etwa die Agency schon kurz nach ihrer Gründung 1947 Undercover-Agenten in die Studios, um auszuspionieren, ob Amerika in Filmen auch sauber dargestellt wurde. In den fünfziger Jahren gründete die CIA die Sender Radio Free Europe und Radio Liberty, die ihre Propaganda weit in den Ostblock trugen, und für die sich auch Kino-Stars wie Bing Crosby, Henry Fonda, Rock Hudson und der spätere US-Präsident Ronald Reagan einspannen ließen.

CIA-Spione als unpatriotische Egoisten

Aber viele Überstunden mussten die Herrschaften aus Langley damals nicht leisten, die Filmbranche war größtenteils ohnehin stramm auf Anti-Kommunismus gebürstet. Wie im richtigen Leben galt auch auf der Leinwand die Maxime: Unsere Seite ist trotz aller Mängel gut, die andere Seite ist trotz aller Tugenden böse, und die Moral wird nicht in Frage gestellt. Produktionen wie „Der hässliche Amerikaner“, in der Marlon Brando 1962 als US-Botschafter in einem fiktiven asiatischen Land rücksichtslos und ignorant die Interessen seiner Regierung durchzusetzen versucht, bildeten die Ausnahme. Und da über die Aktivitäten der CIA im Ausland nur sehr wenig an die Öffentlichkeit gelangte, konnten die Untergrundkriege nach Belieben verschlüsselt behandelt werden. Erst in den späten sechziger Jahren durchbrachen Filme wie "Ipcress – Streng geheim" (1965) mit Michael Caine oder Otto Premingers "Brief an den Kreml" (1968) dieses Prinzip, in dem sie die Feinde auch in den eigenen Reihen ausmachten, und CIA-Spione als ziemlich unpatriotische Egoisten vorführten.

Trotz Polit-Trend, Geld verdienen ist Nummer Eins

So positiv der aktuelle Polit-Trend und die damit verbundene steigende Zahl qualitativ hochwertiger Filme auch sein mag, braucht man sich keine Illusionen zu machen. Hollywood will heute wie gestern zuallererst lieber gutes Geld verdienen, als die Welt verändern. Wenn beides zusammen funktioniert, umso besser. Der Mut der Studio-Chefs weiter auf solche Filme zu setzen, resultiert vor allem daraus, dass die meisten davon bisher schwarze Zahlen geschrieben haben. George Clooney, der für seine Leistung als Robert Baers Alter Ego Bob Barnes in "Syriana" sowohl mit dem Golden Globe als Bester Nebendarsteller ausgezeichnet wurde als auch für einen Oscar nominiert ist, und sich für "Good Night and Good Luck" Chancen auf den Regie-Oscar ausrechnet kann, sieht das ganz unromantisch: "Wir können den Leuten nicht mit großen Botschaften kommen", sagt er. "Letztlich geht es immer noch darum zu unterhalten."

Filme über 9/11 in Planung

Und so hat Hollywood also seine Produktionsmaschinen auf den guten ideologischen Zweck programmiert. Über ein Dutzend Filme sind derzeit in der Pipeline, die sich kritisch mit der jüngeren Geschichte Amerikas und unbequemen Wahrheiten beschäftigen. So sind mit Oliver Stones "World Trade Center", "Flight 93" von "Bourne Verschwörung"-Regisseur Paul Greengrass und "Reign O'er Me" mit Adam Sandler gleich drei Projekte über den 11. September in Arbeit. Adaptiert werden sollen überdies zwei Bücher des ehemaligen Terror-Experten der US-Regierung, Richard Clarke: "Against All Enemies", das die Versäumnisse der Bush-Administration anprangert und der Roman "The Scorpion's Gate", in dem die USA einen Atomkrieg im Nahen Osten provozieren, um ihre Öl-Interessen durchzusetzen.

CIA wird auf's Korn genommen

Und neben dem Präsidenten, den Dennis Quaid in Paul Weisz Satire "American Dreamz" als debilen Einfaltspinsel gibt, wird auch die CIA in zwei Produktionen auf's Korn genommen: Tom Hanks spielt in "Charlie Wilson's War" die Titelrolle jenes charismatischen Kongressabgeordneten, der die verdeckte Operation zur Bewaffnung der Mudschaheddin im Afghanistan-Krieg initiierte. Bereits abgedreht ist indes Robert De Niros "The Good Shepherd", der aus Sicht des Gegenspionage-Offiziers Edward Wilson (Matt Damon) die frühe Geschichte der CIA bis zum Schweinebucht-Desaster 1961 schildert. "Wir wollen mit dem Film versuchen zu zeigen, was in der CIA damals wirklich passierte", erklärt James G. Robinson, Chef der Produktionsfirma Morgan Creek. "Was das angeht, haben wir noch einen langen Weg vor uns." Ob Chase Brandon ihn mitgehen wird, ist mehr als fraglich.